Arbeitgeber-Empfang der Stadt
Rede von Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld zum Arbeitgeber-Empfang in der Stadthalle/17. Dezember 2004

"Meine sehr geehrten Herren und Damen, ich freue mich sehr, Sie heute Abend hier in unserer Stadthalle zum ersten Arbeitgeber-Empfang meiner Amtszeit begrüßen zu dürfen. Ich versichere Ihnen: Es wird nicht der letzte sein. Im März 1976, so jedenfalls unser Archiv, hat die Stadt Mülheim an der Ruhr zum ersten Mal das Gespräch mit ihren UnternehmerInnen im Rahmen eines Arbeitgeber-Empfangs gesucht. Ich möchte diese für einige Jahre unterbrochene Tradition wieder aufnehmen. Eine solche Veranstaltung bietet nämlich eine wunderbare Gelegenheit für die Begegnung von Verwaltung und Politik mit der Wirtschaft vor Ort. Sie ist ein hervorragendes Forum für Gespräche, Begegnungen und informellen Austausch.

Aber der heutige Arbeitgeber-Empfang ist auch mehr: Er ist Ausdruck und Symbol für das gute Verhältnis, für das positive Klima zwischen Stadt und Wirtschaft in Mülheim. Das ist mir sehr wichtig. Das gute Miteinander fortzusetzen, ist für mich eine liebe Verpflichtung. Es auch auf junge und neue UnternehmerInnen in Mülheim auszudehnen, sie rasch einzubinden, sind weitere Ziele, die es konsequent zu verfolgen gilt. Wir brauchen die Wirtschaft, wenn wir in unserer Stadt etwas bewegen wollen. Das ist unstrittig. Ich füge hinzu: Die Wirtschaft braucht auch Politik und Verwaltung, wenn sie erfolgreich sein will. Was wäre Mülheim ohne die besondere Unterstützung seiner Unternehmer? Ein Blick in die Geschichte unserer Stadt lässt Rückschlüsse zu: Mülheim war bis 1819 "ohne ordentliches Pflaster". Acht Jahre später sah das schon anders aus. Dank freiwilliger Zuwendungen besonders vermögender Bürger waren die Straßen und Wege in der Stadt wesentlich besser ausgebaut. Mathias Stinnes öffnete seinen Geldbeutel, um den Bau der Ruhrbrücke zu unterstützen. Und Kommerzienrat Troost finanzierte um 1841 herum eine Schule für die Kinder der Mitarbeiter seiner Fabrik. Viele solcher Beispiele ließen sich finden. Auch heute engagieren sich viele von Ihnen über die Zahlung von Gewerbesteuer hinaus für Ihre Stadt. Dieses bürgerschaftliche Engagement ist in Zeiten leerer öffentlicher Kassen und nicht genehmigter Haushalte noch unverzichtbarer geworden, wenn wir unsere Stadt so lebens- und liebenswert wie bisher erhalten wollen. Die Stadt Mülheim an der Ruhr wird im nächsten Jahr ein strukturelles Defizit von rund 90 Millionen Euro in ihrem Haushalt ausweisen. Die sich immer weiter öffnende Schere zwischen sinkenden Einnahmen und höheren Ausgaben lässt sich aber aus eigener Kraft nicht schließen. Was wir brauchen, ist eine nachhaltige Gemeindefinanzreform und die allgemeine Anerkennung und Anwendung des Konnexitätsprinzips. Der Diskussion um die Absenkung von Standards dürfen wir uns ebenso wenig verschließen wie dem von Regierungspräsident Büssow geforderten Abbau von Personal in der Verwaltung. Und wer von vornherein ausschließt, dass private Unternehmen Partner von Verwaltung bei der Erfüllung von Aufgaben der Daseinsvorsorge sein könnten, geht fahrlässig mit den wenigen, uns noch zur Verfügung stehenden Handlungsmöglichkeiten um. Mehr möchte ich zu dem Bürgerbegehren gegen angebliche Privatisierungen der Daseinsvorsorge am heutigen Abend auch nicht sagen. (Ich will uns ja nicht den Abend verderben.) Ich komme noch einmal zum Bürgerengagement zurück, weil es für die Zukunft von solch wichtiger Bedeutung ist. Bürgerengagement bedeutet – wie Kurt Biedenkopf gesagt hat – die Revitalisierung des Gemeinsinns. Das heißt, Bereitschaft des Einzelnen zur Übernahme von Verantwortung und aktive Mitgestaltung an der Entwicklung eines Gemeinwesens. Ich habe es immer wieder betont: Die Stärkung von politischer Teilhabe aller BürgerInnen ist für mich ein wichtiges Ziel. Und das bedeutet eben nichts anderes, als den