Die Geschichte der Fluggesellschaft LTU

Werbeanzeige der Firma LTU in den 1970er JahrenDie Fluggesellschaft LTU war über fünf Jahrzehnte einer der großen Ferienflieger Deutschlands. Jedes Jahr brachte die Airline bis zu 6 Millionen Passagiere an über 70 verschiedene Ziele weltweit. Die beliebtesten Urlaubsregionen der Deutschen rund um den Globus wurden von LTU angeflogen: Nahziele wie Palma de Mallorca fanden sich im Streckennetz ebenso wie Kapstadt, Bangkok oder Miami. Weithin unbekannt ist jedoch, dass die Geschichte dieses Unternehmens einst ganz bescheiden begonnen hatte.

In den Jahren des deutschen Wiederaufbaus und Wirtschaftswunders war Fliegen zunächst ein Luxus und überwiegend reichen Geschäftsleuten, Politikern und prominenten Künstlern aus der Unterhaltungsbranche vorbehalten. Urlaubsflüge in ferne Länder waren kaum erschwinglich. Die Sehnsucht der Deutschen nach Urlaub im Ausland wurde durch Reisen nach Italien befriedigt. Man nahm den Wagen, überquerte die Alpen und genoss dort das "dolce vita" an den italienischen Stränden. Ein deutsches Massenphänomen.

In England war man einen Schritt weiter: Dort wurden bereits die ersten gut betuchten Touristen mit Flugzeugen in den Süden gebracht - allerdings zu entsprechenden Preisen und nur "bei Bedarf" an Sommerwochenenden, wenn die Maschinen nicht anderweitig für Frachttransporte benötigt wurden. Der Engländer Bernard A. Dromgoole sah die Gelegenheit, die Geschäftsidee der sogenannten "Bedarfsflieger" auch in Deutschland umzusetzen. 1945 mit den Alliierten nach Deutschland gekommen, war Dromgoole nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst bei den britischen Streitkräften in Frankfurt ansässig und bemüht, als Geschäftsmann in Deutschland Fuß zu fassen. Zusammen mit seinem Freund und Landsmann Ronald Myhill gründete er am 8. Februar 1955 die Fluggesellschaft "Lufttransport-Union", kurz "L.T.U.". Ohne deutsche Beteiligung war jedoch eine Lizenzierung nicht möglich. So kam Kurt Conle ins Spiel, ein flugbegeisterter Architekt und Bauunternehmer aus Mülheim an der Ruhr.

Kurt Conle, am 10. März 1918 als Sohn eines Schreinermeisters in Mülheim-Speldorf geboren und aufgewachsen, hatte nach einer Ausbildung zum Zimmerer und Tischler in München und Düsseldorf Architektur studiert. Zusammen mit seinem drei Jahre älteren Bruder Heinrich hatte er anschließend 1948 ein Architekturbüro gegründet, das sich sich erfolgreich entwickelte und nach einigen Jahren für über 30.000 Wohnungen, unzählige Verwaltungsgebäude, Schulen, Krankenhäuser und andere Einrichtungen verantwortlich zeichnete.

Der Unternehmer Kurt Conle verfügte über zwei Eigenschaften, die für die Gründung der Firma LTU von Bedeutung waren: er war deutscher Staatsbürger und er verfügte durch seine bisherige Tätigkeit über gute Kontakte zu den Banken, auf deren Kredite das junge Unternehmen angewiesen war. Conle galt als flugbegeisterter Mann, der eine Vision hatte: Urlaubsreisen mit dem Flugzeug allen Deutschen zu ermöglichen. Er fasste dies später in dem legendären Satz zusammen: "Fliegen ist für alle da!".

Der Kontakt der britischen Firmengründer zu Conle kam über den Wiesbadener Geschäftsmann Sachsenberg zustande, der zusammen mit seinem Geschäftsfreund Reiberg über ein Drittel der Geschäftsanteile von LTU verfügte. Kurt Conle erwarb von Sachsenberg für sich privat eine zweimotorige Cessna und konnte bei dieser Gelegenheit für die Geschäftsidee von LTU gewonnen werden. Am 20. Oktober 1955 wurde das Unternehmen in das Handelsregister eingetragen. Kurt Conle hatte die erforderlichen Bankkredite besorgt und war zu diesem Zeitpunkt im Besitz der Mehrheitsanteile.

