Ausstellung im Museum Alte Post: Eckhard Kremers »Tagebücher« - Arbeiten mit und auf Papier (bis 23. März 2003)
Will man sich dem Künstler Eckhard Kremers nähern, so betrachte man zu allererst seine Arbeiten auf Papier, denn ein für das Verständnis zentrales gestalterisches Kriterium in seinem Werk ist, dass sich die Ikonographie der Bilder und Bildserien aus einem Netzwerk von Assoziationen und Bezügen entwickelt. Seine vielfältigen Rückbeziehungen im Kontext der Kunstgeschichte sowie seine Adaptionen multimedialer Bildeindrücke, die sich in der Verwendung von Zeitschriftenbildern, Fundstücken und Fotografien dokumentieren, sind am sinnfälligsten auf Papier nachvollziehbar. In den Radierungsserien, den collagierten Bildwerken sowie den Skizzen und tagebuchartigen Zeichnungen und Zeichnungsobjekten folgt Kremers seiner experimentellen Idee von Verdichtung und Komprimierung der Themen und Inhalte durch Übereinanderlagerung, Kontragewichtung und Beziehungssetzung in der Bildfläche.

Eckhard Kremers
Eckhard Kremers arbeitet dabei in der Hauptsache in Serien, die sich mit bestimmten Thematiken beschäftigen und die die unterschiedlichen Aspekte in immer neuen gestalterischen Formulierungen transportieren. So wie zum Beispiel in den Serien „Die Wunde“ und „Il Miraculo“, in denen sich Kremers in großen Formaten aktuell mit Themen und Vorbildern aus der italienischen Kunstgeschichte auseinandersetzt. Hier konstruiert er in vielgestaltiger Mischtechnik mit Farbstiften, Acryl, Fotografien und Collage-Elementen in vielen Überarbeitungen einen Wahrnehmungsteppich, in dem unterschiedliche und immer neue Aspekte aufschimmern und von anderen überlagert werden. Die Themen, mit denen sich der Künstler auseinandersetzt und die er in der Kombination von historischen Elementen mit zeitgenössischen Bezügen in einen aktuellen Kontext setzt, legt er gleichsam den Betrachtern zur Diskussion dar. Deutlich hervorgehoben in der Arbeit „Die Wunde – Simone Martini“ von 1997, in der Kremers zum einen das Renaissancebild des italienischen Künstlers getreu zitiert und es im Gegenzug mit den sozialistischen roten Sternen kombiniert und so mit kritischem Blick fragt, ob das Wunder, das geschehen ist, auch anhalten wird. Kremers nutzt in diesem Kontext des Kombinierens scheinbar unvereinbarer Elemente auch häufig fotografische Vorlagen, da in der Präzision und scheinbaren Realistik der Foto-Fragmente Schock- und Überraschungsmomente in seinen Papierarbeiten gelingen, die er durch die bewusst rüde Verwendung von Farbigkeiten noch verstärkt. Es entstehen so Verknüpfungen, die den Betrachter aus dem ersten Gefühl von Ästhetik herauswerfen, sobald er mit Erschrecken den Inhalt wahrnimmt. Kremers selbst nutzt die Collage nach eigenen Aussagen als bewussten Schritt zur sogenannten „Ekeltechnik“. Diese besondere Form von „Ekelästhetik“ dient dazu, den Arbeiten die Glätte und Harmonie zu nehmen und die Schärfe der Aussage, die in ihnen steckt, zu verstärken. Kremers verwendet in den Papierarbeiten zum Teil recht schockierende Fotofragmente gleichzeitig mit malerischen Elementen. Ein Beispiel hierfür ist die Arbeit „Original-Schönheit“, eine Collage, in der er Farbkopien und Linolschnittelemente auf der Leinwand gemeinsam in Korrespondenz bringt. Die beim ersten Betrachten entdeckte Farbharmonie wir durch das Erkennen der Darstellung auf der Farbkopie ins Gegenteil verkehrt. Gerade auch dort, wo der Künstler Aktfotografie oder sogar Fragmente aus pornographischen Darstellungen in seine Arbeiten einbaut, überlässt er den Betrachter der schockierenden Wahrnehmung, ohne diese bildnerisch zu mildern. In der Arbeit „Il Miraculo“ von 1999 verstärkt Eckhard Kremers diese formale Technik noch. Hier findet in der Verwendung von sogenannten Palettenresten - dunkelrote Farbreste aus dem Atelier -, die ins Bild einklebt sind, sofort eine visuelle Umdeutung statt und läßt sie im Kontext des gezeichneten Beines an Wunde denken. Schwärend wirkt die offene Stelle, und das Bein scheint sich im „Il Miraculo - das Wunder der Heilung“ eher aufzulösen. Auch in den Serien zum Thema „Befunde“, in denen Kremers undefinierbare Organe darstellt, verfährt er ähnlich. Die in den Organbildern eingesetzten Palettenreste bewirken darüber hinaus, dass die Arbeiten auf Papier bunter und farbiger wurden. Aber der Künstler verwendet nicht nur gefundene oder gesetzte collagierende Elemente. Auch eigene Zeichnungen und Skizzen können sich in den Papierarbeiten an anderer Stelle wiederfinden, um dort Themen mal zu wiederholen mal umzudeuten.

