Archiv-Beitrag vom 25.09.2002Ausstellung im Kunstmuseum Alte Post: Marc Chagall, Radierungen und Farblithographien, vom 8. September bis 17. November 2002

Ausstellung
Marc Chagall
Radierungen und Farblithographien
vom 8. September bis 17. November 2002

nähere Informationen: Kunstmuseum Alte Post



Titel des Plakates: Blaues Profil, 1967, Farblithographie, (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2002.

 

Das Mülheimer Kunstmuseum zeigt aus eigenen Beständen, ergänzt durch wichtige Leihgaben, druckgraphische Blätter von Marc Chagall sowie Keramiken und kleine Skulpturen. Zu sehen werden sein: 99 Radierungen zu Gogol’s „Tote Seelen“, 42 Farblithographien „Daphne und Chloe“, 33 Originallitho-Plakate des Künstlers, die zweibändige Bibel und ausgewählte Einzelblätter des Künstlers. Der Bestand der gezeigten Werke umfasst ca. 200 Werke.

Museumsleiterin Dr. Gabriele Uelsberg präsentiert die "Chagall-Bibel"


Marc Chagall (1887-1985)
„Mir scheint, dass mir etwas verwehrt geblieben wäre, wenn ich mich nicht neben der Farbe zu einem Zeitpunkt meines Lebens mit Gravüren und Lithographien beschäftigt hätte. Schon als ich in früher Kindheit begann, einen Bleistift zu handhaben, suchte ich jenes gewisse Etwas, dass sich wie ein großer Strom ausbreiten kann, um fernen und verlockenden Ufern zuzufließen. Wenn ich einen lithographischen Stein oder eine Kupferplatte in Händen hielt, glaubte ich einen Talisman zu berühren. Mir schien, ich könne darauf alle traurigen Gefühle übertragen, alle Freuden..., alles, was mir das Leben im Laufe der Jahre gebracht hat: Geburten, Tod, Hochzeiten, die Blumen, die Tiere, die Vögel, die armen Arbeiter, die Eltern, die Liebenden in der Nacht, die biblischen Propheten, auf der Straße, im Hause, im Tempel und im Himmel. Und im Alter die Tragödie des Lebens in uns und um uns. Wenn ich alle diese Arbeitswerkzeuge in die Hand nehme, fühle ich den Unterschied zwischen der Lithographie, der Gravüre und der Zeichnung. Man mag zwar ganz gut zeichnen, dennoch aber diesen lithographischen Nerven nicht in den Fingern spüren – das ist eine Sache des Gefühls. Ganz zu schweigen davon, dass sich ganz allgemein in jedem Strich jener besondere Geist offenbaren muss, der mit der Technik und dem Handwerk nichts gemein hat.“

Chagalls erfolgreiche Laufbahn als Graphiker begann 1922 in Berlin. Die Radierung und wenig später die Farblithographie eröffnete Chagall neue künstlerische Möglichkeiten. Insgesamt illustrierte Chagall für befreundete Schriftsteller, Dichter, Kunsthistoriker und Kritiker 114 Bücher und Kataloge, wobei er ganz unterschiedliche graphische Techniken anwandte. Seinen ersten größeren Auftrag erhielt Chagall von Ambroise Vollard, der ihn bat,
Nikolai Gogols „Tote Seelen“
zu illustrieren. Chagall kannte die Welt des ländlichen Russlands und setzte sie originell und äußerst humoristisch um. In seinen Radierungen fing er den Geist des Gogol’schen Textes ein und bereicherte ihn mit eigenen volkstümlichen Elementen. Die Radierungen entstanden auf der Grundlage von Gouachen. Vier Jahre lang, von 1923 bis 1927, arbeitete Chagall an den 107 ganzseitigen Radierungen für dieses Buch. Die Vollendung der Arbeit erlebte Vollard nicht mehr. Er starb 1939 und die Radierungen wurden erst 1948 von dem Verleger Tériade in Paris veröffentlicht. Unter dem Titel „Les Ames Mortes“ erschien das zweibändige Werk in insgesamt 368 Exemplaren, von denen 40 vom Künstler handkoloriert wurden.



Von Ambroise Vollard bekam Chagall auch den anspruchsvollen Auftrag,

Illustrationen zur Bibel
zu gestalten. Chagall nahm diese Arbeit voller Begeisterung an. Er war mit der Bibel und mit dem Gebetbuch aufgewachsen und integrierte oft hebräische Wörter in seine Zeichnungen, Gouachen und Gemälde. Daher beschloss er, zu diesem Zweck das Heilige Land zu besuchen. Als er Vollard von seinem Plan erzählte, sagte dieser lakonisch: „Gehen Sie zur Place Pigalle.“ Chagall war bestürzt über diese respektlose Bemerkung. Seiner Liebe zur Bibel gab der Künstler mit den folgenden Worten Ausdruck: „Seit meiner frühesten Jugend hat mich die Bibel gefesselt. Sie schien mir – und scheint es mir noch heute – die reichste poetische Quelle aller Zeiten zu sein. Seither habe ich ihr Abbild im Leben und in der Kunst gesucht. Die Bibel ist wie ein Nachklang der Natur, und dieses Geheimnis habe ich weiterzugeben versucht.“
Von Februar bis April 1931 reist er mit seiner Tochter Bella und seiner kleinen Tochter Ida ins Heilige Land. Anfang 1932 waren 32 Druckplatten fertiggestellt und 1939, als Ambroise Vollard starb, waren 66 Platten vollendet. Nach einer langjährigen Unterbrechung nahm er erst 1952 die Arbeit an den Radierungen wieder auf, und 1956 waren insgesamt 105 Radierungen vollendet, die noch im selben Jahr von Tériade veröffentlicht wurden. Sie erschienen in zwei Bänden in 275 Exemplaren.

