Ehrenring für Jacques Marx 2010
Rede für Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld
zur Verleihung der Ehrenringe an J. Marx
am Mittwoch, 3. November 10, 17 Uhr,
Schloß Broich
***
Sehr geehrter Herr Marx, sehr geehrte Frau Marx,
sehr geehrter OB Sauerland,
sehr geehrter OB Wehling,
sehr geehrte Vertreter der Jüdische Gemeinde,
sehr geehrte Alt-OBs Krings und van den Mond
liebe Gäste aus MH, DU, OB!
Wenn eine Stadt einem Bürger eine Auszeichnung für besondere Verdienste verleihen möchte, werden dazu im Vorfeld viele Menschen befragt. Regularien sind einzuhalten. Die Ehrungskommission wird einberufen. Der Rat muss entscheiden. Nach mehr oder weniger intensiven Diskussionen steht am Ende fest, ob der Vorgeschlagene die Zustimmung der Mehrheit - oder im besten Fall: aller - findet. Und dann muss der Vorgeschlagene natürlich auch noch bereit sein, die Ehrung anzunehmen…
Wenn nun gar drei Städte beschließen, gemeinsam einen Bürger auszuzeichnen, dann könnte dies einen langen Prozess der Diskussion und schließlich der Vorbereitungen nach sich ziehen. Wenn dieser Bürger aber Jacques Marx heißt, dann geht es hingegen ganz schnell.
Nachdem bekannt wurde, dass Herr Marx nach rund 38 Jahren den Vorsitz der jüdischen Gemeinde abgeben würde, haben wir drei OBs der Städte Duisburg, Oberhausen und Mülheim an der Ruhr uns zusammen gesetzt. Wir waren uns sofort einig, unseren Räten die Ehrung von Jacques Marx mit dem jeweiligen Ehrenring der Stadt vorzuschlagen. Denn die Verdienste von Jacques Marx um die Jüdische Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen und die Integration jüdischen Lebens in den Alltag unsere Städte sind so unbestritten wie großartig.
Das sahen auch die Ehrungskommissionen und Räte so. Und deshalb habe ich heute die große Freude und Ehre, als Oberbürgermeisterin der Heimatstadt von Jacques Marx diese Laudatio zu halten und gemeinsam mit meinen Kollegen anschließend die symbolische Übergabe der Ringe vorzunehmen. Wir werden Herrn Marx außerdem bitten, sich in die Goldenen Bücher unserer Städte einzutragen.
Meine sehr geehrten Herren und Damen,
das Leben von Jacques Marx ist kein alltägliches. Wie sollte es auch? Wurde er doch 1936 als Sohn deutscher Juden im Exil in Paris geboren. Von 1942 bis 1944 musste er mit seiner Familie aus Angst vor mordenden SS-Einheiten in den Wäldern Mittel-Frankreichs untertauchen. 1945, nach Ende des Zweiten Weltkriegs, wurde er in Paris eingeschult. Sein Abitur macht J.M. in Straßburg, wo er anschließend auch Pharmazie studierte.
Beim Militärdienst, so habe ich gelesen, habe J.M. seine "Jüdischkeit" entdeckt. Als er dann Mitte der 60er Jahre eher zufällig durch seinen Beruf nach Gelsenkirchen kam, hat er sich dort aktiv in die Gemeindearbeit eingebracht. Als selbstständiger Apotheker ließ sich J.M. 1967 in Mülheim nieder. Und mit nur 36 Jahren übernahm er 1972 von Herbert Salomon den Vorsitz der Jüdischen Gemeinde, damals mit rund 160 Mitgliedern.
Bis Februar 2010 wurde J.M. in seinem Ehrenamt immer wieder bestätigt. Damit war er sicher der dienstälteste Vorstand einer jüdischen Gemeinde in Deutschland. Und diese Gemeinde ist unter seinem Vorsitz von einer kleinen Gemeinschaft zu einer Großgemeinde gewachsen, die inzwischen zu den zehn größten deutschlandweit zählt und die viertgrößte in Nordrhein-Westfalen ist.
