Auftakt - Fachtagung
Am 14. November 2007 wurden im Rahmen der Fachtagung "Orte exzellenter Erziehung und Bildung" das Pilotprojekt Mülheim bildet – von Anfang an der Öffentlichkeit bekannt gemacht und die drei ausgewählten Pilot-Kita vorgestellt. Hier ein Bericht des Berliner Journalisten Niklas Hofmann über diese Veranstaltung.
Es sind dann Adnan und Alexander mit ihrer kleinen Anatomiestunde, die "Early Excellence", diesem Begriff, der seit Stunden durch den Raum schwirrt, plötzlich ein ganz reales, sehr liebenswertes Gesicht geben. Da hantieren die beiden Vorschüler mit einem selbst gebastelten Modell des menschlichen Körpers, benennen problemlos jedes Organ, diskutieren fachmännisch über den Gehirnumfang ihres "Patienten" – und wirken doch in keiner Sekunde altklug oder frühreif. Es ist einfach eine Freude, den beiden zuzusehen. Und auf einmal wird deutlich, welche ganz schlichte Schönheit in frühkindlichen Bildungserfolgen liegen kann.
"Adnan und Alexander auf der Höhe ihrer Fähigkeiten", kommentiert Donata Elschenbroich vom Deutschen Jugendinstitut die kurze Filmsequenz mit den beiden Jungen, die sie selbst in einem saarländischen Early-Excellence-Kindergarten gedreht hat. Und beschreibt damit treffend, worum es an diesem Tag in der Stadthalle von Mülheim an der Ruhr geht: Kinder auf die Höhe ihrer jeweiligen individuellen Fähigkeiten zu bringen, das ist die Idee des Early-Excellence-Konzepts, Vorbild für die Stadt Mülheim an der Ruhr, die mithilfe dieses Konzepts ihre Kindertagesstätten bildungsorientiert weiterentwickeln will. Den Auftakt bildete eine Fachtagung am 14. November unter der Überschrift "Orte exzellenter Erziehung und Bildung". Gemeint waren damit die Kindertagesstätten der Stadt, konkret zunächst drei ausgewählte Einrichtungen, die ab Januar 2008 drei Jahre lang in einem Pilotprojekt eigenständige Ansätze integrierter und offener Erziehungsarbeit auf der Basis des Konzeptes Early Excellence entwickeln sollen. 125 Teilnehmer aus dem pädagogischen Bereich, darunter viele Erzieherinnen aus Mülheimer Kindertageseinrichtungen wurden von Referenten aus Politik, Verwaltung und Wissenschaft über das ehrgeizige Vorhaben und seine theoretischen Hintergründe informiert. Das Düsseldorfer Familienministerium war durch Staatssekretärin Marion Gierden-Jülich vertreten.
Dass im Bereich der frühkindlichen Bildung in Deutschland umgesteuert werden muss, ist eine Erkenntnis, die sich inzwischen mühsam durchgesetzt hat. Die historischen Meriten, die sich das Land Friedrich Fröbels auf diesem Feld erworben hat, sind bald 160 Jahre nach der Gründung der Blankenburger "Pflege-, Spiel- und Beschäftigungsanstalt" reichlich verblasst. Zwar bleibt "Kindergarten" eines der in den Sprachen der Welt am weitesten verbreiteten Lehnworte aus dem Deutschen, aber die Bildungsvergleichsstudien der letzten Jahre haben gezeigt, dass die deutschen Einrichtungen international den Anschluss verloren haben. Das hiesige Bildungssystem bleibt hoch selektiv und sozial ungerecht. Die Strukturen scheinen zementiert. Wer aus wenig gebildetem Elternhaus kommt, wird es wesentlich seltener auf das Gymnasium und an eine Universität schaffen, als das in anderen Ländern der Fall ist. Die Bildungskarrieren werden frühzeitig gelegt, schon bei den Jüngsten. Wer eine Kultur des Lernens nicht im Elternhaus vermittelt bekommt, der hat wenige Chancen, sie im deutschen Bildungssystem woanders kennen zu lernen, auch nicht in Einrichtungen der frühkindlichen Erziehung. Das aus England stammende Konzept der Early Excellence Centres, das in Langzeitstudien seine Qualität bewiesen hat, würde eine wünschenswerte Weiterentwicklung der vorhandenen Strukturen bedeuten.
