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Das Gesicht der Migration in Mülheim an der Ruhr zeigen

Sayed Siam,1939 in Ägypten geboren, mitten in Kairo, wie er sagt, „im Bauchnabel der Stadt, ganz in der Nähe des alten Königspalastes“, Rentner. Verheiratet, zwei Söhne, die zurzeit hier in Deutschland studieren. Kam 1959 zuerst nach München, später dann nach Mülheim an der Ruhr.
Sayed Siam, Mülheimer Bürger, im Interview zu den Ereignissen in Ägypten

Ägypten: Endlich Freiheit

Als sich der Arbeitskreis Migration & Geschichte und der gebürtige Ägypter Sayed Siam vor einigen Wochen zum Gespräch verabredeten, ahnten wir noch nicht, was dann geschehen sollte? In dieser Zeit haben wir aus Ägypten Bilder gesehen, die die Welt in Atem hielten. Das Volk wollte Demokratie, die Menschen am Nil wollten Freiheit, Mitsprache, echte Teilhabe am Leben, sie riefen nach Pressefreiheit, forderten eine gute Ausbildung, gute Krankenhäuser und gerechten Lohn. Sie waren die Diktatur und die Korruption satt und gingen auf die Straße. „Endlich Freiheit“, das waren die ersten Worte von Sayed Siam beim Treffen am Samstag, 12. Februar 2011, einen Tag nach dem Rücktritt von Husni Mubarak. 18 Tage lang hatten hunderttausende Menschen, später Millionen «Masri hurrija! Masri thaura!» gefordert – «Ägyptische Freiheit! Ägyptische Revolution!» Das Herz der Hauptstadt Kairos, der Tahrir-Platz war zur Bühne derer geworden, die endlich unter Wahrung der Menschenrechte leben wollten, jetzt, sofort. Auch wenn es zwischendurch kurz so aussah, als könnte die alte Macht noch einmal ihre Krallen zeigen, es scheint so, als würde das Leben in den arabischen Ländern komplett neu geschrieben. Aktuell hier bei www.migration-geschichte.de: Das Interview mit Sayed Siam

Migration & Geschichte: Wie sah Ihr Geburtsland Ägypten vor Ihrer Abreise aus?

Sayed Siam: Bis zum Juli 1952 war Ägypten britische Kolonie und Königreich mit König Faruk an der Spitze, es gab eine zum größten Teil demokratische Verfassung. Seit dem Putsch von Gamal Abdel Nasser dann eine Militärdiktatur. Das hat sich bis vor einigen Tagen nicht geändert. Schon vor 60 Jahren haben wir mit Freunden gegen diese Diktatur demonstriert.

Migration & Geschichte: Warum wollten Sie weg aus Ägypten?

Sayed Siam: Man hatte 1952 die Verfassung außer Kraft gesetzt, freie Parteien und Gewerkschaften aufgelöst, unabhängige Zeitungen verboten und die Meinungsfreiheit abgeschafft. Ich hatte mit dem Studium begonnen, es bestand aber keine Chance auf eine Beschäftigung. Meine Mutter sagte: „Lieber gehst Du, bevor man Dich verhaftet“.

Migration & Geschichte: Wann und wie kamen Sie nach Deutschland?

Sayed Siam: 1959 bekam ich Kontakt zu Mitarbeitern von Krupp, die bauten gerade bei Kairo eine Gießerei, diese Verbindung habe ich genutzt. Ich war noch nicht verheiratet, kam zuerst nach München und merkte dort, dass ich hier aufgrund meiner Hautfarbe wohl eher nicht erwünscht sei. Später ging es dann nach Essen, meine erste Unterkunft war das CVJM-Heim am Limbecker Platz, das gerade ganz neu gebaut war. Hier fühlte ich mich sehr viel wohler als in München.

Migration & Geschichte: Wie groß ist die Ägyptische Community im Mülheim?

Sayed Siam: Wir sind hier nur ca. 30 bis 40 Menschen mit ägyptischen Wurzeln, halten aber intensiven Kontakt zu anderen arabisch stämmigen Einwohnern in Mülheim. Unsere Hamza Moschee an der Friedrichstraße zum Beispiel ist ein internationaler Treff, Menschen aus etlichen Dutzend unterschiedlichen Herkunftsländern vereinen sich dort.

Migration & Geschichte: Was ist in den letzten Tagen passiert?

Sayed Siam: Am 25. Januar 2011 habe ich eine erste Mail aus Ägypten bekommen und gehört, dass es zu Demonstrationen gekommen ist. Den Rest kennen wir alle aus den freien Medien hier bei uns. In Ägypten hat man die Leute durch die staatlich gelenkten Medien versucht für dumm zu verkaufen. Wenn 3.000 Menschen auf der Straße waren, sagten die, es seien 300. Zum Schluss ist dann das gesamte Volk auf den Straßen gewesen, von Alexandria im Norden bis Assuan im Süden waren es an einem Tag 20 Millionen.