Sehr geehrter Herr Marx,
dass diese Gemeinde heute rund 2800 Mitglieder zählt und ein sehr aktives Gemeindeleben mit einem Kindergarten hat, dass sie für viele Mitglieder ein Zuhause ist, ist nicht zuletzt Ihrem großen persönlichen - und finanziellen - Engagement zu verdanken.
"Das ist eine Gemeinde mit Zukunft" sagte mir unlängst Pfarrer Gerhard Bennertz. Und ich behaupte, dass dieser optimistische Blick in die Zukunft, die konsequente Ausrichtung des Engagements auf Zukunft sehr charakteristisch für Ihre Arbeit ist. "Ich verstehe nicht meine Aufgabe darin, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Für mich ist die Zukunft wichtig", sagten Sie 1998 in einem Interview mit der NRZ. Damals waren Sie gerade 25 Jahre lang Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen.
Sehr geehrter Herr Marx,
als Sie in Ihrer Gemeinde den Vorsitz übernahmen, umfasste sie neben den drei Städten Oberhausen, Mülheim an der Ruhr und Duisburg, mit Wesel, Dinslaken, Voerde und Emmerich auch weite Teile des rechten Niederrheins. Da tauchten schnell Fragen auf, die beantwortet werden mussten: Wie sollten die zum großen Teil älteren Gemeindemitglieder zu einem Schabbat-Gottesdienst nach Mülheim kommen? Wie können sie betreut werden? Wie kann zu den – zunächst alle vier Wochen geplanten – Gottesdiensten ein Minjan, die Anwesenheit von zehn Männern, erreicht werden? Es ging um Jugend- und Frauenarbeit und um Betreuung der wachsenden Zahl meist christlicher Besuchergruppen. Dafür haben Sie, sehr geehrter Herr Marx, sich sehr viel Zeit genommen.
Alle Ihre Aktivitäten waren stets darauf ausgerichtet, die wachsende Gemeinde aus dem Großbereich Niederrhein und Ruhr zusammenzuhalten und zu festigen. Und dabei mussten Sie, zumindest in den ersten Jahren, gegen "Widerstand und mit Verachtung der Mehrheit der Juden außerhalb Deutschlands" (Vortrag Bennertz, 18.11.04, Alte Post) bestehen.
Robert Welsch, der langjährige Chefredakteur der ehemaligen Jüdischen Rundschau, vertrat offensiv die Meinung, dass "Deutschland nie wieder ein jüdischer Fuß betreten soll." Ähnlich äußerten sich hochrangige israelische Politiker. Und trotzdem haben Sie unbeirrbar an Ihrem Ziel festgehalten: dem Aufbau einer jüdischen Gemeinde innerhalb Deutschlands.
Knapp 20 Jahre nach Ihrem Amtsantritt taten sich völlig unerwartet drei neue, zusätzliche Baustellen auf:
- der Zuzug von Juden aus der früheren UdSSR und deren Integration in Ihrer Gemeinde,
- die Suche nach einem zu den Ansprüchen der Gemeinde passenden Rabbiner sowie
- die Suche, Planung und der Bau eines neuen jüdischen Gemeindezentrums, das den gewachsenen Bedürfnissen Ihrer Gemeinde gerecht wurde.
Letzteres war dringend nötig, denn 1990 wurde durch die Zuwanderung aus dem Osten das Gemeindehaus an der Mülheimer Kampstraße zu klein. "Was uns aber dringend fehlt, ist Platz", sagten Sie damals. Im Herbst 1992 formulierten Sie erstmals öffentlich den Wunsch nach dem Bau einer neuen und größeren Synagoge. Fünf Jahre und viele Planungsgespräche später konnten Sie den Grundstein legen. Es folgten das Richtfest 1998 und die Einweihung 1999.
