Migration · Integration · Interkulturelles Leben
Das Gesicht der Migration in Mülheim an der Ruhr zeigen

Ausländerbeschäftigung im Ruhrbergbau 1914 - 1918. Ein Beispiel für Zwangsmigration

Von Dr. Kai Rawe - Leiter des Stadtarchivs Mülheim an der Ruhr; Veröffentlichungen zur Zwangsarbeit und Ausländerbeschäftigung im Ruhrbergbau während des Ersten Weltkrieges.

Migration und GeschichteBeitrag Rawe - Seite 1Während des Ersten Weltkrieges in den Jahren 1914 - 1918 wurden zahlreiche Bergleute aus dem Ruhrgebiet zum Kriegsdienst einberufen. Die Lücken, die sie in den Belegschaften der Zechen, Kokereien, und sonstigen Bergbaubetrieben hinterließen, konnten unter den Bedingungen einer sich entwickelnden Kriegswirtschaft jedoch nur mangelhaft durch Jugendliche, Invaliden oder Frauen geschlossen werden. Mit fortschreitender Dauer des Krieges und der sich immer weiter verschlechternden Versorgung mit kriegsnotwendigen Rohstoffen - zu denen auch die Kohle als Hauptenergieträger zählte - rückten neue Arbeitskräfte in den Fokus der Aufmerksamkeit. Kriegsgefangene und ausländische Zivilisten sollten so nach dem Willen der Verantwortlichen in Militär, Wirtschaft und Verwaltung ab 1915 die Belegschaften der Ruhrzechen verstärken.

Da diese Arbeitskräfte häufig nicht freiwillig als Arbeitsmigranten ins Deutsche Reich gekommen waren, stellte ihre Beschäftigung im Ruhrbergbau neben sozial- und wirtschaftshistorischen Aspekten auch ein Beispiel für Formen und Ausprägungen von Zwangsmigration und Zwangsarbeit dar. Allein die schiere Anzahl der im Ruhrbergbau im Verlauf des Ersten Weltkrieges beschäftigten Ausländer macht die Dimensionen dieses Phänomens deutlich. Migration und GeschichteBeitrag Rawe - Seite 2Es waren wohl mehr als 100.000 ausländische Arbeitskräfte - davon allein mehr als 73.000 Kriegsgefangene - die in den Kriegsjahren auf den Ruhrzechen arbeiteten. Ihr Belegschaftsanteil betrug so ab 1916 regelmäßig über 20 % und machte auf dem Höhepunkt der Ausländerbeschäftigung im Jahre 1917 sogar mehr als 25 % an der Gesamtbelegschaft aus. Auch wenn die Überlieferungslage keine genaueres Bild zulässt, kann festgestellt werden, dass wohl jede Ruhrgebietszeche im Verlauf des Ersten Weltkrieges Kriegsgefangene und auch ausländische Zivilisten beschäftigt hat. Lediglich der Anteil dieser Arbeitskräfte an der Gesamtbelegschaft konnte variieren.

