Vor über 40 Jahren kam Vito Piepoli als „Gastarbeiter“ nach Deutschland, heute betreibt er das Traditionslokal Walkmühle. Eine Erfolgsgeschichte. „Gastarbeiter“: Dieses Wort klingt angesichts der aktuellen Diskussion über Integration von Zuwanderern aus aller Welt irgendwie altmodisch. Und es will so gar nicht zu Vito Piepoli passen, der Anfang der 60er Jahre zu den ersten „Gastarbeitern“ gehörte, die in Deutschland vor allem eines wollten. Geld verdienen. Piepoli kam ohne Deutsch-Kenntnisse, aber mit einer fundierten Ausbildung als Hotel- und Restaurantfachmann nach Deutschland. Das war 1961.
Der aus Süditalien stammende Pieopli wollte ursprünglich eineinhalb Jahre in Deutschland bleiben und dann nach England weiterziehen. Die Liebe half, heimisch zu werden. Dass es anders kam, hatte mit Mülheim und mit seiner späteren Frau Anne zu tun, die er 1965 beim Tanz kennen lernte und vier Jahre später heiratete. Spätestens da war Mülheim für den Mann aus der apulischen Kleinstadt Alberobello zur zweiten Heimat geworden. „Mülheim kam mir, wie ein Garten vor“, erinnert sich der heute 66-jährige Gastronom an seinen ersten Eindruck, den die Stadt an der Ruhr auf ihn machte. „Ich habe eigentlich immer auf der Sonnenseite dieser Stadt gelebt“, sagt Piepoli, der 1962 als junger Kellner ins Walkmühlen-Restaurant kam, das er inzwischen seit 30 Jahren als Gastronom leitet. „Daran hätte ich anfangs nie zu denken gewagt. Das war doch viel zu groß für mich“, erinnert er sich an seine beruflichen Anfänge in Deutschland, die ihn von einem Restaurant am Baldeneysee über Müller Menden in die Walkmühle führte.
Damals lernte er die deutsche Sprache mit Hilfe eines Lehrbuches, das ihm der Pastor seines Heimatortes mitgegeben hatte. Doch vom Mölmsch Platt, das damals noch viele Gäste sprachen, die im Walkmühlenrestaurant verkehrten, war darin nichts zu finden. Seine wichtigsten Deutschlehrer waren Kollegen. „Ich habe sie immer sofort gefragt, wenn ich etwas nicht verstanden habe und ihnen gesagt: Ihr müsst mich sofort korrigieren, wenn ich etwas falsch sage“, schildert er sein ersten Gehversuche in der deutschen Sprache. Und nach Feierabend las und schrieb er, um seinen Wortschatz Schritt für Schritt zu erweitern. Nach seiner eigenen Einschätzung haben ihm seinerzeit auch seine Kenntnisse der lateinischen Grammatik beim Einstieg in die deutsche Sprache geholfen. Noch wichtiger für seine erfolgreiche Integration war seine pragmatische Mentalität. „Man muss sich anpassen, ohne sich zu unterwerfen. Dann hat man schon gewonnen im Leben“, beschreibt er seine Strategie, die ihm geholfen hat, in der Fremde heimisch zu werden, ohne seine Herkunft zu verleugnen.
„Was will der mit einem Italiener?”, fragten sich anfangs einige Stammgäste des Walkmühlen-Restaurants. „Doch spätestens nach 14 Tagen hatten sie mich in ihr Herz geschlossen“, erinnert er sich an seine ersten Arbeitstage als Kellner im Rumbachtal. Vor allem die Rückendeckung, die ihm sein Chef Herbert Storks gab, bestärkten den jungen Mann aus Italien, an eine Zukunft in der Walkmühle zu glauben. „Schon beim ersten Gespräch hatten wir das Gefühl: Wir können miteinander und ich war dann auch ganz schnell der Liebling der Familie”, erzählt Piepoli. Obwohl er sich in den 70er Jahren zwischenzeitlich als Blumenhändler versuchte, weil seine Frau die Arbeitszeiten in der Gastronomie als zu wenig familienfreundlich empfand, ließen ihn die Faszination für seinen erlernten Beruf im Allgemeinen und die Walkmühle im Besonderen nicht los. Auch während seines Ausflugs in den Blumengroßhandel kellnerte Piepoli weiter im Restaurant an der Walkmühlenstraße. Und dann fragte ihn sein Chef eines Tages: „Willst du den Laden übernehmen?“ Piepoli hatte anfangs Angst vor der eigenen Courage: „Ich hatte doch keinen Pfennig.“ Doch sein Chef wollte nicht von Geld sprechen, sondern glaubte an die Fähigkeiten seines Nachfolgers.
