Der Wandel von der muttersprachlichen "Sozialberatung für ausländische Arbeitnehmer und deren Familienangehörige" zur "Integrationsagentur"
In der neueren Geschichte des 1920 gegründeten Mülheimer Caritasverbandes gab es bereits seit Ende der 50er Jahre bis Ende der 90er Jahre einen ausländischen Sozialdienst mit der etwas sperrigen offiziellen Bezeichnung "Sozialberatung für ausländische Arbeitnehmer und deren Familienangehörige".
Unmittelbar nach der Anwerbung sogenannter "Gastarbeiter" hat sich der Caritasverband mit seinen Sozialdiensten für Arbeitsmigranten, Aussiedler und Flüchtlinge engagiert. Angeboten wurden Orientierungshilfen und Beratung zur Eingliederung. Neben den beruflichen Caritasdiensten leisten zahlreiche Ehrenamtliche, sowie Priester und pastorale Mitarbeiter(innen) in den Kirchengemeinden wertvolle Integrationsarbeit.
Landsleuten zur Seiten stehen. Unter dem Dach des Mülheimer Caritasverbandes fanden italienische, portugiesische, spanische und Mitbürger aus dem ehemaligen Jugoslawien, vor allem Kroatien, qualifizierte muttersprachliche Sozialarbeiter, die sie bei Schwierigkeiten und Problemen beraten konnten. Im Auftrag des Diözesancaritasverbandes wurden für die in Mülheim lebenden Mitbürger dieser Nationalitäten langjährig Sprechstunden eingerichtet, denn nicht nur neu ins Land gekommene Personen brauchten den Rat erfahrener Landsleute. Nötig hatten ihn oft auch die schon in zweiter und dritter Generation hier lebenden Mitbürger.
Die häufigsten Probleme waren
Meist wurden Einzelberatungen durchgeführt (80 %). Bei den konkreten Hilfen gab es in fast jedem dritten Fall eine Vermittlung bzw. Zusammenarbeit mit anderen Fachdiensten, Institutionen und Behörden. Sehr in Anspruch genommen wurden auch sprachliche und schriftliche Hilfeleistungen.
Hier Heimat finden. Seit Mitte der 70er Jahre gab es bereits eine Beratung für "Spätaussiedler" beim Mülheimer Caritasverband. Ende der 80er Jahre und Anfang der 90er Jahre prägte die Zuwanderung von Flüchtlingen, von Asylsuchenden, von Aus- und Spätsiedlern das Bild in manchen Mülheimer Stadtvierteln.
So verfügte bis 1991 die Sozialverwaltung über 18 Übergangsheime und drei weitere Unterkünfte mit insgesamt 1.548 Plätze für Aussiedler. Daneben waren noch bis zu 100 Personen in Hotels unterzubringen, da die Kapazitäten nicht ausreichten. In den Jahren 1988 bis 1991 wurden von den zuständigen Landesstellen 4.330 Personen zugewiesen - danach ging die Zuweisung von Aussiedlern deutlich zurück.
Der Caritasverband übernahm die Beratung und Begleitung für Aussiedler in den zu Übergangswohnheimen umgebauten Schulen am Springweg und Am Stoot - stand dort direkt vor Ort den Aussiedlerfamilien und ihren Kindern helfend zur Seite. Nachdem die meisten Arbeit und Wohnung gefunden hatten, die Übergangsheime aufgelöst wurden, bestand die Hauptaufgabe der zentralen Caritas-Aussiedler-Beratungsstelle - bis Ende der 90er Jahre an der Dimbeck - darin, bei schulischer, beruflicher, gesellschaftlicher und kultureller Integration stützend zu helfen und zu begleiten.
Schwierigkeiten damit hatten allerdings noch eine Reihe schon länger in Mülheim lebender Aussiedler. Verlust des Arbeitsplatzes, Anstellungsprobleme in spezifischen Berufen, Mängel beim Erlernen der deutschen Sprache, Zoff mit Versicherungen und Behörden, Zerbrechen von Beziehungen, Ehen und Familien im ungewohnten gesellschaftlichen Umfeld waren u. a. Gründe, die Beratungsstelle in Anspruch zu nehmen.
