Ausstellung im Museum Alte Post: Arnulf Rainer - Passionen
Das Kunstmuseum in der Alten Post in Mülheim an der Ruhr zeigt als einzige nordrhein-westfälische Station die große Retrospektive zum 75. Geburtstag von Arnulf Rainer. Unter dem Titel "Passionen" werden bis zum 4. Juli 2004 über 100 Werke des bedeutenden Künstlers in einer Ausstellung präsentiert, die von so frühen Arbeiten wie "Der Taucher" von 1949 bis zu jüngsten Arbeiten aus dem letzten Jahr reichen.

Arnulf Rainer, am 8. Dezember 1929 in der Nähe von Wien geboren, gehört zu den wichtigsten Künstlern der europäischen Kunstgeschichtsschreibung nach 1945. Der Österreicher, bei dem jeder Versuch, sich den Strukturen eines Akademiebetriebes unterzuordnen, spätestens nach drei Tagen fehlschlug, ist auch in seiner Kunst unnachgiebig, kompromisslos. 1948 wendet er sich zunächst dem Surrealismus zu. Werke mit Titeln wie "Der Taucher" zeigen ein in diesen Jahren immer kleinteiliger werdendes, amöbenhaftes Gewimmel und zeugen von einem, wie es André Breton im Geburtsjahr des Künstlers im Zweiten Surrealistischen Manifest fordern wird, "schwindelnden Abstieg" in ihn selbst. 1950, in Paris auf den Spuren des Surrealismus wandelnd, lernt Rainer den Künstler Jean-Paul Riopelle kennen, durch den er erstmalig mit der in Amerika geprägten Kunstrichtung des Informel vertraut gemacht wird, die sein weiteres künstlerisches Schaffen nachhaltig beeinflussen wird. Die reine Linienführung als alleiniges künstlerisches Ausdrucksmittel ohne gegenständliche Bindung wird in Folge bei Rainer zu einer Darstellung führen, die er Atomisation nennt. Die zunehmende Kleinteiligkeit der frühen Fettkreidezeichnungen verdichtet sich nun in einem ungegenständlichen All Over. In der surrealistischen Tradition der écriture automatique experimentiert Rainer mit der Technik des automatischen Zeichnens unter Ausschaltung jeder bewussten Kontrolle und gestaltet in den frühen 50er Jahren Mikrostrukturen, Optische Dezentralisationen, Zentralisationen und Blindzeichnungen.

Fotos: Walter Schernstein
Rainer arbeitet nun bereits in Serien; 1953/54 entstehen die ersten Photoposen, während zeitgleich die bekannteste Werkgruppe (1953 – 1965) ihren Anfang nimmt: die Übermalungen. Dabei kann ein Trägerbild ein eigenes oder das eines Künstlerkollegen sein; die frühen Übermalungen negieren das darunter befindliche Bild durch eine flächendeckende, monochrome Farbschicht. Spätere Arbeiten, ab 1959, interpretieren vielmehr durch die gestische, zumeist stark farbige Bemalung das Trägerbild, lassen einen Dialog zu. Tatsächlich, so Rainer, sind es für ihn "erweitere Selbstgespräche", die vor allem in den Selbstbildnissen eine starke Suggestionskraft erzielen. Mitte der 70er Jahre beginnt er seine Kunst auf Kunst-Serien, indem er Fotografien von Werken von Doré, Zanetti, Leonardo, Van Gogh, Rembrandt und Goya überarbeitet. Besonders eindrücklich gelingen ihm die Übermalungen der Messerschmidt-Köpfe (1977/78), die, bereits selbst in ihrer Mimik überzeichnet, durch Rainer noch weiter in ihrem Ausdruck gesteigert werden. Zur gleichen Zeit nimmt sein Interesse an der Thematik des Todes zu. Er beginnt mit Übermalungen von Totenmasken, um schließlich auch Fotos von zumeist eines gewaltsamen Todes Gestorbener zur Bearbeitung vorzunehmen. Die ersten Kreuze entstanden bereits 1956/57 und durchziehen sein gesamtes Oeuvre. Neben der sakralen Bedeutung ist für Rainer das Kreuz vor allem Bildträger mit fehlender Dominanz einer bestimmten Bildrichtung; in der Mitte der vertikalen und horizontalen Achse liegt das ruhende Zentrum. Wie auch die Monochromie für Rainer "ein königlicher Weg zur Stilllegung und Mortifikation" ist, so ist die vertikal-horizontale Gestalt des Kreuzes ein Mittel, zu einem unbewegten Bild zu gelangen. Bereits in den frühen 50er Jahren "beschwor" er dieses ruhende Zentrum in den Zentralisationen, in denen ein Gewirr von Linien sich im tiefen Schwarz der Mitte verliert. Arnulf Rainer greift immer wieder Thematiken neu auf, arbeitet parallel an unterschiedlichen Serien. Er selbst braucht Abstand zu seinen Werken, manchmal ist die Notwendigkeit einer weiteren Überarbeitung bereits am nächsten Tag klar, manchmal braucht er Jahre, um sich sicher zu sein, dass er sie einem Publikum zeigen kann, dass sie seinem Qualitätsanspruch genügen. Das trifft beispielsweise auf die Serie der Geologica zu, großformatige Werke, deren Oberfläche zum Teil durchlöchert, Stücke herausgefräst sind, um sie dann mit mehreren Farbschichten zu überlagern. Teilweise unter Einbindung von Holzspänen und Sand entstehen Mal-Landschaften, die an Satellitenaufnahmen erinnern. Es entstehen Schleierbilder, auf denen die Farbe stark verdünnt breitflächig aufgetragen wird, die darunter liegenden Farbschichten wie durch einen Schleier durchscheinen. Sie sind lichter und beruhigter in der Bildauffassung als die früheren Werkgruppen. Vereinzelt werden in diesen Bildern einzelne gepresste Blumen eingebunden, die durch den Übermalungsvorgang selbst ganz "Farbe" werden, ihre Existenz zum Teil nur erahnbar ist. Während die Schleierbilder die unterschiedlichsten Formate aufweisen, werden die aktuellen Arbeiten wieder kleiner, interpretieren frühere Werkgruppen neu, wenngleich beruhigter trotz aller Farbintensität. Zur Ausstellung gibt es einen Katalog mit 160 Seiten und über 100 Farbabbildungen. Diese Ausstellung ist eine Kooperation mit der Kunsthalle Jesuitenkirche, Aschaffenburg.
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Stand: 28.04.2004













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