Ausstellung 25 Jahre Tschernobyl (2011)
Rede von Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld
zur Ausstellung „Menschen-Orte-Solidarität
25 Jahre Tschernobly“
am Sonntag, 20. März 11, 11 Uhr,
Altenhof
***
Sehr geehrte Frau van Emmerich,
sehr geehrter Herr Superintendent Hitzbleck,
sehr geehrter Herr Junge-Wentrup (Geschäftsführer IBB),
meine sehr geehrten Herren und Damen,
erschütternder und verstörend aktueller als „25 Jahre nach Tschernobyl: Menschen-Orte-Solidarität“ kann eine Ausstellung heute, am 20. März 2011, nicht sein.
Stündlich erreichen uns Schreckensmeldungen von der unfassbaren humanitären Tragödie, die sich in Japan seit dem verheerenden Erdbeben und dem dadurch ausgelösten Tsunami am 11. März abspielt. Die Bilder der zerstörerischen Wucht der Naturgewalten sowie der fortschreitenden nuklearen Katastrophe begleiten uns - und sorgen für Fassungslosigkeit, Trauer, Unsicherheit und Angst.
So viel Leid: Millionen Menschen, vom Erdbeben erschüttert, vom Tsunami heimgesucht und nun von tödlichen Strahlen bedroht. Sie wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen, wem und was sie glauben sollen, was sie erwartet. Sie vermissen ihre Angehörigen und Freunde. Sie haben Durst, sie frieren. Und die Angst vor der unsichtbaren Strahlung und dem Ticken des Geigerzählers steht ihnen ins Gesicht geschrieben.
Wir an den Bildschirmen in Deutschland, weit weg vom GAU, können das unermessliche Leid der betroffenen Menschen nur erahnen. Wir sind erschüttert, betroffen, besorgt.
Es fällt schwer, das Schicksal der Menschen in Japan in Worte zu fassen. Vielleicht wird uns dies in einigen Jahren mit zeitlichem Abstand gelingen. So wie es die Ausstellung der „Initiative Tschernobyl Kinder“ ein viertel Jahrhundert nach der Reaktorkatastrophe in der Ukraine versucht.
Die Erinnerung an das Unglück vom 26. März 1986 wach zu halten, das war das Ziel der Ausstellung. Junge Menschen, die den GAU damals noch nicht miterlebt haben, sollten durch das Gespräch mit Zeitzeugen zusätzliche Informationen aus erster Hand erhalten. Sie sollten besser verstehen und nicht vergessen. Dass diese Jugendlichen heute hautnah erleben (müssen), was eine atomare Katastrophe für die Menschen vor Ort und die ganze Welt bedeutet, das war bei der Planung nicht vorhersehbar. Das haben die Organisatoren auch nicht.
Die durch die Urgewalt der Natur ausgelöste atomare Katastrophe wird nicht nur Japan verändern. Das Leben dort wird nicht einfach zur Normalität zurückkehren können. Ganze Landstriche werden auf Jahrzehnte unbewohnbar sein. Viele Menschen werden durch die nukleare Bestrahlung an Spätfolgen leiden oder sterben. Zu den physischen Leiden kommen die psychischen. Das war und ist in Tschernobyl nicht anders.
In Belarus, der Ukraine und Russland leben auch heute noch rund fünf Millionen Menschen in radioaktiv verseuchten Gebieten. Was dies heißt, werden uns Zeitzeugen sehr eindringlich erzählen können.
Nicht nur in Japan wird es ein Umdenken geben müssen, die ganze Welt steht vor einer Zeitenwende. Ein Weiter-So kann und darf es nicht geben, denn wir stehen in der Verantwortung für unsere Erde.
Die Reaktorkatastrophe von Fukushima hat in ihrem ganzen heute noch nicht fassbaren schrecklichen Ausmaß 25 Jahre nach Tschernobly erneut gezeigt, dass wir Menschen die Atomtechnik auch für zivile Zwecke nicht beherrschen können. Wir Menschen können in der Theorie vieles planen. Wenn es dann doch anders kommt, wenn menschliches Versagen wie in Tschernobyl oder die Natur wie in Japan unsere Theorien über den Haufen werfen – dann sind wir den Gesetze der Chemie und der Physik hilflos ausgeliefert.
Die deutschen Atomkraftwerke seien sicher, haben die Chefs der großen deutschen Energiekonzerne und zahlreiche VertreterInnen aus der Politik bis vor wenigen Tagen immer wieder betont. Heute sind sie da nicht mehr so sicher. Sogar der E.on-Vorstandsvorsitzende Johannes Teyssen spricht von einer „Zäsur“, nach der man nicht „einfach zur Tagesordnung übergehen“ könne. Nehmen wir ihn beim Wort und fordern wir auch von uns selbst einen verantwortungsbewussteren Umgang mit Energie.
Ich persönlich bin Dagmar van Emmerich und ihren unermüdlichen MitstreiterInnen sehr dankbar dafür, dass sie die diese interaktive Ausstellung nach Mülheim geholt haben. Wir werden und dürfen Tschernobyl und vor allem die noch heute unter den Folgen der Katastrophe leidenden Menschen nicht vergessen. Und deshalb ist das Engagement der Mülheimer Tschernobyl-Initiative auch 25 Jahre nach dem GAU wichtig und richtig.
Die internationale Solidaritätsbewegung verdient unser aller Anerkennung und Unterstützung. Es ist erschreckend, wie wenig wir aus dieser bis dahin schwersten nuklearen Katastrophe gelernt haben. Was sich in diesen Tagen in Fukushima ereignet, muss uns deshalb um so mehr zum Umdenken und Umsteuern treiben.
Ich wünsche der Ausstellung viele BesucherInnen, neugierige Fragen und nachhaltiges Interesse am Thema und an der Arbeit des Vereins „Tschernobyl-Kinder“.
Kontakt
Stand: 22.03.2011













[schließen]
Bookmarken bei