Zuflucht gewähren - gemeinsam leben. "Viele Millionen Flüchtlinge und Ausländer ohne Rechtsstatus prägen das Gesicht unseres Jahrhunderts. Ursachen dafür sind Verletzungen des Friedens durch Gewalt, Krieg und strukturelle Unterdrückung, die Missachtung der Menschenrechte durch politische und religiöse Verfolgung sowie die durch uns mitverschuldete schwierige wirtschaftliche und ökologische Lage vieler Länder.
Ein kleiner Teil dieser Menschen findet den Weg nach Westeuropa. Viele Europäer werden dadurch verunsichert, weisen eine Verantwortung zur Aufnahme dieser Personen zurück und reagieren abwehrend. Regierungen versuchen, durch eine restriktive Ausländer- und Asylpolitik sowie nicht selten unter Missachtung von Menschenrechten diese Personen von ihren Grenzen fernzuhalten. Während im Osten Europas Mauern fallen, wird im Westen eine Tendenz sichtbar, neue Mauern zu errichten und sich in eine `Festung des Wohlstandes`einzuigeln." (AG Kath. Flüchtlings- und Aussiedlerhilfe, Flüchtlingskongress der Kath. Kirche Westeuropas, 1990)
Diese von den westeuropäischen Bischöfen und den Verantwortlichen der Caritas treffend beschriebenen Situationen steht als Präambel im 1990 von Caritas und Kath. Kirche in Mülheim an der Ruhr verabschiedeten Konzept für die Soziale Betreuung und Begleitung von Flüchtlingen.
Teile der Mülheimer Bevölkerung zeigten sich verunsichert durch den starken Zuzug von Asylbewerbern und Bürgerkriegsflüchtlingen Ende der 80er bis Mitte der 90er Jahre. Besonders Menschen aus Jugoslawien, Polen, Türkei, Sri Lanka, Libanon, Iran und aus verschiedenen afrikanischen Ländern fanden in Mülheim an der Ruhr Zuflucht. Mangelnder Wohnraum und die restriktive Vorgabe zur Gemeinschaftsunterbringung laut dem NRW-Flüchtlingsaufnahmegesetz führten in diesen Jahren dazu, dass Flüchtlinge in größerer Anzahl in Wohnungen, Behelfsumbauten, mobilen Wohnanlagen und selbst in Turnhallen (Hügelstraße und Holzstraße) untergebracht wurden.
Durch die zunehmende Belegung mit Flüchtlingen in der vom Caritasverband (CV) sozialarbeiterisch betreuten Obdachlosensiedlung Alstadener Straße in Styrum wuchs dem CV die Flüchtlingsberatung und Förderung der Asylkinder zu.
Flankierend wurde über den Fachbereich Gemeindecaritas Verständigungsarbeit in den Kirchengemeinden geleistet, ehrenamtliche Hilfe aktiviert und in Anwaltschaft für die in engen Wohncontainern lebenden Flüchtlingen unermüdlich im Verbund mit sozial engagierten Personen und Initiativen eine Auflösung der Wohnprovisorien proklamiert.
Flüchtlings- und Stadtteilarbeit. 1997 - die dichte Neubebauung entlang der Aktienstraße/Kreuzung Eppinghofer Straße lässt das hartnäckige Gerücht aufkommen, dass diese Häuser vollständig mit Flüchtlingen belegt werden sollen. Dies sorgt bei der deutschen Bevölkerung für erhebliche Unruhe. Es herrscht Angst vor zusätzlicher "Überfremdung", da bereits zu diesem Zeitpunkt in diesem Viertel ca. 400 Flüchtlinge und Aussiedler untergebracht sind. Zudem in diesem Stadtviertel an der Peripherie zur Innenstadt ca. ein Viertel aller ausländischer Mitbürger Mülheims leben.