Migration & Geschichte: Wer hat die Demonstrationen in Gang gebracht?

Sayed Siam: Dieser Beginn der Revolution war vor allem ein Aufstand der „Facebook-Generation“, der jungen Leute. Toll, was die in kurzer Zeit geschafft haben, das ist uns in 60 Jahren nicht gelungen. Dann kam es dazu, dass Internet und Mobilfunk gestört oder ausgeschaltet wurden, das hat aber nichts genutzt. Jeder hat dann zum Beispiel mündlich an zehn bis 20 Leute eine Nachricht weitergegeben, die haben die Empfänger dann in gleicher Form weitergeleitet. Das hat gewirkt.

Der Tahrir-Platz im Zentrum Kairos (Ägypten)
Der Tahrir-Platz im Zentrum Kairos

Migration & Geschichte: Wurde denn die Revolution wirklich vom Volk getragen?

Sayed Siam: Ja, auf dem Tahrir-Platz zum Beispiel haben Ärzte die Demonstranten versorgt und Professoren die Straße gekehrt. Mütter haben Essen gebracht, Jugendliche haben sich um die Hygiene gekümmert. Männer und junge Leute haben Bürgerwehren aufgestellt, um die Geschäfte und Häuser zu schützen. Alle Schichten waren dabei, Frauen, Männer, Kinder und Jugendliche, Arbeiter, Angestellte, Akademiker. Vor allem aber war es eine Revolution der Mittelschicht.

Migration & Geschichte: Hatten Sie während der Revolution Kontakt nach Ägypten?

Sayed Siam: Meine Nichte hat aus Kairo angerufen: „Wir sind auch dabei“, hat sie gesagt, „war wollen das System abschaffen, wir wollen Demokratie. Wir wollen auch an der Weltgeschichte teilnehmen.“ In Ägypten, muss man wissen, leben 40 Prozent der Menschen unterhalb der Armutsgrenze, verdienen am Tag nicht mehr als zwei Dollar. Die Mächtigen dagegen sind unermesslich reich. Ich habe mir natürlich Sorgen gemacht, meine Familie war immer gegen die Militärdiktatur und gegen die Partei. (Anmerkung der Redaktion: Nationaldemokratische Partei. Zu den etwa 2,5 Mio. Mitgliedern zählen die höheren Staatsangestellten und zahlreiche Gouverneure, Stadträte, Dorfvorsteher aber auch Militärs und Vertreter der Privatwirtschaft.) Diese Partei hat das gesamte Leben in Ägypten zu ihren Gunsten gelenkt, der Vorsitzende war Mubarak, sein Sohn hatte dort wichtige Ämter. Korruption waren an der Tagesordnung.

Migration & Geschichte: Was haben Sie hier von Deutschland aus gemacht?

Sayed Siam: Wir sind auf die Straße gegangen und haben für die Freiheit in unserem Geburtsland demonstriert, in vielen Städten Deutschlands. Wir haben Briefe an die Botschaft geschrieben und wir haben uns natürlich Sorgen gemacht, haben gehofft, dass die das schaffen, da am Nil. Wir haben den Leuten da unten gesagt, wir sind an ihrer Seite, wir unterstützen Euch.

Migration & Geschichte: Wie groß war die Erleichterung, als dann der Rücktritt von Mubarak feststand?

Sayed Siam: Wir haben natürlich erst einmal tief durchgeatmet, waren vor allem froh, dass alles halbwegs friedlich abgelaufen ist. Für die Toten während der Revolution konnten die Demonstranten ja nichts, das war ein gelenkter Akt von Mubarak. Das hat der auf seine Kappe zu nehmen. Das war ganz schlimm. Jetzt hoffen wir, dass in sechs bis neun Monaten eine neue Verfassung entsteht. Die Deutsche Verfassung könnte ein Vorbild sein. Bis zum Putsch von Nasser war die Verfassung eher geprägt von französischen Einflüssen. Das wollen wir aber nicht. Wir sehen eher eine Verfassung, in der der Präsident oder die Präsidentin hauptsächlich eine repräsentative Aufgabe hat, wir wollen keine Präsidialrepublik. Die Macht soll vom frei gewählten Parlament ausgehen.

Migration & Geschichte: Gibt es genügend geeignete Kräfte, die die Demokratie aufbauen können?

Sayed Siam: Es gibt genügend Menschen in Ägypten, die alle Fähigkeiten mitbringen, man muss uns nur etwas Zeit geben. Ägypten hat eine ganz lange alte Tradition, was Universitäten angeht. Diese Tradition muss jetzt wieder neu belebt werden. Viele Ägypter sind im Ausland und haben dort großartige Erfahrungen gesammelt. Wer Technik studieren wollte, der ging nach Deutschland. Wer sich um Kultur bemühte, der ist und war in Italien, aus Frankreich kommen Erfahrungen bei der Rechtssprechung, aus den USA und Deutschland kann Transfer in Sachen Medizin stattfinden. Es ist abzusehen, dass viele Exilägypter sich am Neuaufbau beteiligen werden. Die nächsten Wochen schon werden uns ein besseres Bild darüber geben. Wir glauben, jeder wird dem anderen helfen.