Schnell merkte Piepoli, der heute 20 Mitarbeiter beschäftigt, „dass ein Monat sehr schnell vergeht, wenn man Gehälter zahlen muss.“ Dass Piepoli trotz mancher Startschwierigkeiten den Sprung ins kalte Wasser der beruflichen Selbstständigkeit meisterte, hat er aus seiner eigenen Sicht vor allem den vielen Stammgästen des Walkmühlenrestaurants zu danken. „Die kannten mich und haben mir die Treue gehalten“, erzählt er. Das urwüchsige Ambiente der über 600 Jahre alten Walkmühle, in der Piepoli nicht nur arbeitet, sondern auch wohnt, bekam er als Startkapital gratis dazu. „Ich habe dieses Haus lieb gewonnen“, sagt der Gastronom. Die Wortwahl zeigt, dass der Mann aus Italien in Deutschland angekommen ist.
Fachwerkhäuser mit dicken Holzbalken und Lehmwänden kannte er aus seinem Heimatort Alberobello gar nicht. Die heute etwa 11.000 Einwohner zählende Kleinstadt in Apulien ist für ihre von der Unesco als Kulturerbe deklarierten kleinen, weißen Trullihäuser mit Kegeldach weltberühmt. „Die Lehmwände dämmen hervorragend. Selbst wenn man im Winter die Heizung auslassen würde, bräuchte man nicht zu frieren”, beschreibt Piepoli die Vorzüge des geschichtsträchtigen Hauses, in dem er sich trotz mancher Stufen, Winkel und Unebenheiten heute „blind zurechtfindet.“
Als die Walkmühle, die bereits seit 1825 zum Ausflugslokal wurde und mit ihrem alten Mühlenteich bis zum Zweiten Weltkrieg Ausflügler zu Bootspartien inspirierte, 1985 ihren 600. Geburtstag feierte, recherchierte Piepoli mit seinen Mitarbeitern die Geschichte des Hauses und dokumentierte sie in einer Broschüre. Während er ansonsten seinen Gästen gehobene mediterane Küche aus seiner italiensichen Heimat serviert, gab es an diesem Geburtstag alte mölmsche Gerichte mit Pannas, Blutwurst, Sauerkraut, Kartoffeln und Apfelkompott. Integration ist eben auch kulinarisch keine Einbahnstraße.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung durch Dr. Thomas Emons, NRZ, Mülheim an der Ruhr, 29.2.2008 (Internetredaktion: Klaus Wichmann)
Walkmühlen-Restaurant
Walkmühlenstraße 52
45470 Mülheim an der Ruhr
Telefon 02 08 - 37 05 21
Geöffnet von 12.00 Uhr bis 14.15 Uhr und von 18.00 Uhr bis 21.45 Uhr
Mittwoch Ruhetag
walkmuehlen-restaurant.de
| Schön und ungewöhnlich: Trulli in Alberobello |
Alberobello ist eine Stadt in Apulien (Italien) mit 11.004 Einwohnern (Stand am 31. Januar 2006) in der Provinz Bari. Die Stadt ist vor allem durch ihre Kegelbauten (Trulli) berühmt, die nach der Bauweise der Hirten in dieser Gegend gehäuft entstanden, weil sie nicht als richtige Häuser angesehen wurden und darum steuerfrei waren. In Alberobello bestehen ganze Stadtteile aus Trulli. Darum gehört der Ort heute zum UNESCO-Weltkulturerbe, hat aber durch den Touristenansturm viel von seinem ursprünglichen Reiz verloren.
Diese Trulli gibt es nicht nur in Alberobello selber, sondern auch schon im Umfeld, aber hier konzentrieren sie sich. Trulli sind zumeist runde, aber auch viereckige, weiß gestrichene Bauten mit sehr charakteristischen Kegeldächern aus Kalksteinplatten, die ohne jeden Mörtel aufeinander geschichtet sind. Diese Bauweise gleicht in gewisser Weise den urtümlichen Wohnbauten der Menschheit, die überall auf der Welt so ähnlich aussehen.
Es ist nicht eindeutig zu belegen, seit wann es in Apulien diese Trulli gibt. Jedenfalls gibt es einen besonderen Grund, warum diese Häuserform hier so verbreitet ist. Daran ist Girolamo II., Herzog von Acquaviva schuld, der auf eine raffinierte Idee kam, um dem Kaiser kein Geld zahlen zu müssen. Es war zu Ende des 13. Jahrhunderts auf kaiserliches Geheiß nämlich verboten, neue Ortschaften ohne Erlaubnis zu gründen, und diese Erlaubnis kostete Geld.
Nun siedelten sich aber um Alberobello herum immer mehr neue Siedler an. Girolamo machte ihnen allen zur Pflicht, bei der Bauweise dieser Trulli zu bleiben, aus einem einfachen Grund. Diese Trulli-Gebäude waren ebenso schnell zu demontieren wie wieder aufzubauen. Und wenn sich eine kaiserliche Kontrollkommission ankündigte, dann wurden mal schnell die Dächer auseinander genommen, um den Geldeintreibern zu demonstrieren, dass man diese armselige Ansammlung von halben Wänden ja wohl nicht als neue Siedlung bezeichnen könne. Und mithin musste keine Gebühr bezahlt werden. Der Erfolg dieser Maßnahme führte zu der Anordnung, in Alberobello überhaupt keinen Mörtel zu verwenden, und so wurde diese Bauform zur Tradition. (Quellen: Foto und Text, Wikipedia, 2009)
[schließen]
Bookmarken bei