Ausbildungsoffensive: Bäckerberuf eröffnet manche Perspektive
"Es gibt Berufe, die stehen gar nicht hoch im Kurs junger Leute. Beim näheren Hinsehen entpuppen sich manche vermeintliche Nachteile als Chancen, steckt viel mehr Entwicklungspotenzial in den Jobs als gemeinhin angenommen. Diese Erfahrung machte die Ausbildungs-Offensive in der Stadtbäckerei Hemmerle.
Weihbischof Grave, Oberbürgermeisterin Mühlenfeld und Bäcker Hemmerle garnieren einen Erdbeerkuchen - sieht lecker aus!
Foto: Köhring
Unsere Schicht beginnt um 5 Uhr in der Früh. Der Redakteur ist - natürlich - der Letzte, der in der Backstube an der Neckarstraße eintrifft. Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld, Weihbischof Franz Grave, Unternehmerverbandspräsident Heinz Lison, Kreishandwerksmeister Jörg Bischoff, Arbeitsagentur-Vize Michael Schwering und Thomas Konietzka von der Stadtkanzlei haben längst die weißen Kittel angezogen und Mützen aufgesetzt. Hausherr Peter Hemmerle ist schon vor Sonnenaufgang schweißgebadet. Der Sommer ist nicht die Lieblingsjahreszeit des Bäckers. 30 Mitarbeiter schaffen in der hochmodernen Backstube, in die das Familienunternehmen beim Umzug 1996 sechs Mio Mark investiert hatte. Bei 30 Grad und mehr wissen sie die nächtliche Kühle durchaus zu schätzen, wenngleich der zeitliche Rhythmus dem der Durchschnittsbevölkerung diametral entgegen steht. Die ersten Vorbereitungsarbeiten stehen schon kurz nach Mitternacht an, um zwei Uhr beginnt für die Mehrheit die Schicht. "Um 3.30 Uhr stehen wir mit frischen Brötchen in der Mannesmann-Kantine auf der Matte", nennt Hemmerle die Zwänge. Um 5.15 Uhr öffnet die erste Hemmerle-Filiale am Dickswall. Wenn um 6 Uhr der letzte Trupp an der Neckarstraße anrückt, um den Teig für den nächsten Tag vorzubereiten, ist die meiste Arbeit schon getan. Die Auszubildenden starten um 3 Uhr, haben aber auch gegen 11 Uhr wieder Feierabend. Auch im Schwimmbad lässt es sich dann gut erholen. Drei sind es in der Produktion, drei weitere lernen Fachverkäuferinnen in den Filialen. Peter Hemmerle ist angenehm überrascht: "In den letzten vier Wochen können wir uns vor Bewerbungen nicht retten", erzählt er. Kurz vor Toresschluss verlieren die Jugendlichen offenbar die Scheu vor dem traditionsreichen Handwerk. Am 1. August beginnt das neue Ausbildungsjahr und noch immer sind 412 Mülheimer unversorgt. Dank des Beharrungsvermögens von Heinz Lison legt Peter Hemmerle noch ein Schüppchen drauf und erklärt sich bereit, zwei zusätzliche Azubis in der Backstube und zwei in den zehn Filialen einzustellen. Beim Rundgang sind die Partner der Ausbildungs-Offensive überrascht, welchen technischen Anforderungen die Bäcker gewachsen sein müssen. Sämtliche Rezepte sind in den Computer eingespeist, er gibt das Mischverhältnis für das Kartoffelbrot oder den Mürbeteig vor. Das Brötchen-Karussell, in dem die Teig-Klumpen geformt werden, ist ebenso voll automatisiert wie die Öfen-Straße, die nach einem ausgeklügelten System beschickt wird. "Ohne Handarbeit und Erfahrung kommen wir natürlich nicht aus", schränkt Hemmerle ein. Die Kerben in die künftige Brotkruste ritzt der Bäcker höchstpersönlich. Zum Ausrollen des Mürbeteigs braucht man eine Menge Geschick und auch die 80 kg Erdbeeren, die täglich verarbeitet werden, zupfen und legen sich nicht von allein auf das Blech. "Der Bäcker-Beruf entwickelt sich ständig weiter", sagt Hemmerle. Die Aufstiegschancen sind allerdings begrenzt. Eine Geselle kann sich zum Meister fortbilden, eine Fachverkäuferin zur Filialleiterin aufsteigen. Aber, so der Unternehmenschef: "Wir hatten noch keinen Abbrecher und haben alle Azubis übernommen." Ein Trend, den Kreishandwerksmeister Jörg Bischoff für die gesamte Handwerks-Branche bestätigt: "Die Abbrecherquote geht stark zurück. Es fehlen die Alternativen." Überhaupt: Die Handwerksberufe erlebten eine Renaissance. "Man besinnt sich auf die alten Werte zurück", so Bischoff. Nach dem Rundgang sind die Prominenten sichtlich erstaunt. "Das sind alles andere als simple Arbeitsplätze", sagt Weihbischof Grave und OB Mühlenfeld fügt hinzu: "Das Berufsbild weicht deutlich vom Klischee ab. Man muss über technisches Grundverständnis verfügen." Die Erfordernis von Manager-Qualitäten sieht Heinz Lison. Peter Hemmerle nickt und verweist auf eine angenehme Seite des Jobs: Regelmäßig sitzt man im Team zusammen und testet neue Kreationen und Rezepte. Kein Beitrag für die schlanke Linie."
Frank Meßing (WAZ Mülheim)
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Stand: 30.06.2005













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