BürgerInnen weitreichende Möglichkeiten zur Mitgestaltung zu geben. Dazu bin ich bereit, gerade weil ich davon überzeugt bin, dass ohne Bürgerengagement die wesentlichen Herausforderungen für Kommunen nicht mehr leistbar sind! Und damit sind nicht nur finanzielle Herausforderungen gemeint. Für die gerade grob skizzierte Weiterentwicklung der "Bürgerstadt" brauchen wir eine Verwaltung, die sich als "Ermöglichungsverwaltung" versteht. Das streben wir in Mülheim an. Und dann wird es uns auch gelingen, durch Bürgerengagement Kosten einzusparen. Für diesen Prozess brauchen wir natürlich auch Sie, die Unternehmer, die sich weiterhin und verstärkt aktiv für die Menschen und die Strukturen in Mülheim einsetzen. Ob Ausbildungsoffensive, Unterstützung von Einzelprojekten oder längerfristig angelegten sozialen Aufgaben – Mülheim ist auf Ihre Hilfe angewiesen! Ich weiß: Wir fangen hier ja nicht von vorne an: Es gibt schon viele gute Beispiele bürgerschaftlichen Engagements aus der Wirtschaft heraus. Sie unterstützen Schulprojekte, Jugendarbeit, Kultur, Sport und soziale Aufgaben. Dafür gilt Ihnen unser aller, aber auch mein persönlicher Dank. Ich habe die Zusammenarbeit mit den Mülheimer UnternehmerInnen in den vergangenen Monaten durchweg als störungsfrei, konstruktiv und an gemeinsamen Zielen orientiert erlebt. Dass sich die Wirtschaft als Partnerin der Stadt versteht, zeigt sich eindrucksvoll am gemeinsamen Eintreten für Ruhrbania. Die Unterstützung, die ich hierbei aus Ihren Reihen erfahre, ist enorm. Herrn Windfeder und seinem Team gilt mein besonderer Dank. Er hat unser wichtigstes strategisches Stadtentwicklungsprojekt, Ruhrbania, dank großartiger Broschüren und des Internet-Auftritts visualisiert und für uns alle vorstellbar gemacht. Die Planungen für die Ruhrpromenade als Kernstück von Ruhrbania gehen voran. Die Gewerbegebiete erregen die Aufmerksamkeit vieler Interessenten und mit dem Ankauf des Gründerzentrums vor wenigen Wochen ist Ruhrbania schon sehr konkret geworden. Der Gründer- und Unternehmergeist, der unsere Stadt seit Jahrhunderten durchzieht, ist auch heute noch zu spüren: Die Nachfrage nach Räumlichkeiten im Gründerzentrum in der Wiesenstraße ist groß. Dieses Projekt im Rahmen von Ruhrbania verspricht schon jetzt, ein Erfolg zu werden. Ich füge selbstbewusst hinzu: Wir haben es nicht anders erwartet. Mit der Entscheidung für ein Medienmuseum in der Camera Obscura wird Mülheim seine Reihe der kleinen, aber feinen Museen weiter ausbauen. Und hier, meine sehr geehrten Herren und Damen, komme ich auf ein Thema zu sprechen, das Sie als Mülheimer Gründer- und Unternehmer besonders interessieren dürfte: Gemeinsam mit der Wirtschaft wollen wir im zukünftigen Gründerzentrum ein Gründer- und Unternehmermuseum aufbauen. Im historischen Ambiente, dem ehemaligen Stammsitz von August Thyssen, sollen sich all jene wiederfinden, die die Mülheimer Wirtschaft in der Vergangenheit prägten oder heute repräsentieren. Im künftigen Haus der Wirtschaft sollen die Lebensläufe und Erfolgsgeschichten der Mülheimer Gründerväter und Familienunternehmen medial aufbereitet und ausgestellt werden. Jede/r von Ihnen ist herzlich eingeladen mitzumachen. Für die Konzeptionsphase benötigen wir 100.000 Euro. Ein erstes Ergebnis wird sein, dass wir die Geschichte der wichtigsten Gründer in Mülheim aufschreiben. Wir wollen ein Buch daraus machen, das auch Sie als Geschenk einsetzen können. Als Projektpartner oder Sponsoren können Sie sich mit 1.000 oder 5.000 Euro beteiligen. Auch ein Hauptsponsor wäre uns sehr willkommen. Doch darüber sollten wir gesondert sprechen. Heute Abend sind hier etwa 150 UnternehmerInnen anwesend. Wenn sich jede/r mit 1.000 Euro beteiligen würde, hätten wir das Geld für die Konzeption und den Aufkauf erster Exponate schon zusammen! Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie die Einrichtung dieses Museum unterstützen würden.