Für Mülheims Oberbürgemeisterin Dagmar Mühlenfeld ist der Beginn des Early-Excellence-Projekts alles andere als ein Pflichttermin. Sie eröffnet nicht einfach nur die Tagung, sondern verfolgt sie über die volle Länge im Saal. Seit längerem schon betreibt sie die Entwicklung Mülheims zur "Bildungsstadt". 2004 wurde die Mülheimer Bildungskonferenz einberufen. "Gebildete Stadtgesellschaft" nennt die Oberbürgermeisterin ihre Vision. Die Stadt hat die Dachmarke "Mülheim bildet" für die Projekte entwickelt, die entstehen, um diese Zielvorstellung umzusetzen. "Mülheim bildet – weiter." "Mülheim bildet – für den Beruf." Und nun eben "Mülheim bildet – von Anfang an."
Vorbereitet wurde das Projekt an der Stadtspitze seit Februar 2007, gefördert wird es mit Mitteln der Leonhard-Stinnes-Stiftung. Die Projektkoordinierung wurde bei Mülheims Regionaler Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien (RAA) und deren Leiterin Martina Kleinewegen angesiedelt. Gemeinsam mit zwei weiteren Moderatorinnen aus dem Amt für Kinder, Jugend und Schule wird sie die Pilot-Kindergärten beratend unterstützen. Die Moderatorinnen und die Leitungen der Kitas bilden gemeinsam eine Entwicklungsgruppe, die verantwortlich für die Umsetzung des Early-Excellence-Projekts ist. Dieses wird noch im Dezember 2007 in seine heiße Phase treten. Die Mitarbeiter der Kitas und die Moderatorinnen werden zur ersten von einer ganzen Reihe geplanter Fortbildungen nach Berlin reisen. Das dortige Pestalozzi-Fröbel-Haus und seine Leiterin Dr. Sabine Hebenstreit-Müller begleiten den Pilotversuch fachlich bei der Suche nach einem eigenen Mülheimer Weg, auf dem sich Early Excellence zum Erfolg führen lässt.
Eine weitere Szene im Film von Donata Elschenbroich: Vier- oder Fünfjährige schleppen prall gefüllte Aktenordner durch den Raum, auf den ersten Blick könnte man sich fast in einem geschrumpften Finanzamt wähnen. Aber von Behördentrübsinn ist nichts zu spüren. Stolz vergleichen die Kinder ihre Ordner: "Ich habe schon 'ne ganz schön dicke Mappe!" Sie haben sie selbst gefüllt. Mit Bildern und Bastelarbeiten, mit Fotos auf denen sie zu sehen sind, mit Texten, die ihre Erzieherinnen mit ihnen gemeinsam verfasst haben und die Momente festhalten, in denen sie etwas gelernt haben.
Ich-Bücher heißen solche Ordner, Situationsbücher oder Bildungstagebücher. Portfolio nennen sie sich in dem saarländischen Kindergarten, den Donata Elschenbroich für ihren Film besucht hat. Aber ihre Bedeutung ist immer dieselbe. Sie halten die Bildungsgeschichte eines Kindes fest, machen sie erfahrbar. Das geschieht spielerisch, es ist weit entfernt davon, dass hier ein Kind einen Rechenschaftsbericht erstellen müsste. Aber am Ende der Kindergartenzeit wird der eigene Bildungsprozess detailliert dokumentiert sein. Und beim Durchblättern wird das Kind ein Gefühl dafür entwickeln können, was, vor allem aber wie es gelernt hat. Es wird sich ganz handfest darüber klar werden können, welche Fähigkeiten zum Erwerb von Wissen in ihm selbst stecken.
