25 Jahre Theater an der Ruhr (2006)

Rede zur offiziellen Jubiläumsfeier im TaR vom 19.11.06

Das Theater an der Ruhr wird 25! Dieser außergewöhnliche Anlass erfordert ungewöhnliche Gedanken. Gestatten Sie mir deshalb heute einige erläuternde Bemerkungen zur Bedeutung des Ästhetischen, Politischen und Internationalen unseres Theaters an der Ruhr und zu seiner Funktion in der Stadt und für die Stadt.

Seit der Gründung des Theaters und der hier stattfindenden einzigartigen Theater- und Kulturarbeit hat das TaRs große Verdienste um unsere Stadt erworben; hat es unsere Stadt zu einem bedeutenden Ort der Theaterkunst mit weltweiter Ausstrahlung gemacht.

Noch heute ist vom Mülheimer Theatermodell die Rede, wenn über das Theater an der Ruhr berichtet wird, getragen von einer gemeinnützigen Gesellschaft, in der Stadt und Künstler gemeinsam als Gesellschafter fungieren und diese gewählte Organisation die künstlerische Arbeit unterstützt. Ciulli, Schäfer, Habben und Schlöttcke kreierten und leben ein alternatives Modell, geleitet von einer eigenen Vision und geprägt von eigenem Risiko, hoher Mobilität und der Stärke der kollektiven Schöpfungskraft.

"Ich versuche, die Schauspieler so intensiv wie möglich in die kreative Arbeit mit einzubeziehen", sagt Ciulli. Mehr noch: "Ich halte Schauspieler grundsätzlich nicht rein für Interpreten, sondern auch für kreative Autoren."

Der Ensemblegedanke, ablesbar auf jedem Brief, der das Theater verlässt, der nicht nur ein Theater ohne Pförtner und Souffleuse meint, sondern eine oft über viele Jahre hart arbeitende Gruppe von Menschen, die sich dem bedingungslosen Theatermachen verschrieben hat, an der jeder auf seinem Platz zu jeder Zeit sich verantwortlich für das Gelingen des Ganzen fühlt, ist sicher ein Garant für den Erfolg.

Aber nicht nur deshalb kann das Theater an der Ruhr als unverwechselbar in der bundesdeutschen Theaterlandschaft bezeichnet werden. Das Theatermodell Mülheim an der Ruhr ist auch das Projekt einer anderen Politik, nämlich der Versuch, über ästhetische Erfahrungen das gesellschaftliche Leben zu verändern.

Seit jeher mutet das Theater uns Zuschauern einiges zu. Vertraute Erwartungen den Klassikern der Weltliteratur quasi heimelig zu begegnen und vertraute Erklärungen wiederzufinden werden planvoll enttäuscht. Das Material der Texte ist methodisch oftmals bis aufs Skelett entblößt, um Raum zu schaffen für Improvisation und magische Bilderwelten.

Dabei ist das Theater Ort der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und zugleich Zukunftswerkstatt. Es stellt Alltag dar - und stellt ihn auf den Kopf.

Es leuchtet Hintergründiges und Abgründiges aus. Es stellt Vertrautes in Frage und macht uns Fragwürdiges vertraut. In einer technisierten und weithin auf Finanzdebatten reduzierten Lebenswirklichkeit setzt das TheaterGedanken und Gefühle frei, die Kopf und Herz berühren und damit oft verschüttete Fähigkeiten eines Menschen wieder beleben.

Die mutigen Vorstöße der Inszenierungen an der Frontlinie der Modernität verlangen also von uns als Zuschauer eine andere Wahrnehmung, die nicht mehr mit Klischees rechnet, sondern bereit ist, sich unvoreingenommen dem zu stellen, was aus der Improvisation geboren wurde.

Inszenierungen, die unseren Ehrgeiz, alles zu verstehen, voll befriedigen, gehen aus dem Weg, wozu sich Kunst bestimmt. Sie verraten den Zauber des Geheimnisvollen, mit dem sich nach Kant ein Kunstwerk "gegen den Schematismus der reinen Vernunft" wappnet. Denn was ein Kunstwerk rätselhaft macht, ist die "Unendlichkeit des Assoziierens" Und je mehr sich der Zuschauer dem Strom ungefälliger Assoziationen überlässt, um so eher wird ihm klar, wie sich das Besondere mit dem Allgemeinen, das Mythische mit dem realen, das Subjektive mit dem Kollektiven kurzschließt.