Fotos: Walter Schernstein
Ich werde im Verlauf des Abends sozusagen mit der Sammelbüchse unterwegs sein! Der besondere "Gründergeist" in unserer Stadt verdient es, dass wir ihm mit einer solchen Einrichtung gerecht werden. Wenn Sie Fragen zu diesem Projekt haben, stehe ich Ihnen später gerne zur Verfügung. Weitere Informationen finden Sie auch in dem Flyer, den Ihnen meine MitarbeiterInnen sicher schon in die Hand gedrückt haben. Mülheim ist traditionell eine selbstbewusste und selbstständige Stadt. Wir haben Probleme und Herausforderungen immer aktiv angepackt. Die Wandlungen, die im Ruhrgebiet anstanden, haben wir frühzeitig und ohne Selbstüberschätzung in Angriff genommen und gemeistert. Vergleicht man unsere Wirtschafts- und Arbeitsmarktdaten mit denen der Nachbarstädte, ist Mülheim damit gut gefahren: Beim Großstädte-Test der "Wirtschaftswoche" liegt Mülheim unter den 50 größten Kommunen Deutschlands auf Platz 16 – und weit vor allen unseren Nachbarn im Revier. Das alles haben wir im Wesentlichen ohne Hilfe von außen geschafft. Eigenverantwortung, Selbstständigkeit, Anpacken und Zupacken haben in Mülheim Tradition. So kommt es auch, dass wir uns in diesen schwierigen Zeiten immer noch in einer relativ guten Situation befinden. Die ThyssenKrupp Automotive/Mercedes Lenkungen wird in den kommenden Jahren 600 bis 800 Arbeitsplätze von Düsseldorf nach Mülheim verlegen oder neu schaffen. Europipe wird seine Konzernzentrale mit 120 Beschäftigten in Mülheim errichten, das Medizintechnikunternehmen Hospigate 70 neue Arbeitsplätze schaffen. Auch die Neuansiedlung von FHF im Hafen bringt neue Arbeitsplätze nach Mülheim. Der Energiegroßhändler Brenntag AG mit 30.000 Mitarbeitern weltweit hat sich erst kürzlich für weitere zehn Jahre an den Standort Mülheim gebunden. Zenit hat eine neue Bleibe in Mülheim gefunden und Agiplan blickt zuversichtlich in die Zukunft. Das interkommunale Gewerbegebiet am Flughafen wird das seine zur Stärkung des Wirtschaftsstandorts Mülheim beitragen. Für solche Erfolge muss man als Stadt allerdings auch hart arbeiten. Bestandspflege ist für die Wirtschaftsförderung heute so wichtig und aufwändig wie Neuansiedlung. Und vor diesem Hintergrund ist die Forderung, die Stadt solle sich aus der Wirtschaftsförderung zurück ziehen, schlichtweg dumm. Mit neuem Selbstbewusstsein wird sich Mülheim künftig im Ruhrgebiet positionieren. Neuen Schub für die regionale Zusammenarbeit verspreche ich mir vom Regionalverband Ruhr, der den Kommunalverband Ruhrgebiet abgelöst hat. Der RVR bietet die Plattform, die verschiedenen Fachkompetenzen und Ressourcen auf kommunaler und regionaler Ebene zu einem partnerschaftlichen Netzwerk zusammen zu führen. Ich freue mich darauf, dass wir Oberbürgermeister und Landräte des Ruhrgebietes im Vorstand des RVR mitwirken und hier eine viel aktivere Rolle einnehmen können als zuvor. Ich weiß: Wir werden für den Gedanken eines solchen Netzwerkes noch viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Doch es gibt schon vielversprechende Ansätze wie den gemeinsamen Auftritt der Metropolregion Ruhr auf den internationalen Gewerbeimmobilienmessen. Oder die "Städteregion 2030", eine Kooperation von acht Ruhrgebietesstädten, die in dem Motto "Kooperation und Eigensinn" das Selbstbewusstsein formuliert, das wir brauchen. Regionale Zusammenarbeit wird uns den nächsten Jahren mehrfach ganz konkret in Form von Großveranstaltungen abverlangt werden: Die Fußball-Weltmeisterschaft steht vor der Tür. Die Bewerbung um die Kulturhauptstadt 2010 verläuft vielversprechend. Die World Games 2005 kündigen sich ebenso an wie die German Open im Badminton. Diese organisatorischen Mammut-Aufgaben werden uns viele Besucher bescheren. Das Ruhrgebiet kann sich als Tourismus- und Wirtschaftsstandort darstellen und anbieten. Hier liegen ungeheure Potentiale, die es auch in Mülheim zu nutzen gilt. Wir brauchen aber nicht nur ruhrgebietsweit gute Netzwerke. Wir brauchen sie auch in Mülheim, um den Herausforderungen der Zukunft gerecht zu werden. Der demografische Wandel unserer Gesellschaft ist eine dieser nicht zu unterschätzenden Aufgaben. In Mülheim bereiten wir uns darauf vor, indem wir z.B. kleinräumige Netzwerke installieren, die SeniorInnen künftig besser unterstützen können. In Kooperation mit der Wirtschaft, den Wohlfahrtsverbänden und der Handwerkerschaft bauen wir verlässliche Strukturen auf. Sie sollen Lebensqualität für eine immer älter werdende Gesellschaft gewährleisten und gleichzeitig für möglichst viele Menschen bezahlbar sein. Ob Glühbirne wechseln, Rasen mähen oder Bügelservice – den Anforderungen älterer Menschen müssen wir mit adäquaten Angeboten begegnen. Mit dem gerade geschlossenen "Mülheimer Bündnis für Familie" haben Unternehmer, Wohlfahrtsverbände, Gewerkschaften und Kirchen zugesagt, die Wünsche von Familien stärker in den Mittelpunkt ihres Handelns zu rücken. Ob flexiblere Arbeitszeiten, Unterstützung bei der Organisation von Kinderbetreuung oder unbürokratische Hilfe, um akute Notsituationen zu meistern – solche Angebote werden beiden Seiten Gewinn bringen: den Familien und den Unternehmen. Das mit dem Beitritt zum "Mülheimer Bündnis für Familie" gezeigte Bekenntnis der Wirtschaft zum Standort Mülheim ist vorbildlich. Ich werde es aber auch an anderer Stelle immer wieder einfordern. Ich erhoffe mir, dass unsere Zusammenarbeit auch künftig auf einer kritischen und fairen Partnerschaft aufbauen kann. Was mir als Oberbürgermeisterin zur Unterstützung der Wirtschaft möglich ist, werde ich weiterhin tun. Ich wünsche uns nun einen unterhaltsamen Abend und Ihnen, Ihren Familien und MitarbeiterInnen eine schöne Weihnachtszeit und ein erfolgreiches neues Jahr. Vielen Dank – und unserer Stadt und ihren Arbeitgebern ein herzliches Glück auf".
Kontakt
Stand: 20.12.2004













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