Dass jedes Kind diese Fähigkeiten besitzt, ist eine Überzeugung, die konstituierend ist für Early Excellence, erläutert Dr. Sabine Hebenstreit-Müller. Die Gewissheit, dass jedes Kind voll Wissbegierde steckt und sich seine Welt erschließen will, ermöglicht einen unbedingt positiven Blick auf das Kind. Nicht mehr Defizite stehen im Fokus, sondern Potenziale. Die Erwartungshaltung dreht sich um 180 Grad. Zwar klingt der Begriff Exzellenz, nicht zuletzt nachdem die "Exzellenzinitiative" auf die Suche nach Elite-Universitäten gegangen ist, nach Auslese der Besten. Das aber ist das Gegenteil des integrativen Gedankens, der Early Excellence ausmacht. Nicht als Forderung an die Kinder ist Exzellenz zu verstehen, betont Frau Dr. Hebenstreit-Müller in ihrem Vortrag, "sondern als Anspruch an die Qualität ihrer Förderung."
Erzieherinnen stehen mit Klemmbrettern in der Hand im Garten einer Berliner Kindertagesstätte. Sie beobachten die Kinder, machen sich Notizen. Das sieht nach wissenschaftlicher Arbeit aus, nach anthropologischen Forschungen vielleicht. Der herkömmliche Arbeitsalltag von Erzieherinnen jedenfalls ist ein anderer. Die kurzen Filmszenen, die Frau Dr. Sabine Hebenstreit-Müller ihrem Vortrag vorausschickt, wirken auf die Erzieherinnen im Festsaal der Stadthalle vielleicht auch irritierend, sie wecken aber auch die Neugier.
Die Beobachtung der Kinder, die genaue Dokumentation des Gesehenen, der ständige Austausch mit den Kollegen darüber, das alles dient dazu, die Kompetenzen und Talente der Kinder zu entdecken und sich gemeinsam zu überlegen, wie sie gefördert werden können. Da baut etwa ein Junge gerne Höhlen auf dem Spielgelände des Kindergartens. Die Erzieherinnen, die dies bemerkt haben, diskutieren, was man aus dieser Situation für ihn entwickeln kann und entscheiden sich dafür, mit ihm ein "Haus" zu bauen. Laken werden an einen Ast genagelt, ein Zelt entsteht. Für den Jungen ist es ein Haus. Er hat gelernt sich Gedanken über dessen Konstruktion zu machen, hat motorisch-handwerkliche Fähigkeiten zeigen müssen. Und er besitzt jetzt einen privaten Rückzugsraum, über dessen Zugänglichkeit für andere er selbst entscheiden und dabei sein Sozialverhalten trainieren kann. Dies alles konnte wie nebenbei aus seinem selbst gewählten Spiel heraus entstehen, weil die Erzieherinnen durch ihre Beobachtungen in der Lage waren, ihm im richtigen Moment ein für ihn maßgeschneidertes Angebot zu machen.
Als die Leiterin eines Mülheimer Kindergartens auf der Tagung einwendet, dass solch intensive Betreuung nur mit wesentlich mehr Personal und besserer finanzieller Ausstattung zu leisten sein wird, widerspricht Dr. Hebenstreit-Müller. Keinen einzigen Euro, keine einzige Stelle mehr habe der Berliner Modellkindergarten bekommen, der seit sieben Jahren Early Excellence umsetzt. (Dies ist übrigens in Mülheim anders, wo jeder der am Projekt beteiligten Kindergärten Mittel für eine zusätzliche halbe Stelle erhalten wird.) Nein, es ist sicher nicht das Finanzielle, das hier den Ausschlag gibt. Eher schon ist es so, wie Peter Vermeulen, der städtische Beigeordnete für Schule, Jugend und Kultur auf der Tagung sagt: Early Excellence "erfordert veränderte Einstellungen und neue Verhaltensweisen", deren Einübung durchaus mühevoll sein könne. Weswegen Vermeulen auch im Namen der Verwaltung verspricht, im Verlauf des Projekts die "Tugend der Geduld" zu zeigen.
