Mülheimer Baudenkmäler: Das Haus der Wirtschaft

Die neue Hauptverwaltung der Thyssen-Werke kurz nach der Fertigstellung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als August Thyssen 1871 nach Mülheim an der Ruhr kam und im damals noch selbständigen Styrum mit dem Bandeisenwalzwerk mit eigener Stahlherstellung unter der Firma Thyssen & Co. sein erstes Unternehmen gründete, richtete er die Verwaltung in dem mit dem bäuerlichen Anwesen übernommenen "Backes" ein. Dies befand sich mitten auf dem Werksgelände, in unmittelbarer Nähe der Produktionsstätten. In dem kleinen ebenerdigen Fachwerkhäuschen waren das kaufmännische und das Betriebsbüro untergebracht, außerdem ein Lager. Es konnte und brauchte keinen repräsentativen Ansprüchen zu genügen. Der Verwaltungsaufwand hielt sich noch in Grenzen; Geschäftspartner besichtigten – wenn überhaupt – die Bandeisenherstellung und wurden im nahe gelegenen Wohnhaus des Unternehmers empfangen; Kapital- und Kreditgeber gab es nicht oder hatten keine Veranlassung, sich selbst ein Bild vom Geschäftsbetrieb zu machen, denn August Thyssen, der sich nicht von fremden Aktionären und Banken abhängig machen wollte, setzte auf die Finanzierung durch Familienvermögen oder festverzinsliche Einlagen kirchlicher Einrichtungen.

Als 1873, zwei Jahre nach Gründung des Unternehmens, das Wohngebäude des erworbenen Heckhofes frei wurde, zog August Thyssen mit seiner Frau dorthin um und nahm auch die Verwaltung mit. Erst 1879 wurde in der Nähe von Tor I, auf dem Werksgelände, ein Zentralbüro für die inzwischen gewachsene kaufmännische Verwaltung errichtet. Es war ein einfacher einstöckiger Backsteinbau mit Dachgeschoss, in dem auch August und sein Bruder Joseph Thyssen ein Zimmer hatten und in dem sich ein größeres Konferenz- und Besucherzimmer befand. Kurz vor der Jahrhundertwende wurde die Zentralverwaltung aufgestockt und beträchtlich erweitert – immerhin wurde von hier aus der inzwischen zweitgrößte deutsche Montankonzern geplant, gelenkt und kontrolliert. Es war ein unverputzter Ziegelsteinbau mit klarer Linienführung und harmonisch gegliederten Fronten, der dennoch wegen seiner Baumasse eher wie eine große Mietskaserne wirkte.

Bereits wenige Jahre später begann man mit der Planung eines neuen Gebäudes für die Zentralverwaltung. Es wurde nicht mehr im Werk, sondern am Rande des Werksgeländes, direkt an der Wiesenstraße, errichtet. Es kamen nun Angehörige anderer Konzerngesellschaften nach Mülheim, um zu beraten, Investitionsanträge zu stellen oder Rechenschaft abzulegen; außerdem begrüßte man Lieferanten und Kunden sowie Vertreter der Banken, der Verbände und der öffentlichen Verwaltung. Dafür benötigte man nicht nur geeignete Räumlichkeiten. Das Unternehmen hatte eine wirtschaftliche Bedeutung, die es als selbstverständlich erscheinen ließ, dies auch in seinem Äußeren, d. h. vor allem durch seine Gebäude, allen voran durch die der Öffentlichkeit zugewandte Zentralverwaltung, zum Ausdruck zu bringen. Bereits die Zentralverwaltung sollte schon bei der Annäherung über das Unternehmen informieren und dessen Charakter zeigen. Wir wissen, dass August Thyssen auf die Planung und Gestaltung des Gebäudes direkten Einfluss genommen und auch hier – bis zum Umzug in die neue Verwaltung auf der anderen Seite der Wiesenstraße – zusammen mit seinem Bruder Joseph ein Arbeitszimmer hatte. Das ehemalige Gebäude der Konzernzentrale in der Wiesenstraße 35 zeigt von außen auch heute noch das Aussehen von 1910, dem Jahr seiner Fertigstellung; lediglich die Grundstückseinfriedung ist verschwunden und die Dächer auf den Längsseiten haben, um zusätzlichen Raum zu schaffen, kleinere Dachaufbauten erhalten.

Zunächst diente das Gebäude als Zentralverwaltung des Konzerns Thyssen & Co., ab 1923 der Unternehmensverwaltung der Maschinenfabrik Thyssen AG, ab 1926 der Werksverwaltung Mülheim der DEMAG, ab 1927 der Siemens-Schuckert-Werke GmbH, ab 1966 der Siemens AG, ab 1969 der Kraftwerk Union AG (KWU), ab 1997 der Siemens AG Power Generation; seit 2003 gehört das Gebäude als "Haus der Wirtschaft" der Mülheimer Wohnungsgesellschaft und bietet unter anderem den Gründern neuer Unternehmen Platz – außerdem informiert dort seit September 2008 eine museale Präsentation über die wirtschaftliche Entwicklung Mülheims.