Plakate
Bei Fernand Mourlot in Paris beschäftigt sich Chagall 1950 mit graphischen Techniken und fertigt sein erstes Plakat als Lithographie. Dort lernt er auch den Meisterlithographen Charles Sorlier kennen, dem er in Folge den Druck aller seiner lithographischen Arbeiten anvertraut.
Chagalls Plakatentwürfe zeichnen sich durch besonders lebhafte Farbigkeit und einen knappen und präzisen Stil aus. Seine Originalität in Bezug auf die Gestaltung von Plakaten bestand stets darin, dass die Verkürzungen und Verdichtungen nie zu Lasten der zeichnerischen Qualität gingen. Die Gestaltungsform, mit der er seine Entwürfe entwickelte, spricht eine besonders kraftvolle Sprache. Die Farbsetzungen sind deutlicher voneinander abgegrenzt, als dies in seinen Lithographien oder auch Gemälden der Fall ist. Dennoch fehlen den Plakaten jegliche „plakativen“ Elemente, sondern Chagall nutzt im Gegenteil die differenzierte Farbigkeit im Kontrast zu starken Farbfeldern, um den Darstellungen sowohl Leuchtkraft, Präsenz und Direktheit anzueignen wie auch Delikatesse, Tiefe und Differenzierung. Die Plakate entstehen erst seit den fünfziger Jahren. Für die Pariser Museen schuf er hervorragende Werke. . Als Plakatkünstler steht Chagall wie in allem, was er in seiner unvergleichlichen künstlerischen Laufbahn unternimmt, ein hervorragender Rang zu. Seine Plakate sind niemals Werbung. Sie sind eigenständige Werke, die mit hoher Qualität für die Kunst und ihre Inhalte einstehen.

Daphnis und Chloe
Eines der bedeutendsten Werke der Druckgraphik überhaupt sind die 42 Farblithographien zu „Daphnis und Chloe“. 1952 beauftragt der Verleger Tériade Chagall, den Schäferroman „Daphnis und Chloe“ des griechischen Schriftstellers Longos aus dem 3. Jahrhundert nach Christus zu illustrieren. Um sich für die neue Aufgabe einzustimmen, fuhren Chagall und seine Frau nach Griechenland und besuchen antike Orte. In den später ausgeführten 42 Farblithographien verbinden sich antike Architektur, mythische Gestalten und Motive mit einer poetischen, zartfühlenden, phantasievollen Märchenwelt. Chagalls Bilder entsprechen dem bewusst naiven Ton der Dichtung. Sie entführen den Leser zu einer Traumreise nach dem antiken Lesbos, dem Geburtsort des Verlegers Tériade, nach einem antiken und ewigen Griechenland, das sich in einem sinnlichen, fröhlichen Farbenfest darstellt. Der Lithographiezyklus „Daphne und Chloe“ stellt in Chagalls Werk einen Höhepunkt seiner späten Jahre dar. In jene Jahre fallen auch seine Glasfenstergestaltungen und der große Auftrag, die Decke der alten Pariser Oper zu gestalten. Die Illustrationenfolge wurde 1961 in einer limitierten Auflage von 270 Exemplaren veröffentlicht.

Während Chagall nur selten ein Bild als Grundlage für eine Graphik verwendet, schafft er oftmals Gemälde nach seinen Lithographien. Graphik und Malerei lassen sich daher in Chagalls einzigartigem Werk nicht voneinander trennen.
Chagall liebte die Arbeit mit der Graphik und die Zusammenarbeit mit den Meistern des Druckhandwerks. Wenn er in die Druckerei kam, gab er gerne jungen Malern folgenden Ratschlag: „Man muss arbeiten, man muss immer arbeiten, überarbeiten, ohne ungeheure Arbeit kann man nicht versuchen, ein Ideal zu erreichen, man muss hundert Prozent von sich selbst geben; wenn man nur neunzig Prozent gibt, ist man nicht von der Leidenschaft beseelt oder man hat kein Talent. Man muss bis zum Ende arbeiten, ohne Einschränkung, nicht um Geld zu verdienen, sondern für die Qualität des Werkes. Die Qualität gibt den Sinn des Lebens.“


Foto:Walter Schernstein

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Stand: 25.09.2002

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