Die Umstellung der Arbeit in den Kitas wird einen erheblichen Einschnitt in die Berufsbiografie der beteiligten Erzieherinnen bedeuten, das will auch Prof. Dr. Ursula Rabe-Kleberg, Bildungssoziologin von der Universität Halle-Wittenberg, die die Stadt bei dem Projekt wissenschaftlich berät, nicht verschleiern. Es sei am Ende aber ein Prozess, der auch den Pädagoginnen viel Gewinn bringe, sofern sie sich auf die Ungewissheiten der offenen Arbeit einlassen. Noch sei Kontrolle zu oft eine bestimmende Kraft in den Kindergärten. Ziele würden vorgegeben, und man schaue dann, ob sie erreicht werden. Arbeite man aber auf der Basis von Early Excellence, müsse der Gegenbegriff zu Kontrolle, müssen Vertrauen in sich selbst und in die Kinder gestärkt werden.
Die beteiligten Erzieherinnen und Erzieher für das Neue zu begeistern, ihnen aber gleichzeitig deutlich zu machen, dass sie bisher nicht falsch gearbeitet haben, dass ihre bisherige Arbeit nicht korrigiert oder ausgebessert, sondern bereichert und weiterentwickelt werden soll, ist eine Gratwanderung. Gerade weil bisher schon hervorragende Arbeit geleistet worden sei, sei man ja in der Lage ein solch ehrgeiziges Projekt anzugehen, betont OB Mühlenfeld. Es ist, wie Peter Vermeulen betont, auch bei weitem nicht die einzige Initiative, die Mülheim im Bereich der frühkindlichen Bildung in den vergangenen Jahren ergriffen hat. Zwölf Kindertagesstätten nehmen zum Beispiel am Projekt "Gesunde KiTas – starke Kinder" teil, in dem Körper- und Gesundheitsbewusstsein der Kinder, Ernährung und Bewegung gestärkt werden sollen. Daneben stehen etwa die "Lernwerkstatt Natur", die den Stadtkindern Naturerfahrung vermitteln will oder das Programm "Rucksack", mit dem Kindergartenkinder zweisprachig gefördert und ihre Mütter als Sprachvermittlerinnen geschult werden. Und am Landesprogramm der "Familienzentren" nehmen zunächst fünf, später alle städtischen Kindertagesstätten teil. Mit dem Projekt "KiTa macht Musik" werden Erzieherinnen im Singen und Musizieren mit Kindern fortgebildet. Wenn also nun drei Kindergärten ganz neue Formen ihrer Arbeit erproben, werden dennoch auch die 36 anderen städtischen Betreuungseinrichtungen nicht vernachlässigt, sondern sollen in ihrer hohen Qualität weiter entwickelt werden, versichert Herr Vermeulen und dankt ausdrücklich den Mitarbeitern aller Kitas, von denen viele zu den Zuhörern gehörten, für die "bisher selbstverständlich geleistete gute Bildungsarbeit".
Die drei Mülheimer Pilot-Kitas werden ihre Weiterentwicklung mit etwas mehr Freiräumen bei eigenen Gestaltungsmöglichkeiten fortsetzen können. Die Early Excellence Centres geben ihnen kein standardisiertes Programm vor, das zu übernehmen wäre. Auch die Einrichtungen, die in Berlin unter Leitung des Pestalozzi-Fröbel-Hauses Early Excellence umsetzen, haben ihre eigenen, vom englischen Vorbild auch abweichenden Herangehensweisen gefunden. Nachdem sie zu Beginn des Jahres die Berliner Kitas besucht haben werden, müssen wiederum die Mülheimer Teams das Konzept für ihre spezifische Situation adaptieren.