Und je präziser ein Bild, umso so allegorischer erscheint es. Ein mehrschichtiges Gesamtbild, zusammengesetzt aus lauter Einzelbildern. Unmöglich, alles auf Anhieb zu verstehen, alles auf einen Nenner zu bringen. Die Irritation basiert auf Mehrdeutigkeit. Nicht die Interpretation der Interpretation ist von Belang, sondern das, was an Einbildungskraft beim Sehen hervorgerufen wird. Wer sich damit begnügt, nur zu konsumieren, was er sieht wird sich überfordert fühlen. Nein - lernen muss er, hier anders wahrzunehmen,. sich auszusetzen einem phantastischen Realismus ohne Ufer, der die Kreise alltäglicher Wahrnehmung stört.

Hier wird das Kunstverständnis deutlich, Theater nur mit und aus einer politischen Haltung heraus machen zu können und vor allem, dass auch das Theater die Welt verändert. "Wenn ich daran nicht glauben würde, könnte ich es nicht machen", sagte Ciulli in einem Interview, da verhalte es sich mit der Kunst ähnlich wie mit der Politik

Das Theater hat in der modernen Medienlandschaft eine existentielle Bedeutung. Während die Massenmedien nur Informationen vermitteln, aber keinen Diskurs stiften, kann das Theater die "Masse sprengen", sich an den Einzelnen richten und individuelle Selbsterkenntnis-Prozesse auslösen.

Das Theater ist auch Ort der Sehnsucht nach einer Gesellschaft, die keine geographischen, sprachlichen, religiösen oder politischen Barrieren kennt, nach einer Gesellschaft, die von der Vielfalt des kulturellen Erbes eines jeden einzelnen Menschen lebt und auf diese Weise Neues entstehen lässt.

Als kultureller Botschafter hat das Theater an der Ruhr auch mit seinem internationalen Engagement eine Vorreiterrolle übernommen. Seine Arbeit ist ein Beispiel dafür, dass mit den Mitteln bzw. Möglichkeiten der Künste der wichtige Prozess der Integration begleitet und gestaltet werden kann.

Angetrieben von dem Credo, dass das "Theater der verzweifelte Versuch ist, das Verschwinden des Menschen aufzuhalten" und dem Ziel, mit dem Theatererlebnis die Menschheit dem Humanismus näher zu bringen", "ist die politische Überzeugung verbunden, dass ein Theater, das nach ethischen Prinzipien handelt, etwas verändern kann, wenn auch nur millimeterweise".

Was kann ein kritisches deutschsprachiges Theater, auch wenn es nicht ausschließlich in der deutschen Sprache aufführt, in einer Welt erreichen, die verändert wird durch Globalisierung und scheinbar überflutet ist von Informationen, während sie in Gleichgültigkeit badet?

Deutschland ringt wie die meisten anderen europäischen Gesellschaften mit Multikulturalität, mit Integration von Migranten und deren Nachkömmlingen. Der Dialog der Kulturen des Theaters an der Ruhr ist ein lebendiger Austausch von Wissen, Erfahrungen, Lebensweisen und schöpferischem Handeln von Künstlern für die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt. Das Theater an der Ruhr verbindet so Welten und Menschen. Es gewährt Einblicke in die Kultur und in die Theatertraditionen von Ländern, über die man in Europa oft nur wenig weiß und macht Mülheim so ein Stück mehr zur offenen Stadt.

Das Theater an der Ruhr nimmt als Spezialist für interkulturelle Kompetenz schon jetzt eine zentrale Rolle ein, die, den demografischen Wandel im Blick, zukünftig noch zunehmen wird: Denn Auseinandersetzungen zwischen dem Vertrauten und dem Fremden gehören zu den wichtigen Lernprozessen aller Gesellschaften und ihrer sich aus Begegnung und gegenseitiger Verwandlung neu bildenden Kultur.