"Die finanziellen Mittel für den Bau eines neuen Gemeindezentrums sicherzustellen (...) war wohl Marx‘ größte Leistung. Insgesamt 15 Millionen Mark erbettelte er für die neue Synagoge, die Krönung seines Lebens", schreibt Dr. Ludger Heid. Weiter bezeichnet er Sie als "hartnäckigen, mitunter sturen Streiter für die Belange der Gemeinde, eine Haltung, (...) ohne die der notwendig gewordene Neubau des Gemeindezentrums gewiss nicht hätte realisiert werden können." Dass das Gemeindezentrum in seiner heutigen Form tatsächlich entstand, ist also dem oft gepriesenen Verhandlungsgeschick und dem Durchsetzungswillen von J.M. zu verdanken.
Sehr geehrter Herr Marx, wir danken Ihnen für Ihre hartnäckige Sturheit! Auch wenn ich weiß, dass Sie mit der Gemeinde gerne in Mülheim geblieben wären, so haben Sie in Duisburg doch ein würdiges Gemeindezentrum geschaffen und lange vor der aktuellen Debatte ein leuchtendes Beispiel interkommunalen Denkens geliefert. Darauf können Sie stolz sein – und Sie sind es auch: "In unserem Haus findet richtiges Leben statt", schreiben Sie zufrieden unter dem aussagekräftigen Titel "Angekommen!" in der Festschrift zum 10-jährigen Bestehen.
Dank Ihrer zähen Beharrlichkeit können wir uns in Mülheim heute über den Jüdischen Friedhof freuen, der wieder zu einem sehenswerten Schmuckstück geworden ist. Dass man bei diesen Arbeiten Grabsteine fand, die kurz nach 1700 errichtet worden waren, sei nur kurz – und aus dem Blick einer erfreuten Historikerin – erwähnt.
Sehr geehrter Herr Marx,
Kinder und Jugendliche für jüdisches Leben zu gewinnen, war jahrzehnte lang eines Ihrer wichtigsten Ziele. Die Einrichtung des jüdischen Kindergartens war deshalb sicher ein Höhepunkt Ihrer ehrenamtlichen Arbeit. Auch hierauf können Sie mit großem Stolz blicken! Die Zukunft der jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen hat damit eine neue Facette bekommen und ganz in Ihrem Sinne – eine ganz und gar auf Zukunft ausgerichtete!
Vor wenigen Monaten haben Sie die Verantwortung für Ihre Gemeinde in andere Hände gelegt. "Es ist eine große Gabe, den richtigen Zeitpunkt zu treffen, um sich zurück zu ziehen", sagte Michael Rubinstein anlässlich Ihrer Ernennung zum Ehrenvorsitzenden auf Lebenszeit vor wenigen Wochen beim Jüdischen Neujahrsfest. Und er zitierte Sie selbst mit den imposanten Worten: "Die Zeit der demokratisch gewählten Diktatur ist vorbei." Diese Art der Diktatur hat Ihrer Gemeinde nicht geschadet. Im Gegenteil...
Meine sehr geehrten Herren und Damen,
J.M. hat viel für das jüdische Leben in unseren Städten und in seiner Gemeinde getan. Doch damit nicht genug. J.M. gehörte viele Jahre lang dem Vorstand des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein und dem Zentralrat der Juden in Deutschland an. Er war im Vorstand der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und setzte sich intensiv für die Öffnung der Synagoge nicht nur für Christen, sondern auch für die Muslime in Duisburg ein.
Und weil es heute schließlich um eine Ehrenringe-Verleihung geht, kann ich jetzt ganz selbstverständlich zu einem der bedeutendstene Texte der deutschen Literaturgeschichte kommen: der Ringparabel in Gottfried Ephraim Lessings "Nathan der Weise". Ich weiß: Sie, sehr geehrter Herr Krings, haben das Beispiel anlässlich einer Eröffnung der Akzente bereits einmal bemüht.
