Für ein besseres Miteinander aller Kulturen in unserer Stadt
Zu Beginn der 90iger Jahre waren in verschiedenen Städten Deutschlands Übergriffe und Anschläge auf Asylbewerber-Heime und jüdische Einrichtungen zu beklagen. Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus waren Auslöser dieser Exzesse. In vielen Städten, so auch in Mülheim an der Ruhr, kam es zu spontanen Demonstrationen, aber auch zu Kundgebungen und Lichterketten ("Aufstand der Anständigen") gegen diese Gewalttaten.
Nachdem am 9. März 1993 der Mülheimer Mustafa Demiral in Folge eines fremdenfeindlichen Anschlages im Umfeld des Mülheimer Rhein-Ruhr-Zentrums starb, war in unserer Stadt besondere Sensibilisierung für ein besseres Miteinander der Menschen aus unterschiedlichen Kulturen festzustellen. Die Überführung seiner Leiche war zugleich eine eindrucksvolle Demonstration gegen Gewalt und für ein besseres Miteinander aller Kulturen.
Der fürchterliche Brandanschlag von Solingen, dem am Pfingst-Samstag des Jahres 1993 fünf Mitglieder der Familie Genc zum Opfer fielen, führte dann bei einer spontan von Oberbürgermeisterin Eleonore Güllenstern einberufenen Zusammenkunft zur Bildung des "Runden Tisches gegen Ausländerfeindlichkeit".
Bei dieser Sitzung am Pfingst-Dienstag, am 1. Juni 1993, verständigten sich 45 Frauen und Männer aus 29 Vereinen und Verbänden darauf, an diesem Runden Tisch mitzuarbeiten und das Miteinander in unserer Stadt nachhaltig zu verbessern.
In einer zunächst verabschiedeten "Mülheimer Erklärung" wurden die Grundlagen für die spätere Arbeit gelegt. Diese Mülheimer Erklärung wurde in den Folgejahren immer wieder aktualisiert und ist bis heute "Maßstab" für das Handeln der MIT – Mülheimer Initiative für Toleranz.Als erste öffentlichkeitswirksame Maßnahmen wurden zwei Aktionen umgesetzt: Die Plakataktion mit einem "Roten Ampelmännchen" war darauf gerichtet, aufzuschrecken und zu mahnen. Sie richtet sich gegen Ausländerfeindlichkeit: STOP! Hass verbrennt Menschen. Ausländerinnen/Ausländer sind Mitbürgerinnen/Mitbürger. Gespräche verbinden. Gemeinsamkeit macht stark. Schauen Sie nicht weg.
Eine zweite Plakataktion mit einem "grünen Ampelmännchen" hatte das Motto: Miteinander für Gerechtigkeit: Immer. Es sollte das Auf-einander-zu-gehen fördern und stellte den Aspekt für ein besseres Miteinander der Menschen aller Kulturen in unserer Stadt in den Vordergrund.
Weitere Plakataktionen, aber auch Kreativ-Wettbewerbe, vornehmlich für Kinder und Jugendliche folgten und brachten die erfreuliche Bestätigung, dass gerade bei Kindern und Jugendlichen die Nationalität und die dadurch vielfach bedingte Zugehörigkeit zu einer anderen Kultur keine Rolle beim Miteinander spielen. Der tägliche Umgang miteinander, sei es in Schule, in Verein oder bei der Gestaltung von Freizeitaktivitäten, ist insbesondere bei Menschen der jüngeren Generation, auch wenn sie in unterschiedlichen Kulturen aufgewachsen sind, erfreulicherweise geprägt von einem selbstverständlichen Miteinander.
In den letzten 15 Jahren wurden durch den "Runden Tisch gegen Ausländerfeindlichkeit", dem späteren "Runden Tisch gegen Rassismus, Diskreminierung und Gewalt" - ab 2002 - durch die "MIT – Mülheimer Initiative für Toleranz" weitere Maßnahmen der Öffentlichkeitsarbeit mit guten Erfolgen und großen Beteiligungen durchgeführt. Die Resonanz reichte über die positive Wahrnehmung durch die Mülheimer Bevölkerung bis zur Presseberichterstattung "vor Ort" und in überörtlichen Zeitungen bis hin zu Meldungen in Radio und Beiträgen im Fernsehen.Zu den Maßnahmen zählen auch die alljährlichen Gespräche mit Bürgerinnen und Bürgern bei den Interkulturellen Festen und den Veranstaltungen im Rahmen der Interkulturellen Woche der ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger.
Die Bemühungen des Runden Tisches bzw. der MIT – Mülheimer Initiative für Toleranz hatten schon immer einen politischen Hintergrund und wurden in den letzten Jahren in diese Richtung weiter verstärkt. Im Zusammenhang mit dem Bemühen um ein besseres Bleiberecht für langjährig Geduldete wurde die MIT – Mülheimer Initiative für Toleranz zum Beispiel auf allen Ebenen der Politik aktiv. Mit der Forderung für ein "Bleiberecht für Flüchtlingskinder" und dem Slogan "Wer lange hier lebt, soll bleiben dürfen" haben die Aktivitäten gar bundesweite Beachtung gefunden.
Darüber hinaus hat sich die MIT – Mülheimer Initiative für Toleranz zum Ziel gesetzt, im Gedenken an die Opfer des nationalsozialistischen Gewaltregimes "Stolpersteine" zu verlegen und damit einen Beitrag zur Aufarbeitung der Verbrechen der NS-Diktatur in unserer Stadt zu leisten. Eine Arbeitsgruppe der MIT – Mülheimer Initiative für Toleranz kümmert sich ständig um die Weiterentwicklung dieser "Maßnahme gegen das Vergessen".
In der Tatsache, dass Mülheim an der Ruhr die "Europäische Charta für den Schutz der Menschenrecht in der Stadt" unterzeichnet hat, macht sich die MIT – Mülheimer Initiative für Toleranz, vertreten durch die Oberbürgermeisterin, zusammen mit anderen "Charta-Städten" stark für eine gemeinsame Bewegung für ein kommunales Wahlrecht für "Ausländer". Hier bedarf es weiterer Bemühungen, um eine solche Forderung auch politisch um- und durchzusetzen.
Moderatoren der MIT – Mülheimer Initiative für Toleranz sind seit der Gründung immer die jeweiligen Stadtoberhäupter gewesen: Eleonore Güllenstern, Hans-Georg Specht, Jens Baganz und aktuell Dagmar Mühlenfeld, die diese Tradition selbstverständlich fortsetzt.
Auch für die Zukunft gilt: Ein gutes Miteinander in unserer Stadt ist kein selbstverständliches Ergebnis, sondern ein Weg, der immer neu beschritten werden muss!
Friedrich-Wilhelm von Gehlen
Mülheim an der Ruhr, im Februar 2008
Der Autor war von 1993 bis 2007 Geschäftsführer des "Runden Tisches" bzw. der "MIT – Mülheimer Initiative für Toleranz" und ist auch heute weiter aktives Mitglied der Initiative.
[schließen]
Bookmarken bei