Die besten Geschichten schreibt bekanntlich das Leben. Bei Hannah von Boeckmann stimmt das allemal. Vielleicht, weil ihr Leben schon so viel Zeit hatte, zu schreiben. 104 Jahre alt ist sie seit gestern. Und was ihre Geschichte angeht: „Das glaubt Ihnen sowieso niemand“, sagt ihre Nichte Monika Güttner (64).
Probieren wir es trotzdem. In Düsseldorf geht die Lebensreise los. Am 14. April 1904. Das Mädchen Hannah Müller wechselt nach der Grundschule aufs Luisen-Gymnasium. Macht mit 18 Jahren ihr Abitur. Alles verläuft in geraden Bahnen. Das änderte sich, als sich ihre Eltern scheiden lassen. Ihre Mutter geht nach New York, sie selbst soll bei ihrem Vater in Düsseldorf bleiben. Lust hat sie dazu keine. Also verkauft sie heimlich dessen Klavier und brennt mit dem Geld und ihrem Freund Peter Prell auf einem Frachter nach Argentinien durch. „In Afrika haben wir Halt gemacht“, erinnert sich Hannah von Boeckmann. „Ohne mein Schulfranzösisch wäre ich da gar nicht zurecht gekommen.“ Englisch kann sie übrigens auch. „Ich weiß, ich bin eine Angeberin.“ Sie lacht.
Hannah von Boeckmann: Zwischen Buenos Aires, New York, Mülheim, der Dietrich und neuen Galanen.
Nach sechs Wochen Schifffahrt kommt das Düsseldorfer Paar in Buenos Aires an. Ohne Geld, ohne Arbeit, aber vor allem: ohne Trauschein. Die Behörden verdächtigen Peter des Mädchenhandels. „Ich dachte schon, sie würden mich zurück schicken oder uns verhaften“, sagt Hannah von Boeckmann und senkt ihren Blick. Doch dann findet sich ein Deutscher, der für Peter bürgt. Die beiden heiraten und schlagen sich als Butler-Ehepaar durch. Er als Chauffeur, sie als Putzfrau. „Ich habe lange gearbeitet. Sonst könnte ich meine Miete im Heim gar nicht bezahlen.“ Sie meint immer, sie wäre eine Millionärin, lächelt ihre Nichte Gabriele Wagler (63).
Zurück nach Argentinien. Nach drei Jahren steht dort plötzlich ihre Mutter aus New York vor der Tür. Die nimmt ihre Tochter samt Ehemann, obwohl sie den nicht leiden kann, mit in die amerikanische Metropole. Hannah Prell arbeitet von nun an als Verkäuferin im weltberühmten Kaufhaus Bloomingdale.
Dietrich, Taylor und Jackie Kennedy
Sie bedient eine Prominente nach der anderen. Jackie Kennedy kauft ein Nachthemd. „Ich habe sie erst bei der Unterschrift erkannt.“ Sie, sei sehr freundlich gewesen, habe Bitte und Danke gesagt. Wenig später steht Marlene Dietrich mit einer Tasche an ihrer Kasse, Elizabeth Taylor mit Strumpfhosen.
„Ich habe keine Kinder, war aber glücklich verheiratet“, sagt Hannah von Boeckmann. Der Name verrät, dass Peter Prell zwar ihr erster, aber nicht letzter Mann war. Nach zehn Jahren New York lässt sie sich scheiden und heiratet den Berliner Max von Boeckmann. Mit ihm kehrt sie 1974 nach Deutschland zurück. Vier Jahre danach stirbt ihr Max. Eigentlich wollte er nur Brötchen holen.
Seitdem ist Hannah von Boeckmann allein. Und irgendwie auch nicht. Mit 90 Jahren setzt sie sich im weißen Hosenanzug und Hörgerät im Ohr in den Flieger nach New York. Besucht ihre Freundinnen. Noch mit 100 wohnt die Frau mit der amerikanischen Staatsbürgerschaft bei Karlsruhe und versorgt sich selbst, als die USA wegen Todesverdachts die Rentenzahlung einstellen. Erst eine Lebensbescheinigung – kein Witz! – die ihre Familie über den großen Teich schickt, lässt das Geld wieder fließen.
Das amerikanische Konsulat hält Hannah von Boeckmann auch jetzt noch auf Trab, da sie längst im Altenheim an der Gracht lebt: Regelmäßig kommt jemand vorbei und prüft, ob sie noch lebt. Und das tut sie: Ständig lacht sie sich neue Verehrer an. „Die möchten alle, dass ich ihnen die Hosen flicke!“ Und sie geht auch immer noch mit ihrer Nichte Gabriele auf der Kö spazieren. „Wenn sie dann irgendwo Musik hört, muss ich mitten auf der Straße mit ihr tanzen.“ Hannah von Boeckmann schreibt ihre Lebensgeschichte weiter. In bunten Farben.
Daniela Braun, 15. April 2008, Lokalausgabe NRZ, Mülheim an der Ruhr.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung durch die NRZ, Mülheim an der Ruhr
Internetredaktion: Klaus Wichmann, Mülheim an der Ruhr, im Februar 2010
Nachruf: Hannah von Boeckmann ist 2009 im Mülheim an der Ruhr gestorben.
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