Seit seinen frühen Theaterexperimenten weiß Ciulli, dass Dialog allein nicht ausreicht, da er oft Interesse nur vortäuscht, während er meistens die Verhältnisse so belässt, wie sie sind. Er erkennt, dass Kulturen sich nicht im Gespräch miteinander befinden, sondern miteinander konkurrieren, aneinander geraten, sich behindern, provozieren und um Einfluss kämpfen; dass sie nicht homogene, stimmige Konzepte sind, sondern Bündel verschiedener Meinungen und Praktiken, die an ihren eigenen inneren Widersprüchen kranken. Er hat die Höflichkeit des Dialogs und die banale Symmetrie des »Kulturellen Austauschs« hinterfragt, hat die Grenzen der Kulturen, institutionellen Machtanordnungen, Hierarchien und Autoritäten ausgelotet, sich denen, die das Mittel der Angst für ihre Zwecke nutzen, entgegengestellt, hat Stereotypen und Vorurteilen mit der Unmittelbarkeit der Erfahrung und der Konzentration gemeinsamer Reflektion entgegenarbeitet.

Für dieses ausdauernde, leidenschaftliche Bestreben, das Fremde zu verstehen, mit Hilfe von symbolischen Rollen und Situationen, die letztendlich ihn selbst, seine Mitarbeiter und Zuschauer verändern, bringt er das Theater als Fahrzeug der Emanzipation auf den Weg und setzt die beleuchtete Bühne als ein bescheidenes aber lebendiges Reich der Freiheit ein.

Man sollte Kunst nicht fördern, weil sie Frieden stiftet. Auch nicht nach Kriterien der Politik und der medialen Sichtbarkeit. Man sollte sie vielmehr nach Gesichtspunkten der Qualität und der Nachhaltigkeit fördern.

Dann kann sie auf höchst verschlungenen Wegen friedensstiftend wirken, auch und gerade in Regionen, die voller Konflikte sind.

Der Arbeit des Theaters an der Ruhr liegt der Glaube an die universelle Sprache des Theaters und die Idee des Reisens und damit des Brückenbauens zwischen Blöcken und Kulturen zugrunde. Aber natürlich ist das Theater an der Ruhr ein politisches Theater. Doch wäre es beispielsweise in den Iran gereist, um Politik zu machen, hätte niemand es ernst genommen. Um die politischen Verhältnisse dort als reformbedürftig zu erkennen, brauchen die iranischen Theaterleute keine Aufklärung aus dem Westen.

Ernstgenommen wurde das Theater an der Ruhr wegen seiner Theaterkunst. Das Interesse bestand nicht darin, die Iraner mit den Segnungen westlicher Kultur vertraut zu machen, sondern dauerhaft mit den Theaterschaffenden in Iran zusammenzuarbeiten. Dieses langfristige Interesse hat ein spektakuläres und politisch hochbrisantes Ereignis wie die erste Aufführung oder später die erste Inszenierung eines deutschen Regisseurs in Teheran erst ermöglicht.

Jede Theateraufführung ist auch immer eine Reise ins Land der Phantasie. Dabei begegnen dem Zuschauer im Zusammenspiel von Darstellungskunst, Maske, Bühnenbild, Beleuchtung und Musik Symbole, die wie ein Zauber wirken. Das Lachen hat dabei ebenso seine Bedeutung wie die Clownerie. Beide ermöglichen es, sich von der Alltäglichkeit zu befreien.

Theater sind Räume eines kollektiven Gedächtnisses, Orte der aktiven Erinnerung, in ihnen wird das Vergangene Gegenwart in der Frage nach unserer Zukunft: Es sind die Geschichten von Hoffnungen und Träumen des Menschen, von seinen Niederlagen und Empörungen, von der Sehnsucht, sein Leben selbst gestalten zu wollen. Gäben wir diese Orte auf, indem wir sie ausschließlich einer kalten Kosten-Nutzen-Rechnung unterziehen, gäben wir hin, was menschen-möglich wäre.

Überlassen wir Sprache, Bewegung, Musik, überlassen wir die Erzählungen von der Welt jenen, die ausschließlich das ökonomische Prinzip des Mehrwertes, die Einschaltquote im Kopf haben, so müssen wir uns nicht wundern, wenn menschliche Gestaltungsmöglichkeiten in diesem eisigen Interesse ertrinken.

Die um sich greifende Verwertermentalität trocknet eine Gesellschaft geistig aus. Ich setze dem - und das sollten Sie ebenso selbstbewusst tun - den Eigenwert der Kultur entgegen.  

Es muss uns allen daran gelegen sein, diese Enklaven des Risikos der Phantasie, des kreativen Streites und der produktiven Auseinandersetzung, der sinnlichen Konkretion und des Glückes des Augenblickes zu erhalten. Und: Kunst und Kultur müssen noch stärker in den Mittelpunkt des politischen Handelns rücken.

