Doppel-Ausstellung im Museum Alte Post
Ann Mandelbaum - "Thin Skin"
11. August – 1. Oktober 2006

Die amerikanische Fotokünstlerin Ann Mandelbaum (geb. 1945 in Wilkes-Barre, Pennsylvania, lebt und arbeitet in New York) erforscht ihre Welt in obsessiver Nahsicht. Es ist vor allem der menschliche Körper, den sie mit ihrem sensiblen Kamerablick in bemerkenswerter Weise erfasst und magisch verfremdet. Den Körperhaaren, den Falten, den Runzeln und Muttermalen, dem kleinen Makel widmet die Künstlerin ihre besondere Aufmerksamkeit, ebenso den Gelenkzonen und Extremitäten wie auch den Öffnungen des Körpers. So ist zum Beispiel das Auge, wie Ann Mandelbaum selbst sagt, etwas, "das als Öffnung wie auch als Verschluss auftritt. Ich betrachte diese verwirrenden Stellen, an denen wir Menschen nicht wissen, ob wir eindringen oder uns zurückziehen, ob wir etwas ablehnen oder annehmen sollen." Mit ihren verrätselten Bildern zeigt sich die Amerikanerin als Surrealistin nach dem Surrealismus. Zugleich berührt sie sehr eindrucksvoll ein Thema unserer Gegenwart: Bodyshaping, Fitness und Schönheitskult sind in aller Munde; in der Bildwelt Ann Mandelbaums geht es jedoch auch um die wehmütige Wahrnehmung des endlichen, des sich wandelnden Körpers – um das Duett von Eros und Tod. Was bei all ihren Arbeiten fasziniert, ist ein komplexes Zugleich von Anziehung und Abstoßung.
Neben den Fotografien zeigt die Ausstellung "Thin Skin" auch eine Reihe skulpturaler Arbeiten Ann Mandelbaums. Dazu gehören ihre Silikonabgüsse von Händen, Füßen und Knien, ebenso wie ihre als kleine Sammlungen präsentierten, winzigen Objekte, die von den Besucherinnen und Besuchern aus aller nächster Nähe geradezu inspiziert werden müssen und in ihrer Vitrinenpräsentation an medizinische oder naturkundliche Kabinette erinnern.
Mit dem aktuellsten Werk der Ausstellung erobert Ann Mandelbaum das Medium Film. Dabei spielen die kurzen Sequenzen der Video-Arbeit "White Sites" auch auf dem Schauplatz des Körpers, diesmal des Gesichtes. Weit mehr als in den Fotografien und Skulpturen entfaltet Ann Mandelbaum in diesen Capriccios spielerisch-humorvolle, mitunter groteske Züge.
"Thin Skin" wird von einem umfangreichen Katalog begleitet (Abbildungen aller ausgestellten Werke, 141 Seiten, Texte von Beate Ermacora, Victoria Combalia, Annett Reckert, Peter Weiermair, Hatje-Cantz-Verlag, 18 €). Die Ausstellung ist in Kooperation mit dem Museum Canal de Isabel II (Madrid) und der Kunsthalle Göppingen entstanden.
Führungen des Mülheimer Kunstvereins:
So, 20.08., 17.09., 01.10.: 11.00 – 12.00 Uhr
After Work-Kurzführung:
Do, 24.08., 07.09.: 18.15 – 18.45 Uhr
Julia Oschatz – "Cut and Run"
11. August – 1. Oktober 2006