Über Zusammenkünfte der Arbeitsgemeinschaft der christlichen Kirchen des Wohngebietets und der Kirchengemeinden konnten der Mitarbeiter des Gemeindcaritas des Caritasverbandes und die Flüchtlingsberaterin des evgl. Kirchenkreises Aufklärungsinformationen in die Bevölkerung des Viertels bringen, dass eine Belegung nicht in diesem Umfang geplant sei. Auch die Aussicht auf eine stadtviertelnahe soziale Betreuung der Flüchtlinge konnte die Wogen etwas glätten.
Auf einer Zusammenkunft der Verantwortlichen aller christlichen Kirchen des Stadtviertels konnte dann im Mai 1998 die neue Flüchtlingsberaterin des Caritasverbandes einer größeren Versammlung vorgestellt werden. Die Anregungen, Wünsche und Sorgen wurden somit direkt zu Beginn in die konkrete konzeptionelle Arbeit einbezogen.
Das Caritasbüro zur "Flüchtlingsberatung" wurde direkt in einer Unterkunft für Asylbewerber (aus der Türkei, dem Kongo, Serbien, Bosnien, Kosovo und Afghanistan) an der Engelbertusstraße eingerichtet, um den Flüchtlingen so wie der Nachbarschaft eine Anlaufstelle im Stadtteil anzubieten.
Schwerpunkte sind:
Die über das Caritasbüro geleistete Arbeit der Flüchtlingsberatung dient der deutschen und ausländischen Bevölkerung gleichermaßen.
Die soziale Befriedigung zwischen den Nachbarschaften machte durch die soziale Betreuung erhebliche Fortschritte. Intensive Kontakte entstanden zu mehreren - auch älteren deutschen Nachbarschaftsfamilien. Sie kommen regelmäßig zum Austausch ins Beratungsbüro, bringen Kleiderspenden und pflegen freundlichen Umgang mit den Flüchtlingsfamilien. Sie sind wichtige Säulen und Brücken der Verständigung, da sie die Lebenswelt der Nachbarschaft durch ihr tägliches Leben vor Ort von innen her kennen.
Um diesen Grundstock der positiven Annäherung weiter zu erhalten und zu intensivieren und den Flüchtlingen in ihrer Lebenssituation zur Seite stehen, zog das Caritasbüro nach Auflösung der Engelbertusstraße im Jahr 2001 in das Übergangswohnheim Vereinstraße. Durch den Rückgang der Flüchtlingszahlen wurde der Anteil der reinen Flüchtlingsberatung reduziert. Der Beratungsbedarf und die vorgenannten Schwerpunkte bestehen aber nach wie vor.
Integrationsagentur 2007. Seit 2007 sind im städtischen Übergangswohnheim für Asylbewerber in der Vereinstraße 10 - 12 die Flüchtlingsberatungsstelle und die Integrationsagentur der Caritas Sozialdienste e. V. Mülheim an der Ruhr angesiedelt.
Die Integrationsagentur der Caritas Sozialdienste e. V. Mülheim an der Ruhr hat als Schwerpunkt die sozialraumorientierte Arbeit im Stadtteilviertel Eppinghofen. Dies beinhaltet u. a. die Übernahme einer Brückenfunktion zwischen vorhandenen Angeboten im Stadtteil und Menschen mit Zuwanderungsgeschichten und die Heranführung an die Angebote der sozialen Infrastruktur. Das bürgerschaftliche Engagement hat innerhalb dieser Sozialraumarbeit besondere Bedeutung.
Folgende Angebote und Projekte sind angestrebt oder bestehen bereits:
Erhardt Klamet, Mülheim an der Ruhr, im August 2007
Caritasverband für die Stadt Mülheim an der Ruhr e. V.
Caritaszentrum St. Raphael
Hingbergstraße 176
45470 Mülheim an der Ruhr
Telefon: 0208/3 00 08 - 0
Fax: 0208/3 00 08 - 22
E-Mail: info@caritas-muelheim.de
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