Das heißt: Wir brauchen eine Bildungspolitik, die ästhetische Erziehung als unverzichtbar erkennt und realisiert. Wir brauchen eine Finanzpolitik, die Kunst und Kultur nicht dem Markt ausliefert und die Städte finanziell so ausstattet, dass sie eine Zukunft haben. Wir brauchen eine Kulturpolitik, die wieder Perspektiven für die Gesellschaft entwickelt und nicht vorrangig den finanziellen Mangel verwaltet.

Das alles findet man im Theater an der Ruhr von Anbeginn. Diese Stärken des Theaters müssen wir auch für die gesellschaftliche Debatte über die Zukunft der Theater nutzen.

Kulturelle Identität und kreatives Handeln nehmen den ganzen Menschen in den Blick und reduzieren ihn nicht auf seinen Nutzen. Deshalb ist kulturelle Bildung wichtiger denn je, damit Kosten und Nutzen nicht zu Maßstäben menschlicher Existenz in unserem Lande werden.

Theater ist ein Ort, in dem auch Wissen und Erfahrung vermittelt wird. Es prägt unsere Gesellschaft kulturell auf unverwechselbare und auf unersetzbare Weise, weil es einen besonderen Blick auf die Welt ermöglichen, die heutige und die vergangene.

Wenn Kreativität nicht nur gelernt, sondern auch gelebt werden soll, brauchen wir auch das Theater. Dafür müssen wir Angebote bereithalten und nicht abbauen. Dafür müssen wir aber auch alles vermeiden, was danach aussieht, als habe man es mit einer aussterbenden Gattung zu tun. Sonst hätte das Theater seine Zukunft hinter sich.

Darum macht das Theater die Schülerinnen und Schüler und die Lehrerinnen und Lehrer zu seinen Verbündeten. Wir brauchen die andere Erfahrung im Theater, die sie von der elektronischen oder digitalen Welt unterscheidet. Bildung ist mehr als das, was PISA untersucht hat. Musik und Theater gehören in die Schulen wie Mathematik und Physik. Bildungsnahe Einrichtungen brauchen wir als Verbündete ebenso wie eine bildungsbereite Atmosphäre im Elternhaus. Nur dann haben junge Menschen die Chance, aktiv teilzuhaben. Kulturelle Bildung ist ein zentraler Baustein für die Persönlichkeitsentwicklung und muss entsprechend gefördert werden.

Wenn über Theater im Zusammenhang mit Geld gesprochen wird, fallen reihenweise Begriffe wie: hochsubventioniert, Luxusgut oder aber chronisch unterfinanziert. Um nicht missverstanden zu werden, da gibt es manche Fragen, die ich für völlig legitim halte. Aber zunächst müssen wir uns darüber klar werden, wie viel wir uns leisten wollen an Theater und wie wenig wir uns leisten dürfen.

Die Frage, was wir uns leisten können, führt mitten in den Alltag unserer Zeit. Aber das Denken allein in finanziellen Kategorien lähmt die Kreativität und schadet der Kunst.

Der große Schauspieler Rolf Boyzen hat in der Debatte um das Berliner Schillertheater bemerkt: "Jedes geschlossene Theater ist ein Sarkophag der menschlichen Sehnsucht, mehr von sich zu erfahren, als er sich selbst träumen lässt. Diese Sarkophage sind gezimmert aus ökonomischer Opportunität, geistigem Hochmut und politischer Dummheit. Und es könnte leicht sein, dass die, die darüber zu befinden haben, plötzlich nicht mehr darüber befinden können. Denn dauernde Entbehrungen, dauernde Verarmung führen am Ende zur Revolte – wenn auch nur zu einer geistigen. Sie sollen Theater spielen lassen, diese weltlichen Spieler, denn das Spiel des Theaters könnte ihrem eigenen, das wahrhaftig nicht billig ist, wenigstens noch einen Hauch von Poesie schenken." 

In diesem Sinne wünsche ich dem TaR noch viele Jahrzehnte erfolgreicher Arbeit. Und ich appelliere an uns alle, das Theater an der Ruhr als eine kulturelle, eine ästhetische und politische Investition in die Zukunft unserer Stadtgesellschaft zu sehen. Und als solche zu verteidigen.

Kontakt


Stand: 20.11.2006

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