"Männer & Frau",2000, Collage, Foto (1992), Klebeband, Plastikfolie und Siebdruckfarbe auf Papier
Eindrücklich ist vor allen Dingen die Serie „Vom Vergessen - für Akira Oeda“, die er seinem japanischen Galeristen gewidmet hat. Kremers thematisiert in diesen Arbeiten, die er auf Leinwand und auf Papier gestaltet hat, das geistige Verabschieden eines Mannes, der nach mehreren Jahren Krankheit an der Alzheimerschen Erkrankung verstorben ist. Immer wieder taucht das Gesicht, porträthaft angedeutet, in den Kohlezeichnungen auf, wird jedoch wieder aufgelöst und verschwindet gleichsam im dunklen Hintergrund des Papier. In dieser Serie arbeitet er sowohl mit Versatzstücken, die an den alten Mann erinnern lassen, wie auch mit konkreten Porträtelementen, die er auf dem Papier wieder verwischt oder wie in einigen Arbeiten ganz auslöscht. Die besondere Verhältnissetzung von realistischer Umsetzung und sich auflösender Form wird dabei für jedes Blatt immer wieder neu in Einklang gebracht mit der formalen Komposition und der strengen Aufteilung, die besonders diesen Arbeiten eigen sind - so als suche der Künstler die konstruktive Struktur, um jenen schwindenden Geist zu festigen und ihn nochmals lebendig werden zu lassen. Auch in dieser Serie zitiert Kremers ältere Porträt-Vorbilder, wie in der Arbeit „Vom Vergessen - nach Guido Reni“. Die zeitlich letzten Blätter der Serie „Vom Vergessen“ dokumentieren die qualvolle Suche nach der Vergangenheit, die sich immer mehr auflöst, da die Gegenwart, einem Raum des Vergessens gleich, in Schwärze verbleibt. Dennoch gemahnt das sich auflösende Antlitz des japanischen Galeristen selbst in den abstraktesten Arbeiten immer noch wie ein Memento Mori an den Geist, die Intelligenz und die Existenz des Mannes, der vor seiner Krankheit im Leben des Künstlers eine wichtige Rolle gespielt hat.
Eckhard Kremers setzt in seinen künstlerischen Arbeiten oftmals ein konkretes Element als Statthalter ein für Erfahrung, Thema und Reflektion. In den Serien, die sich mit Kleidung befassen, treten die Gewänder als „Pars pro toto“ für die menschliche Existenz und „ihr Geworfensein in das Leben“ ein. Interessant ist in diesem Kontext, dass die Kleidungsstücke, die als solches den Menschen bildhaft ersetzen, unterschiedlich gewichtet sind, sei es, sie stehen für eine Frau oder sie stehen für einen Mann. Während in den Werken, die männliche Personen thematisieren, oftmals das Prunkgewand oder das Ornat gewählt ist, beschäftigt sich Kremers in seinem druckgraphischen Werk vor allen Dingen mit der Rolle der Frau, die er in Reiz- und Unterwäsche zum Ausdruck bringt. Hemdchen, Korsagen, Tops und Pullover werden zuerst radiert, überarbeitet, in die Platte gesetzt und so verfremdet, dass sie eine eigene Qualität gewinnen. In der Radierserie „Dessous Schwarz“ aus dem Jahr 2000 setzt Kremers ein transparentes Spitzenunterhemd in Vernis mou, Kaltnadel und Roulette so in der Platte um, dass eine Spur entsteht, die allein durch den Abdruck jenes Wäschestückes übrig geblieben ist. Es mag in den transparenten Abdrücken, die zum Teil noch mit Ölfarbe überarbeitet sind, manchmal der Gedanke an Veronikas Schweißtuch aufschimmern, da dem Gewand ein derart immaterieller Charakter eigen wird, der in die Vergangenheit zurückverweist. Immer wieder spüren die Betrachter jene besondere Spannung zwischen überspitzter Inhaltlichkeit und Delikatesse in der Ausführung, die Eckhard Kremers in seinen Arbeiten auf Papier bewusst unvermittelt nebeneinander bestehen lässt. Besonders sinnfällig wird dieser Gegensatz in den Fotoübermalungen „Über Raum und Zeit“ und „... a umbo“, in denen Kremers durch die Überarbeitung von Fotografien und Abbildungen aus Büchern Kontexte verdichtet und die ursprüngliche Bildhaftigkeit nur noch an wenigen und exponierten Stellen offen lässt. Die Flächen, die in diesen Arbeiten mit Farbe überdeckt sind, wirken wie ausgelöscht, so dass die ausgesparten Fotopartien mit ihren konkreten Details plakativ und demonstrativ in den Vordergrund treten. Es findet eine Umkehrung der Wahrnehmung statt, indem das, was vom Künstler gestaltet ist, scheinbar ungestaltet ist und das, was sich fotografisch oder reproduktiv fassen lässt, noch stärker und scheinbar unvermittelt aus dem Kontext löst.