 

Die Vickers Viking, eine der ersten Maschinen von LTU (um 1956)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die ersten Jahre

Nach dem Eintrag ins Handelsregister wurden zunächst zwei gebrauchte Vickers Viking Maschinen gekauft: fabrikneue Flugzeuge waren in der Bedarfsfliegerei nicht üblich, da zu teuer. Nicht mehr als 36 Passagiere fanden Platz an Bord, eine überschaubare Gruppe, die dementsprechend auch nur von einer einzigen Stewardess betreut wurde. Am 2.März 1956 startete der erste Flug der jungen Airline: von Frankfurt am Main nach Catania/Sizilien. Dafür hatte die begleitende Stewardess zuvor in einem Frankfurter Kaufhaus in Eigenregie Thermoskannen, Teller und Tassen erworben. Am Steuerknüppel saß ein Engländer: deutsche Piloten waren schwer zu finden.

Die Flotte wuchs in den Folgejahren: zwei weitere Vickers Viking, eine Bristol, die auch als Frachtflugzeug eingesetzt wurde, sowie eine achtsitzige De Havilland Dove ("Taube"). Damit flog die LTU unter anderem deutsche Politiker im Bundestagswahlkampf durch die Republik - eine willkommene zusätzliche Auslastung der Flugzeugflotte. Man nahm an Aufträgen an, was man bekam, denn einen regulären Flugplan gab es noch nicht. Nicht ungewöhnlich waren auch mehrtägige Gruppenflüge. Die Reichweite der Maschinen war jedoch noch sehr begrenzt. So erforderte ein Flug auf die Kanareninsel Teneriffa anfangs  bis zu zwei Zwischenstopps inklusive Übernachtung. Gemeinsam verbrachten Besatzung und Fluggäste die Abende an den Zwischenstops in einer bisweilen familiären Atmosphäre.

Mit einem Unternehmen aus der Speditionsbranche kam es zum Streit um den Firmennamen. Die andere Firma reklamierte den Namensteil "Transport-Union" für sich und droht mit gerichtlichen Konsequenzen. Aus der "Lufttransport-Union" wurde daher das "Luftransport-Unternehmen", die Abkürzung "L.T.U." (mit den drei Punkten) wurde zu "LTU". Kurt Conle - ab 1959 Hauptgesellschafter - berief 1960 die Piloten Wolfgang Krauss und Ernst-Jürgen Ahrens als neue Geschäftsführer. Die Modernisierung der Flotte und die Bestimmung eines neuen Zentrale standen jetzt auf der Tagesordnung. Man erkannte das Potential des Ballungsraums Ruhrgebiet und des benachbarten Flughafens Düsseldorf. Dort war Anfang der 60er Jahre noch nicht viel los, so dass man sich im Januar 1961 zum Umzug entschloss. Düsseldorf wurde der neue Sitz der Gesellschaft.


Technische Neuerungen

Zur besseren Auslastung der Flugzeugflotte wollte man die Kunden dazu bewegen, auch außerhalb der üblichen Sommersaison in den Urlaub zu fliegen. Gemeinsam mit dem Reiseveranstalter Dr. Tigges überzeugte man die Hoteliers auf Mallorca, Heizungen in ihre Zimmer einzubauen. So wurde Mallorca - seit 1960 als erstes Flugziel der LTU mit regelmäßigem Flugplan angesteuert - zum beliebtesten Urlaubsziel der Deutschen: die Baleareninsel war der Renner der Saison 1961. Kurt Conle gab daraufhin Geld für die Anschaffung eines ersten fabrikneuen Flugzeugs frei: Eine holländische Fokker, die stolze 2,9 Millionen Gulden kostete.  44 Sitze, Klimaanlage, größere Fenster, ein Kabinenraum mit Druckausgleich sowie Turbopropeller statt Kolbenmotoren: Das Mehr an Komfort für die Passagiere war enorm. Die Passagierzahlen stiegen rapide, auf 60.000 im Jahr 1963. Palma de Mallorca, Ibiza, Athen, Dubrovnik und Teneriffa waren die angesagten Ziele.