Heute aber, zu diesem Anlass, will ich die Parabel erneut heranziehen. Wir wollen heute aus drei Städten drei symbolische Ringe an eine Person übergeben. Das ist etwas anders als im Stück, in dem eine Person drei Ringe an drei Personen gibt. Und dennoch passt es:
Viele Dialoge im "Nathan" sind nichts anderes als ein fortgesetztes Gespräch über Toleranz und vorurteilsfreien Umgang miteinander. Vernunft und Glaube münden in Menschenliebe, die ein würdiges Zusammenleben ermöglicht.
Nathan, der überzeugte Jude, beantwortet die Frage des Sultans nach der "echten" Religion mit einem Gleichnis. Für ihn ist klar, dass Abstammung und Religion keine Bedeutung für die Wertigkeit eines Menschen haben. Und hier, sehr geehrter Herr Marx, sei noch eine letzte große Leistung von Ihnen gewürdigt: Ihr Eintreten für das Verständnis der drei großen Religionen und Ihre Offenheit für die beiden großen Strömungen innerhalb des Judentums.
Nun kann man ja einwenden, das Beispiel "Ringparabel" heute noch einmal zu bemühen, entspreche in erster Linie literaturwissenschaftlichen, vielleicht gar nur bildungsbürgerlichen Erwartungen. Schließlich sei doch die globalisierte Welt des 21. Jahrhunderts mit der aktuell laufenden Debatte über eifernde und Gewalt auslösende Religiosität und allen daraus erwachsenden Problemen so völlig verschieden vom Zeitalter des Absolutismus und der aufkeimenden Aufklärung, dass die "Ringparabel" heute nicht mehr tauge.
Hier sage ich ganz entschieden "nein"! Die Ringparabel ist bis heute die beste Toleranzidee, die seit der Aufklärung formuliert wurde!
Und bedenken wir doch auch einmal unter welchen schwierigen und gefährlichen Bedingungen, Lessing diese Vision entwickelt hat.
In einer Gesellschaft von gedanklicher und religiöser Unfreiheit (cuius regio eius religio) zieht Immanuel Kant sich den Zorn der Herrschenden zu, als er die Menschen auffordert, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen und sich nicht länger von weltlichen oder geistlichen Obrigkeiten vorschreiben zu lassen, was sie zu denken haben.
Damals stehen Dichter und Künstler in Fürstenlohn und sind keineswegs frei, und die Menschen sind religiösen Eiferern mindestens genauso hilflos ausgeliefert wie wir unserer mediendominierten und in Teilen Meinung machenden und aufhetzenden Wirklichkeit.
Man braucht Mut und Standfestigkeit wenn man sich in den Dienst der Toleranz stellt. Im 17./18. Jahrhundert ebenso wie in der Gegenwart! Die haben Sie, sehr geehrter Herr Marx, über fast vier Jahrzehnte entsprechend Ihren Vorstellungen und Idealen konsequent bewiesen und mit großer Willens- und Überzeugungskraft durchgesetzt. Das Wohl der jüdischen Gemeinde stand dabei immer im Vordergrund, auch und gerade, wenn nicht gerade populäre Entscheidungen zu treffen waren.
Sehr geehrter Herr Marx,
im Namen der drei Oberbürgermeister, unserer politischen VertreterInnen und BürgerInnen danke ich Ihnen sehr herzlich für all das, was Sie in unseren Städten und Herzen bewegt haben. Ich danke Ihnen für die vertrauensvolle Zusammenarbeit, die nach den Erfahrungen des Naziterrors, nach der Shoa, eher ein Wunder denn eine Selbstverständlichkeit war.
Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie noch viele glückliche Jahre, Zufriedenheit und Gesundheit sowie der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen weiterhin eine erfolgreiche Arbeit und stetiges Wachstum.
Shalom und Glück auf.
Kontakt
Stand: 19.12.2011













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