Immer wieder greift Kremers Bildsetzungen auf, um sie mit neuen und alten Elementen zu kombinieren. In diesem Sinne verwirft er nie etwas und nutzt jedes Bildelement mehrfach für seine Arbeit, indem er das Prinzip des Recycelns, des immer wieder Verwendens, Übermalens, Ausreißens, neu Collagierens in allen Bereichen anwendet und zwar in der Ölmalerei ebenso wie in der Radierung und den großformatigen Arbeiten auf Papier. Besonders sinnfällig und deutlich wird diese Vorgehensweise jedoch vor allen Dingen in seinen fast tagebuchartigen Skizzen, die seit 1977 unter dem Titel „Join the Trashcanmovement“ entstehen. In diesen DIN A 4 großen Skizzen untersucht Kremers spielerisch unendliche Kombinationen mit eigenen älteren Zeichnungen, Zeitungsausschnitten, Fotofragmenten, Reprodrucken - eigener wie kunstgeschichtlicher Bilder -, Comics, Zeitschriften und all dem, was er findet und in seinen Werken thematisch und formal umsetzt. Diese kleinen Skizzen sind in ihrer Ausprägung experimenteller und radikaler als die großformatigen Arbeiten. In ihnen werden jedoch immer wieder auch neue Vorgaben für die größeren Bilder vorgedacht und entwickelt, wenngleich die Skizzen in keiner Weise als Vorstudien für später auszuführende Arbeiten zu verstehen sind. Der Umgang mit dem Bild- und Assoziationsrepertoire, aus dem der Künstler sich bedient, ist hier noch freier als in den großen Arbeiten. So finden sich hier neben den bereits vertrauten Collageelementen auch Stoff- oder Fellstücke, die den Zeichnungen nahezu objekthaften Charakter verleihen. Die freiere und durchaus spielerische Umsetzung der Blätter erlaubt auch oft ironisch-humorvolle Kommentare, die unernste Assoziationen auslösen. Neben diesen alltäglich-täglich entstehenden Skizzen konfigurieren sich jedoch auch wiederum Werkgruppen wie z. B. „Kind und Charakter“, die sich mit ganz bestimmten Thematiken auseinandersetzen, und - wie hier die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands -, in sehr bedrückenden Bildkompositionen vermitteln.
Wie weit Eckhard Kremers die Wirklichkeiten der collagierenden Skizze nutzt, zeigen auch die Beispiele, in denen er nahezu abstrakt mit Form- und Materialstrukturen experimentiert, die sich später oftmals in den großen Arbeiten als Bildsetzungen wiederfinden. Auch in der Wahl der Materialien wie z. B. Leinöl, das Kremers in das Papier einarbeitet, zeigt sich, dass er die Durchdringung der Themen und Assoziationen mit den künstlerischen Mitteln anstrebt. Die Verwendung des Naturstoffs Leinöl, der das Papier gleichsam durchtränkt und es entstofflicht, wird dabei mit den collagierenden Elementen kombiniert. Es gelingt Eckhard Kremers gerade auch in seinen Arbeiten auf Papier und in seinen Skizzen, sich vom eigenen Stil frei zu machen, um zu neuen Lösungen zu gelangen. In diesem Kontext sind die Werke, die nur scheinbar als Nebenprodukt seiner künstlerischen Arbeit entstehen, Bild gebend, Bild stiftend und damit wesentlicher Bestandteil seiner künstlerischen Arbeit.
Foto (oben): Walter Schernstein
Dr. Gabriele Uelsberg
(Museumsleiterin)
Kontakt
Stand: 21.02.2003













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