Vorwort: 2007 hat sich Frau Nahla Hajjem, damals während ihres Studiums Praktikantin in der Stadtbücherei, im Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr auf die Suche nach Meldungen über den „ersten Gastarbeiter“ in unserer Stadt gemacht. In mühevoller Detailarbeit ist dabei eine einzigartige Sammlung von Informationen entstanden, die es in dieser Form bisher noch nicht gegeben hat. Zeitungsüberschriften, Zitate, Kurzdarstellungen von Meldungen und Quellen dokumentieren quasi im Zeitraffer die Geschichte der Arbeitsmigration in Mülheim an der Ruhr ab Mitte des vorigen Jahrhunderts. (Klaus Wichmann)
Die Suche nach dem ersten Mülheimer „Gastarbeiter“ hat sich im Laufe der Zeit, die ich im Archiv verbracht habe, als sehr mühsam erwiesen. Anfangs ging ich sehr euphorisch an die Arbeit heran und war überzeugt, den ersten „Gastarbeiter“ zu finden. Leider waren die Zeitungsausschnitte im Archiv unvollständig, so dass ich mich entschieden habe, die Neue Ruhr Zeitung von Dezember 1955 an durchzusehen. Mir war klar, dass diese Suche sehr zeitaufwändig sein wird, aber nur so konnte ich einige interessante Artikel zum Thema Gastarbeiter in der Bundesrepublik finden. An einigen Tagen konnte ich in drei Stunden nicht einen Satz zu diesem derzeit doch sehr aktuellen Thema finden.
Dezember 1955 hat die Bundesregierung den ersten Anwerbevertrag mit Italien geschlossen und im März 1956 sollten die ersten italienischen „Gastarbeiter“ in Deutschland eintreffen. Die NRZ vom März 1956 beinhaltet allerdings keinen Artikel, der dieses Eintreffen bestätigt. Am 10.07.1956 gab es einen Artikel, in dem es um „Gastarbeiter“ in Mülheim geht. Hier wird erwähnt, dass Mülheim keine Industriearbeiter bekommt, dafür aber zwei italienische Landarbeiter in Mülheim eingesetzt werden. Aber auch für diese Aussage konnte ich keine Bestätigung finden.
Der Ruhrbergbau hat sich zunächst gegen den Einsatz von „Fremdarbeitern“ [1] in der deutschen Industrie ausgesprochen: „Mangelnde Sprachkenntnisse gefährden die Sicherheit der Untertagearbeiter.“ Zudem ist man davon ausgegangen, dass italienische Arbeitskräfte nicht lange in Deutschland bleiben werden. Die italienischen Arbeiter, glaubte man, würden ein bis zwei Jahre in Deutschland arbeiten und danach in ihre Heimat zurückkehren. Somit ist für diesen recht kurzen Aufenthalt in Deutschland der Aufwand, der durch die Ausbildung entstehen würde, viel zu groß (siehe 11.04.1956).
Die Bundesrepublik war aber auch für die Italiener nicht sehr verlockend. Familienbeihilfen und Löhne waren in Deutschland nicht attraktiv. In Frankreich bekam ein italienischer Arbeiter mit fünf Kindern zum Beispiel 470 DM monatlich. In Deutschland waren es nur 75 DM (siehe 15.06.1956).
Der Arbeitskräftemangel wurde in Mülheim mit Menschen aus den verschiedenen Flüchtlingslagern in Deutschland abgedeckt (siehe 10.07.1956). Im Dezember 1956 waren die ersten Ungarnflüchtlinge bereits in Mülheim (Anm. der Redaktion:.. . in Folge des „Ungarnaufstandes“). Hier haben sich die Werksdirektoren keine großen Gedanken über die Schwierigkeiten mit „Fremdarbeitern“ gemacht. Viele Ungarnflüchtlinge sind aber auch wieder in ihre Heimat zurückgekehrt, da ihnen das Leben in Deutschland nicht gefallen hat und sie sich hier ausgebeutet gefühlt haben. Im Februar 1957 arbeiteten bereits 900 ungarische Flüchtlinge im Kohlenbergbau. Zwanzig Prozent dieser Menschen sind bereits in den ersten Wochen wieder heimgekehrt.
Um Deutschland für die Italiener wieder attraktiv zu machen, hatte die Berkwerksgesellschaft Walsum eine neue Idee: das italienische Dorf. Da der Bedarf an Bergleuten nicht aus dem heimischen Arbeitsmarkt abgedeckt werden konnte, hat sich das Walsumer Bergwerk dazu entschlossen, 1.000 italienische Bergarbeiter zu werben.