Dabei wird sich in den Kitas nicht nur die Arbeit der Erzieherinnen mit den Kindern verändern, sondern auch die Kooperation mit Eltern wird auf eine ganz neue Basis gestellt. Ziel von Early Excellence ist es eben auch die Erziehungskompetenz der Eltern zu stärken. Dr. Sabine Hebenstreit-Müller beschreibt Early Excellence Centres als "Gemeinschaften forschend Lernender", und dies umfasst nicht nur Kinder und Erzieher, sondern auch Väter und Mütter. Dass deren Unterstützung für die Erfolge des Programms unerlässlich sein wird, hat die englische Langzeitstudie "Effective Provision of Pre-School Education (EPPE) gezeigt. "Eltern, die mit ihren Kindern spielen, sie im Haushalt beteiligen, haben Einfluss auf die kognitiven Fähigkeiten ihrer Kinder", erklärt Frau Dr. Hebenstreit-Müller. Der soziale Hintergrund der Eltern spielt dabei keine große Rolle mehr. Die Zusammenarbeit zwischen Kita und Eltern muss so eng wie möglich werden, sollen die Lernbedingungen der Kinder optimal sein.
Dabei ist es keinesfalls so, dass die Kita den Eltern Ratschläge zu erteilen oder diese gar zu kontrollieren hätte. "Niemand kennt die eigenen Kinder so gut wie die Eltern", sagt Dr. Hebenstreit-Müller. Die Eltern nehmen die Portfolios ihrer Kinder auch mal mit nach Hause. Sie können daraus Anregungen für ihren eigenen Umgang mit Tochter oder Sohn ziehen. Gleichzeitig sollen sie ihr Kind in seinem Verhalten außerhalb des Kindergartens beobachten und sich über das, was ihnen auffällt, mit den Erzieherinnen austauschen, um wiederum die individuelle Förderung des Kindes in der Einrichtung zu optimieren. Auch Elternhausaufgaben sind Teil der Early-Excellence-Konzeption. Eine Wasserwaage wird im Kindergarten untersucht, die Kinder dürfen raten, welchem Zweck sie dient. Dann heißt es: "Findet mit Mama, Papa oder beiden heraus, wie das Ding heißt." Auch die Entdeckung der Funktion der Wasserwaage wird später ins Portfolio aufgenommen.
Dass aber auch bei Early Excellence die Kooperation mit dem Elternhaus nicht immer nur ideal verläuft, darauf bereitet in Donata Elschenbroichs Film das Beispiel von Tristan vor, der ein kleiner Ingenieur ist. Ständig baut er neue Maschinen aus Holz, nagelt mit Leidenschaft Brettchen zusammen, die dann zum Beispiel zu einem Auto werden. Doch als er seine Werke stolz mit nach Hause nimmt, wirft seine Mutter sie weg. Erzieherinnen werden auch in Early-Excellence-Einrichtungen gelegentlich an Grenzen stoßen.
Doch dort, wo, wie in diesem Fall, Familien offenkundig weitergehende Hilfe benötigen, erweist sich das Konzept zugleich wieder als hervorragend an die Bedürfnisse aller Beteiligten angepasst. Der Aufbau einer familienfreundlichen Infrastruktur und die Vernetzung mit allen anderen Einrichtungen der Familienhilfe im Stadtteil ist nämlich ein weiterer Pfeiler von Early Excellence und wird auch integraler Bestandteil der Arbeit der Mülheimer Projekt-Kindertagesstätten werden müssen. "Die Kita muss wissen, wer arbeitet um mich herum," erklärt Frau Dr. Hebenstreit-Müller, "ich muss nicht alles selber anbieten, aber ich muss wissen, wo ich Eltern hinschicken kann."