Die Kriegsgefangenen auf den Ruhrgebietszechen kamen zum überwiegenden Teil aus Russland und Frankreich, jedoch gab es auch kleinere Gruppen von Engländern, Belgieren, Italienern, Serben usw. Sie wurden alle in stacheldrahtumwehrten Lagern untergebracht, mussten unter Bewachung arbeiten und hatten keine Möglichkeit, sich gegen ihre Anlegung zur Bergarbeit zu wehren. Ihr Arbeitseinsatz muss also als Zwangsarbeit gewertet werden. Dies gilt ebenso für die überwiegende Zahl der ausländischen Zivilisten im Ruhrbergbau. Traurige Berühmtheit erlangten die Zwangsdeportationen von Arbeitern aus dem Deutschen Reich besetzten Gebieten in Migration und GeschichteBeitrag Rawe - Seite 3Belgien und Russich-Polen, die ab Herbst 1916 durchgeführt wurden. Berüchtigte "Verordnungen gegen die Arbeitsscheu" der Besatzungsbehörden stellten die Grundlage für den massenweisen Abtransport von Zivilisten aus den besetzten Gebieten auch ins Ruhrgebiet dar. Hier mussten sie die ihnen zugewiesenen Arbeiten im Bergbau durchführen, wurden interniert und an der Heimkehr gehindert. Auch wenn es ein nach Nationalitäten abgestuftes System unterschiedlicher Grade von Zwang gegeben hat, waren ihr Deportation ebenso wie ihre Beschäftigung auf den Zechen deutliche Merkmale von Zwangsarbeit. Nur wenige Belgier und Polen kamen während des Ersten Weltkrieges aufgrund freiwilliger Anwerbungen ins Ruhrgebiet. Die meisten der hier beschäftigten Ausländer waren nur unter Zwang dazu zu bewegen, Arbeit im deutschen Bergbau aufzunehmen. Für sie war das Deutsche Reich ein Feindstaat bzw. eine Besatzungsmacht, unter der ihre Heimat litt. Dass unter diesen Voraussetzungen keine große Bereitschaft vorhanden war, die deutsche Kriegswirtschaft durch bereitwillige Arbeit im Ruhrbergbau zu unterstützen, verwundert kaum. Diese Disposition hat ebenso wie der mehr oder weniger offensichtliche Zwangscharakter der Beschäftigung auch dazu geführt, dass die überwiegende Zahl der Ausländer nach dem Ende des Krieges im November 1918 ihren Arbeitsplatz im Ruhrgebiet verließen. Egal ob Kriegsgefangener oder Zivilist, sie alle kehrten größtenteils dem Ruhrgebiet den Rücken, so bald sie konnten. Zu einschneidend negativ waren die Erfahrungen, die sie hier während des Krieges machen mussten.

Migration und GeschichteBeitrag Rawe - Seite 4Die Beschäftigung von Kriegsgefangenen und ausländischen Zivilisten während des Ersten Weltkrieges wurde in der Vergangenheit häufig als "Probelauf'" für die Zwangsarbeit während des Zweiten Weltkrieges gedeutet. Die Ausformungen und Details der Arbeits- und Lebensbedingungen ebenso wie die Mechanismen der Rekrutierung lassen eine solche Sicht gerade auch angesichts neuerer Forschungen zu Arbeitsverhältnissen während des Ersten Weltkrieges jedoch nicht mehr zu. Vielmehr ist die Ausländerbeschäftigung in den Jahren 1914 bis 1918 im Ruhrbergbau ein eigenständiges Kapitel - auch in der langen und mitunter schmerzlichen Geschichte der Migration.

Dr. Kai Rawe, Mülheim an der Ruhr, im Juli 2007

[1] Rawe, Kai: "... wir werden sie schon zur Arbeit bringen!" Ausländerbeschäftigung und Zwangsarbeit im Ruhrkohlenbergbau während des Ersten Weltkrieges. Essen 2005.

Ders.: Kriegsgefangene, Freiwillige und Deportierte. Ausländerbeschäftigung im Ruhrbergbau während des Ersten Weltkrieges. In: Tenfelde, Klaus und Seidel, Hans-Christoph (Hrsg.): Zwangsarbeit im Bergwerk. Der Arbeitseinsatz im Kohlenbergbau des Deutschen Reiches und der besetzten Gebiete im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Essen 2005. S. 35 – 61.

Ders.: Leben hinter Stacheldraht. Arbeitseinsatz Kriegsgefangener im Ersten Weltkrieg. In: Forum Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur 1 / 2005. S. 61 – 64.

Ders.: Working in the Coal Mine: Belgians in the German War Industry of the Ruhr area during World War I. In: Jaumain, Serge u.a. (Hrsg.): Une guerre totale? La Belgique dans la première guerre mondiale. Archives Générales du Royaume: Etudes sur la première guerre mondiale. Vol. 11. Bruxelles 2005. S. 221 – 233.

[2] "Anlegung" bezeichnet in der Fachsprache des Bergbaus allgemein die Beschäftigung von Bergleuten.

[3] Seit dem Zeitalter der so genannten "polnischen Teilungen" gab es keinen eigenen polnischen Staat, so dass die zum russischen Zarenreich gehörenden polnischen Gebiete allgemein als "Russisch-Polen" bezeichnet werden.


Kontakt: vhs@muelheim-ruhr.de
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http://vhs.muelheim-ruhr.de
Das Projekt Migration & Geschichte
wurde durch die Leonhard-Stinnes-
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Impressum
Stand: 08.07.2009

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