Um italienische Arbeitskräfte für längere Zeit, beziehungsweise für immer nach Walsum zu holen, wurde die Idee des italienischen Dorfes ins Leben gerufen. Die Italiener sollten sich hier heimisch fühlen. Auch ihre Kinder konnten in eine italienische Schule geschickt werden. Ein italienischer Lehrer sowie ein italienischer Pastor gehörten mit zur Planung der Zeche. Die ersten Arbeiter, die in dieser italienischen Siedlung unterkommen sollten, sind für Juni 1957 geplant. Allerdings konnte ich in der NRZ keinen weiteren Artikel dazu finden, ob wirklich Italiener dieses Angebot angenommen haben und nach Walsum kamen.
Interessant ist, dass ich bis 1957 auf keinen Artikel gestoßen bin, in dem es um den ersten „Gastarbeiter“ im Ruhrgebiet geht. Allerdings gab es am 12.01.1957 einen Artikel, in dem über 56 Türken berichtet wurde, die wieder in ihre Heimat gereist sind. Zu diesem Artikel gibt es auch ein Foto mit einer türkischen Familie, die wieder heimgekehrt ist.
Natürlich haben auch die Zeitungsausschnitte geholfen, einige Informationen bezüglich „Gastarbeiter“ in Mülheim an der Ruhr zu finden. Erst 1960 haben sich die Mülheimer Betriebe für italienische Gastarbeiter interessiert (siehe 09.07.1960). Die ersten Arbeiter, so steht es im Artikel, treffen in ungefähr drei Wochen in Mülheim ein. In dem Artikel sowie auch an anderen Stellen wird der Begriff „Transporte“ bezüglich der „Gastarbeiter“ verwendet. Die Zeitung von August 1960 und auch später berichtet allerdings nicht vom Eintreffen dieser Arbeiter in Mülheim. Wann die ersten Italiener nun in Mülheim eingetroffen sind, konnte ich in keinem Artikel ausdrücklich lesen.
1960 aber wurde über drei Griechen in einem Mülheimer Betrieb berichtet (siehe 18.08.1960). Hier wird auch erwähnt, dass diese drei Griechen die Vorläufer ihres Landes sind. Wenn wir also die Ungarnflüchtlinge, die in Mülheim eine Anstellung bekommen haben, nicht als „Gastarbeiter“ betrachten, dann besteht die Möglichkeit, dass diese ersten Griechen auch die ersten „Gastarbeiter“ in Mülheim waren. Um dieser These nachzugehen werde ich auch die Zeitungen bis Ende 1960 durchgehen.
In einem weiteren Zeitungsartikel von 1969 konnte ich die Anzahl der in Mülheim beschäftigten italienischen „Gastarbeiter“ finden. Es waren zu dem Zeitpunkt 330 Italiener in Mülheim an der Ruhr beschäftigt (siehe 26.08.1969). In dem Bericht über die Situation der ausländischen Arbeitnehmer in Mülheim an der Ruhr vom Oktober 1971 wird berichtet, dass 8.400 ausländische Menschen in Mülheim leben. Davon wurden 4.700 als „Gastarbeiter“ erfasst. Die restlichen 3.700 Menschen setzten sich aus Familienangehörigen, die nach Deutschland geholt wurden, zusammen.1972 ist die Anzahl der „Gastarbeiter“ auf 5.055 gestiegen (siehe WAZ vom 22.07.1972). 1973 lebten Menschen aus 69 Nationen in Mülheim, die sich hier integriert haben (siehe NRZ vom 07.03.1973). Zwei Jahre später feiert Mülheim dann den „Tag des ausländischen Arbeiters“ und im gleichen Jahr wurde ein Artikel mit dem Titel „Ausländer fühlen sich in Mülheim nicht akzeptiert“ abgedruckt.
Ich hoffe bei weiterer Recherche noch auf die ersten „Gastarbeiter“ in Mülheim zu treffen und weiterhin interessante Informationen über die Geschichte der „Gastarbeiter“ in der Bundesrepublik, beziehungsweise im Ruhrgebiet zu stoßen. [2]
Nahla Hajjem, Mülheim an der Ruhr, 2007/August 2009
[1] „Fremdarbeiter“ ist eine Bezeichnung für Arbeitskräfte, die insbesondere seit Beginn der Industrialisierung aus dem Ausland zur Arbeit in ein Land gekommen sind. Während der Begriff „Fremdarbeiter“ durch seinen Gebrauch während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland negativ konnotiert ist, wird er in der Schweiz weiter neutral verwendet. In Deutschland wird er zumeist durch die Begriffe Arbeitsmigranten oder Wanderarbeiter ersetzt. (Quelle: Wikipedia)
[2] Anm. der Redaktion: Der Beitrag und die genannten Daten und Zahlen erheben nicht den Anspruch auf vollständige Richtigkeit, bei den Rechercheergebnissen es handelt sich um ernstzunehmende Zufallsfunde.
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