Dass Early Excellence Centres in England sich an den Stadtteilen orientieren und durch die Bündelung von Angeboten "auf die komplexen Bedürfnisse von Familien reagieren" könne, so Staatssekretärin Frau Gierden-Jülich, das hat auch das Land NRW überzeugt, bei seinem Konzept der Familienzentren auf Elemente von Early Excellence Centres zurückzugreifen. Die Familienzentren, die die Regierung zurzeit etabliert, sind Institutionen, die im ganzen Land die Familienhilfeeinrichtungen der jeweiligen Orte vernetzen sollen, nicht notwendigerweise unter einem Dach, aber "gut und beständig", so Frau Gierden-Jülich. Insgesamt 3000 solcher Zentren will das Land fördern, in jedem Stadtteil der nordrhein-westfälischen Kommunen wäre demnach in Zukunft ein Familienzentrum angesiedelt. Die Größenordnung des Vorhabens ist aber nicht der einzige Unterschied zum Mülheimer Pilotprojekt, wie die Staatssekretärin unterstreicht. Zwar seien Kindertagesstätten auch Kernelemente der Familienzentren. In denen könne aber nicht die gesamte Arbeit auf Early Excellence umgestellt werden. Da der Besuch einer Kita freiwillig bleibe, wolle man sich folglich nicht allein auf diese konzentrieren, sondern über die Familienzentren versuchen, auch Kinder zu erreichen, die keine solche Einrichtung besuchen. Man sei Mülheim für seine darüber hinausgehenden Aktivitäten in den Kindertageseinrichtungen sehr dankbar, sagt die Staatssekretärin. Man würde es in Düsseldorf "begrüßen, wenn Sie sich in den Kranz der Familienzentren begeben würden."
Auch in Mülheim sind zunächst fünf Familienzentren in städtischen Kitas gegründet worden. Später sollen alle Einrichtungen der Stadt einbezogen werden. Alle Kinder, die städtische Kindergärten besuchen, sollen so erreicht werden. Early Excellence in den drei Projektkindergärten nicht neben oder gegen die Familienzentren, sondern als eine Ausformulierung zu sehen, empfiehlt Frau Dr. Hebenstreit-Müller. Die Oberbürgermeisterin setzt auf Sozialraumorientierung, auf Maßnahmen, die auf die jeweils spezifischen Bedürfnisse eines Stadtteils abgestimmt sind, nicht nur auf die von Problemvierteln. Bei der Entscheidung für die Einrichtungen, die an dem Pilotprojekt teilnehmen sollen, wurde allerdings bewusst auch eine aus dem sozial schwierigen Ortsteil Eppinghofen ausgewählt, wo Arbeitslosigkeit und Ausländeranteil hoch sind. Die Projektkoordinatorin Martina Kleinewegen hat sich in der Vorbereitung des Projekts persönlich in England davon überzeugen können, wie so genannte Sure-Start-Zentren, die auf Early Excellence basieren, zu Keimzellen verbesserter Stadtteilentwicklung werden. Und ein Beispiel aus dem Saarland, vorgestellt von Donata Elschenbroich, zeigt, dass es gelungen ist, einen schwierigen Standort durch Early Excellence neu zu beleben. Ein Kindergarten in der Gemeinde Lebach liegt mitten in der Siedlung der Landesaufnahmestelle für Asylbewerber. Die Erfolge des Exzellenz-Konzepts in dieser Einrichtung überzeugen inzwischen auch Menschen aus anderen Ortsteilen davon, ihre Kinder dorthin zu schicken, ohne Scheu vor dem hohen Migrantenanteil. Dass bei der dadurch erfolgenden sozialen Durchmischung wiederum die Lernerfolge der Kinder aus sozial schwachen Familien steigen, hat ebenfalls die EPPE-Studie belegt. Von exzellenten Leistungen einer Bildungseinrichtung in einem sozial schwierigen Umfeld (aber natürlich nicht nur da) können letztlich also alle Bürger profitieren.
Eine Großstadt, die sich das Konzept Early Excellence so entschieden auf die Fahnen schreibt, wie Mülheim an der Ruhr gibt es noch nicht. Die Tagung zum Auftakt des Projekts hat gezeigt, dass es ein großer, ein mutiger Schritt für die Beteiligten ist. Aber auch, dass es viel zu gewinnen gibt, für Kinder, Eltern, Erzieher – und für die Stadt. Geht alles gut, kann das Early Excellence Konzept am Ende auf andere Kindertageseinrichtungen ausgeweitet werden, dann setzt Mülheim seinen Namen unübersehbar auf die pädagogische Deutschlandkarte. Spannende Jahre stehen der Stadt bevor.
Kontakt
Stand: 01.03.2011










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