Mit der raumgreifenden Installation "Cut and Run", die sie eigens für das Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr entwickelt hat, eröffnet Julia Oschatz ein neues Kapitel ihres enzyklopädischen Projektes Paralysed Paradise. In diesem spielt ein merkwürdiges, gesichtsloses Mischwesen mit langen Ohren – halb Mensch, halb Tier, weder männlich, noch weiblich – die Hauptrolle. Egal wohin uns die Reise in Oschatz' begehbaren, aus Pappkartons gefertigten Ruinen, Höhlen oder Schiffe, in ihren gezeichneten, gemalten, gefilmten oder animierten Landschaften führt, die Stellvertreterfigur mit ihrer Tarnkappe war schon vor uns da, um als Abenteurer fremde Landschaften zu erkunden und mögliche Erfahrungen zu prüfen. Julia Oschatz bedient sich aus dem großen Fundus vorhandener Bilder und Geschichten. Dabei greift sie einerseits das Thema des durch Jahrhunderte mit vielfältigen Metaphern belegten Natur- und Landschaftsbegriffes auf, um es mit dem nicht minder metaphernreich besetzten Klischee des Heldentums zu kombinieren. Cartoons, mittelalterliche Druckgrafik, Expeditionsberichte, Abenteuerfilme, Reiseprospekte, Computerspiele oder Highlights der Kunstgeschichte dienen ihr gleichermaßen als Vorlagen wie als Aktionsraum.
Da sich das identitätslose Wesen stets in klischeehaften Bildern wieder findet, ohne so recht zu wissen, wie es dorthin gekommen ist, stellt es die Frage, wie es aus diesen Bildern und ihren Vorstellungsräumen wieder herauskommt.
Kleinformatige, von einem bleichen Grauton überschattete Landschaftsdarstellungen werden in Petersburger Hängung wie Ausschnitte aus Filmsequenzen präsentiert. Schnell wechselnde Erzählfragmente und eine offene Dramaturgie kennzeichnen die Videoarbeiten, die aus einem Mix an geklauten Filmschnipseln, eigenen Aufnahmen und Zeichnungsanimationen bestehen. Unter Hinzuziehung von Sprach- und Symbolspielen webt die Künstlerin ein dichtes Netz an widersprüchlichen Bezügen und Bedeutungen, in dem sich die hybride Stellvertreterfigur zurechtfinden muss. Da sie jedoch keine Augen hat fehlt ihr die Orientierung. Dieser skurrile Umstand führt zu Handlungen, die den vorgegebenen Szenerien stets zuwiderlaufen. Mit Witz und Humor thematisiert Julia Oschatz unser Verhältnis zu Kunst, Utopien und der Konstruktion von Realität. Dabei wirft sie vor allem Fragen auf, die um die Verortung des Ich im eigenen Körper und in der Gegenwart kreisen.
Der Titel der Mülheimer Ausstellung ist zugleich der Titel von Julia Oschatz' neuestem Video. "Cut and Run", aufgeschnappt im Seefahrtsbereich, besagt, dass im Falle eines Angriffs der Kleinere und Schwächere Leinen und Anker kappen und die Flucht ergreifen soll. Dieser Ausspruch findet im Video sein Pendant in einer an Fäden hängenden und auf der Stelle tretenden Gliederpuppe, die durch diese Empfehlung erst recht manövrierunfähig gemacht werden würde. Zentrales Motiv des Clips ist wie schon in anderen Arbeiten ein Bild von Caspar David Friedrich. In der Szenerie der "Kreidefelsen auf Rügen" (um 1818) macht sich, fast 200 Jahre später, das Wesen von Julia Oschatz auf den Weg, um das Terrain zu erkunden. Es ergötzt sich natürlich nicht, wie die Figuren des Bildes, ehrfurchtsvoll und schaudernd ergriffen, nur am Anblick. Es steigt hinab in den geheimnisvollen, verborgenen Ort. Unten angekommen stolpert es durch staubiges, gar nicht mehr erhabenes Geröll und versucht vergeblich, aus der isolierten Bucht herauszukommen. Im Gegensatz zu den Rückenfiguren des romantischen Malers, die stellvertretend für den Betrachter eingesetzt sind, winkt es uns freundlich und um Hilfe rufend zu.
Das Video ist Leitmotiv der Ausstellung und kann in einem monumentalen Pappkartonschiff betrachtet werden. Die Schiffsattrappe steht im Zentrum einer vielteiligen, theatralisch inszenierten und dicht ineinander verzahnten Erlebniseinheit, die jedoch nie pathetisch wirkt, sondern auch im Dreidimensionalen bei aller Ernsthaftigkeit der aufgeworfenen Fragen für Kurzweiligkeit sorgt. Motive wie Schiff, Leuchtturm und Insel sind facettenreich als sprechende Bilder eingesetzt.
Julia Oschatz wurde 1970 in Darmstadt geboren und lebt in Berlin. Sie studierte von 1989-1993 und von 1995-1998 an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, 1993/1994 an der Städelschule in Frankfurt/Main. Sie erhielt verschiedene Stipendien und absolvierte von 1998-2000 Aufbaustudien in Reykjavik und Bourges. Sie zeigte bislang ihre Arbeiten in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen. Für eine Reihe von Theaterprojekten entwarf sie Bühnenbilder und Computeranimationen. Die Ausstellung im Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr in der Alten Post ist ihre erste Museumsausstellung.
Ein Katalog mit aktuellen Aufnahmen der Ausstellung und Texten von Beate Ermacora, Ludwig Seyfarth und Ines Wiskemann erscheint in Kürze.
Fotos: Walter Schernstein
Führungen des Mülheimer Kunstvereins:
So., 13.08., 27.08., 10.09., 24.09.: 11.00 – 12.00 Uhr
After Work-Kurzführung:
Do., 17.08., 21.09.: 18.15 – 18.45 Uhr
Filmabend:
Fr. 15.09., 19.00 Uhr
Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr in der Alten Post
Viktoriaplatz 1,
45468 Mülheim an der Ruhr
Tel. (02 08) 4 55 41 38, Fax: (02 08) 4 55 41 34
kunstmuseum@stadt-mh.de
www.kunstmuseum-mh.de, www.kulturbetrieb.de
Öffnungszeiten:
Di, Mi, Fr 11 – 17 Uhr, Do 11 – 21 Uhr, Sa, So 10 – 17 Uhr,
montags geschlossen
Kontakt
Stand: 11.08.2006













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