Die beiden Verwaltungsgebäude der Firma Thyssen in der Wiesenstraße

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Verwaltungsgebäude an der Wiesenstraße 36

Die rasche Expansion des Thyssen-Konzerns machte schon bald eine Korrektur der ursprünglichen Pläne notwendig. Das an der Wiesenstraße 35 errichtete Zentralverwaltungsgebäude war bereits nach wenigen Jahren zu klein. Insbesondere die ehemalige Abteilung V, die „Maschinenreparaturwerkstatt“, hatte sich nach der Aufnahme des Großgasmaschinenbaus zu einem eigenen Unternehmen entwickelt, dessen Verwaltung und Konstruktionsbüros ein eigenes Gebäude benötigten. Deshalb begann man im Jahre 1911 mit den Vorbereitungen zur Errichtung eines weiteren Verwaltungsgebäudes gleich gegenüber auf der anderen Seite der Wiesenstraße. Während das schon vorhandene Gebäude der Maschinenbau-Gesellschaft vorbehalten bleiben sollte, war der zu errichtende Neubau zur Aufnahme der gleichfalls gewachsenen Konzernverwaltung bestimmt.

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges verhinderte die Ausführung. Erst Anfang der 1920er Jahre konnte, verzögert durch Arbeitskämpfe, Ruhrbesetzung durch französisches und belgisches Militär sowie den Passiven Widerstand dagegen, ferner durch die Währungsturbulenzen, mit den Bauarbeiten begonnen und im Juli 1924 das Gebäude bezogen werden. Die von dem hoch angesehenen Mülheimer Architekten Franz Hagen entworfenen Pläne waren noch von dem inzwischen über 70jährigen August Thyssen genehmigt worden – und der über 80jährige hat bis zu seinem Tod im Jahre 1926 im östlichen Eckzimmer des rechten Flügels sein Büro gehabt.

Den würfelartigen Dachaufbau an der Stirnseite zierte früher das Zeichen des jeweiligen Nutzers, zuletzt das MW im geschlossenen Kreis der Mannesmannröhren-Werke. Historische Fotos zeigen auch den Namenszug auf dem Dach, z. B. den der Deutschen bzw. der Rheinischen Röhrenwerke und von Phoenix-Rheinrohr. In den 1990er Jahren, als der Umzug der Zentralverwaltung der Mannesmannröhren-Werke von Düsseldorf nach Mülheim vorbereitet wurde, erhielt das Gebäude eine moderne wettersichere Vorfahrt, und auf der Rückseite wurde ein neues Kantinengebäude errichtet. Zugleich wurden die Grünanlagen, die das Gebäude umgeben und seinen freundlich, einladenden Gesamteindruck im jahreszeitlichen Wechsel wirkungsvoll unterstreichen, gestaltet. Die Straßenüberbauung, die die beiden Häuser an der Wiesenstraße 35 und 36 verbindet, besteht seit 1923, dem Jahr der Fertigstellung der zweiten Verwaltung. Die Überbauung ist vom Haus Wiesenstraße 36 zugängig und hat zwei Stockwerke, deren unteres mittig durch fünf putzumrahmte Fenster belichtet wird; der Zugang von der anderen Seite ist zur Zeit vermauert. Nach dem Passieren des Windfangs erreicht man den Eingangsbereich mit einer breiten Zugangstreppe; diese hat noch die originalen aus Holz geschaffenen Handläufe und die mit Marmor getäfelten Wände. Das Hochparterre gliedert sich in einen breiten Umgang und wird dominiert durch einen großen hellen Lichthof. Die moderne, aus Glas gestaltete Portiersloge ist erst in den 1990er Jahren gegenüber dem Eingang platziert worden. Die Umgänge in den oberen Stockwerken öffnen sich zum Lichthof und wirken ausgesprochen kommunikativ – die aus Feuerschutzgründen nachträglich eingebauten gläsernen Feuerschutztüren wirken schalldämmend. Der Gesamteindruck ist freundlich und beschwingt – und vermittelt eine fast mediterrane Atmosphäre.

(Bearbeitete u. gekürzte Fassung von "Die Verwaltungsgebäude der Thyssen-Werke" von Horst A. Wessel, in: Zeugen der Stadtgeschichte - Baudenkmäler und historische Orte in Mülheim an der Ruhr. Klartext Verlag, Essen 2008)

 

Gesamtansicht der Thyssen-Werke in Mülheim an der Ruhr (im Vordergrund rechts das Verwaltungsgebäude Wiesenstraße) Das Verwaltungsgebäude in der Wiesenstraße 35 (1914) Die Vorhalle mit Treppenhaus und Durchgang zum Lichthof (vor 1914)
Postkartenansicht des Verwaltungsgebäudes in der Wiesenstraße (um 1924) Das Verwaltungsgebäude an der Wiesenstraße 36 (um 1983) Fassadenansicht der ehemaligen Thyssen-Hauptverwaltung (1993)
Längengrad*
Breitengrad*
ODER Adresse (nur Straße und Hausnummer)
Markertext*

Kontakt


Stand: 12.07.2017

[schließen]

Fehler melden

Sie haben einen Fehler gefunden? Bitte teilen Sie ihn uns mit. Ein Redakteur wird sich umgehend darum kümmern.

Ihre Nachricht

 

Teilen | Drucken | PDF-Version | RSS-Feed | Fehler melden

Transparenter Pixel