Migration & Geschichte: Wie lange waren Sie nicht mehr in Ihrem Geburtsland?

Sayed Siam: Wohl ungefähr fünf Jahre war ich nicht mehr da. Es war immer schwierig, rein- und rauszukommen. Vier bis fünf Stunden Wartezeit bei den Passkontrollen waren normal, verbunden mit allen Schikanen. Ich will aber so schnell es geht an den Nil.

Interview: Klaus Wichmann, Mülheim an der Ruhr, 12. Februar 2011

Fotos: Portraits, Klaus Wichmann; Talet_harb_roundabout-cairo-egypt (Tahrir-Platz), Wikipedia, Crashsystems; Cairo_Nile_River, Wikipedia, Jawed; karte_aegypten, Wikipedia


Zur Person: Sayed Siam, 1939 in Ägypten geboren, mitten in Kairo, wie er sagt, „im Bauchnabel der Stadt, ganz in der Nähe des alten Königspalastes“, Rentner. Verheiratet, zwei Söhne, die zurzeit hier in Deutschland studieren. Kam 1959 zuerst nach München, später dann nach Mülheim an der Ruhr. In Ägypten hatte er ein Betriebswirtschaftsstudium begonnen, in Deutschland machte er eine Weiterbildung zum Konstrukteur für den Großturbinenbau und hat bis zum Ausscheiden aus dem Berufsleben bei Siemens gearbeitet. Er hat die deutsche und die ägyptische Staatsangehörigkeit. Sayed Siam ist Muslim und war zwei Jahre Vorsitzender der Hamza Moschee an der Friedrichstraße, ist u.a. stellvertretender Vorsitzender im „Friedensforum“, betätigt sich im „Bündnis der Religionen“ und ist Mitglied im Lenkungsausschuss „Lokale Agenda 21“.

 Landkarte von Ägypten mit allen Staatsgrenzen.
Landkarte von Ägypten

Ägypten: (offiziell: Arabische Republik Ägypten)... ist ein Staat im nordöstlichen Afrika. Die zu Ägypten gehörende Sinai-Halbinsel wird im Allgemeinen zu Asien gezählt. Das Land grenzt im Norden an das Mittelmeer, im Osten an das Rote Meer, den Gaza-Streifen und Israel, im Westen an Libyen und im Süden an Sudan. Dort ist die Grenze im sogenannten Hala'ib-Dreieck umstritten. Ägypten wird zu den Maschrek-Staaten gerechnet und ist flächenmäßig knapp dreimal so groß wie Deutschland. (Quelle: Wikipedia)

Mit fast 83 Millionen Einwohnern leben in Ägypten ähnlich viele Menschen wie in Deutschland, Amtssprache ist Arabisch. Ca. 3 % der Bevölkerung sind vor allem Christen oder Juden. Die Lebensader des Landes ist der Nil, der über ca. 1.500 km von Süden nach Norden durch das Staatsgebiet fließt, bevor er in das Mittelmeer mündet. Die ägyptische Kultur reicht zurück bis über 3.000 Jahre v. Chr. Der Islam ist Staatsreligion, die Scharia ist die Hauptquelle der Gesetzgebung.

 Der Nil in Ägypten: Flußpanoramaaufnahme.
Kairo mit dem alles beherrschenden Nil

Kairo: Sayed Siam sagt, „... man schätzt die Metropolregion Kairo auf ca. 18 Millionen Einwohner, dazu kommen tagsüber ca. 4 Millionen, die ein- und auspendeln.“ Kairo (arabisch „die Starke“ oder „die Eroberin“), Hauptstadt Ägyptens ist die größte Stadt der arabischen Welt. Von Ägyptern wird die Stadt oftmals auch einfach mit dem Landesnamen Misr, ägyptisch-arabisch Masr bezeichnet.

Kairo ist das politische, wirtschaftliche und kulturelle Zentrum Ägyptens und der Arabischen Welt. Die Stadt ist Sitz der ägyptischen Regierung, des Parlaments, aller staatlichen und religiösen Zentralbehörden (Mogamma) sowie zahlreicher diplomatischer Vertretungen. Kairo ist der bedeutendste Verkehrsknotenpunkt Ägyptens und besitzt zahlreiche Universitäten, Hochschulen, Theater, Museen sowie Baudenkmäler. Die Altstadt von Kairo ist ein Ensemble islamischer Baukunst und wird seit 1979 von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt. (Quelle: Wikipedia; Redaktion, Übernahme ins Internet, Klaus Wichmann)

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Kontakt: vhs@muelheim-ruhr.de
kw@wichmann-kommunikation.de
http://www.kulturbetrieb.de
http://vhs.muelheim-ruhr.de
Das Projekt Migration & Geschichte
wurde durch die Leonhard-Stinnes-
Stiftung gefördert.

Impressum
Stand: 13.02.2012

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