1965 begann flugtechnisch ein neues Zeitalter. LTU kaufte für seine Flotte einen gebrauchten Düsenjet. Die erworbene Caravelle wurde umgebaut und im Februar 1965 erstmals auf einem Mallorca-Flug eingesetzt. Mit 84 Sitzen fasste sie fast doppelt so viele Passagiere wie die Vorgänger-Propellermaschinen aus dem Hause Fokker. Zudem kündigte sich neue Kundschaft an: Gastarbeiter-Flüge Richtung Jugoslawien und Türkei wurden ins Programm aufgenommen. Das Unternehmen LTU boomte.

Groß war das Entsetzen, als mitten im Aufschwung am 12. Januar 1966 Kurt Conle im Alter von 48 Jahren nach schwerer Krankheit verstarb. Doch der wirtschaftliche Boom ging weiter. Im Jahre 1967 erreichte LTU eine neue Rekordmarke: 250.000 transportierte Passagiere auf über 7.500 Flügen zu rund 20 verschiedenen Zielen. Die Flotte bestand  mittlerweile aus fünf Flugzeugen: zwei Caravelle Jets sowie drei Fokker Turboprops. Zwei Jahre später, 1969, wurden die letzten Propellermaschinen ausgemustert. Als erste deutsche Chartergesellschaft betrieb LTU das Fluggeschäft ausschließlich mit Düsenjets.

LTU-Stewardessen in Hot-Pants (Anfang der 1970er Jahre)Die technische Revolution ging weiter. 1973 wurde erstmals ein Großraumjet des kalifornischen Herstellers Lockheed eingesetzt - der TriStar, ein für die damalige Zeit riesiges Flugzeug mit Platz für 330 Passagiere und einer breiten Großraumkabine mit zwei Gängen statt nur einem.

Mit einer Variante dieses neuen Flugzeugmodells stieg LTU in den Langstreckenverkehr ein. Exotische Fernziele, die sich vorher wegen zu hoher Preise nicht gelohnt hatten, konnten nun nonstop angesteuert werden: 10.000 km waren keine Entfernung mehr. Es ging nach New York und Miami, auf die Bahamas und nach Sri Lanka. Die Erfolgsgeschichte des TriStar wurde zwischen 1973 und 1996 ebenso zur Erfolgsgeschichte der LTU.

Zur besseren Auslastung der Langstrecken-Jets gründete LTU 1980 die Tochtergesellschaft Meier`s Weltreisen, einen Fernreiseveranstalter. Ein Jahr darauf erwarb man die Mehrheit am Reiseveranstalter Tjaereborg, wiederum ein Jahr später wurde der Münchener Veranstalter Jahn Reisen in die LTU-Unternehmensgruppe integriert. Die ursprünglich als reine Fluggesellschaft gegründete Firma LTU wurde zu einem Touristik-Konzern.

1995 investierte das Unternehmen über eine Milliarde Mark in den weiteren Ausbau der Flotte. Die ersten Maschinen des europäischen Herstellers Airbus wurden in Dienst gestellt. Sie lösten nach und nach die in die Jahre gekommenen Lockheed TriStars ab. Auch die Modelle der Hersteller Boeing und McDonnell Douglas wurden ausgetauscht. Die im Jahr 2000 begonnene Umstellung des LTU-Flugzeugparks auf eine reine Airbusflotte war drei Jahre später abgeschlossen. Am 17. Juli 2003 erhielt LTU seinen jüngsten Airbus fabrikneu aus dem Hamburger Werk und verfügte nun über eine hochmoderne Flotte mit ingesamt 24 Flugzeugen.

Nachdem das Unternehmen 2005 noch sein 50jähriges Firmenjubiläum feiern konnte, wurde es 2007 von der konkurrierenden Fluggesellschaft Air Berlin aufgekauft und von deren Eigner Joachim Hunold bis 2011 unter Aufgabe des Traditionsnamens LTU nach und nach in das neue Unternehmen integriert.

Längengrad*
Breitengrad*
ODER Adresse (nur Straße und Hausnummer)
Markertext*

Kontakt


Stand: 21.11.2011

[schließen]

Fehler melden

Sie haben einen Fehler gefunden? Bitte teilen Sie ihn uns mit. Ein Redakteur wird sich umgehend darum kümmern.

Ihre Nachricht

Sicherheitscode (Was ist das?)

 

Bookmarken | Drucken | PDF-Version | RSS-Feed | Fehler melden

Transparenter Pixel