Erinnerung an die Reichpogromnacht - Rede von Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld auf dem jüdischen Friedhof am 9.11. 2006

 Rede von Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld

zur Kranzniederlegung

am Donnerstag, 09.11.06, 18.00 Uhr,

Jüdischer Friedhof

***


Foto: Walter Schernstein


"Ich bin Ihnen allen sehr dankbar für Ihre Teilnahme am ersten Teil der Gedenkveranstaltung, die heute zur Erinnerung an die Reichpogromnacht am 09. November 1938 stattfindet.

Es ist gut, dass diese Veranstaltung auf die Initiative mehrerer Akteure gegründet ist: Politik und Verwaltung der Stadt Mülheim, Jüdische Gemeinde Duisburg, Mülheim, Oberhausen, Evangelischer Kirchenkreis an der Ruhr, Katholische Kirche und Gustav-Heinemann-Gesamtschule.

Ich setze darauf, dass die Zahl der Mitgestalter in den nächsten Jahren wachsen wird, und ich werbe darum in alle Teile der Bürgergesellschaft unserer Stadt hinein, sich an Planung, Vorbereitung und Durchführung zu beteiligen.

68 Jahre nach dem 9. November 1938 stehen wir auch 2006 am Mahnmal für die von den Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 ermordeten 6 Millionen Menschen jüdischen Glaubens.

Wir fühlen Trauer und Scham, weil uns erneut bewusst wird, dass auch Mülheim ein Ort der Ausgrenzung, Demütigung, Misshandlung, Verfolgung und Ermordung für jüdische Bürger und Bürgerinnen war. Mitmenschlichkeit und Zivilcourage, Humanität und Demokratie waren nicht stark genug in unserer Stadt, um dies zu verhindern.

Angesichts von Trauer und Scham frage ich für uns alle nach unserer Verantwortung. Verantwortung – jenseits der Schuld derer, die solche tatsächlich auf sich geladen haben.

Auschwitz ist und bleibt die Metapher, die Chiffre für das unvorstellbare Ausmaß an Barbarei, zu der Menschen untereinander fähig sein können.

Die Erinnerung an die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die im Namen des deutschen Volkes unter der nationalsozialistischen Herrschaft verübt wurden, muss eine der fundamentalen Lehren bleiben, die wir aus unserer Geschichte ziehen.

Gegen das Vergessen wollen wir uns jährlich versammeln und von denen sprechen, die Opfer des Naziterrors wurden, damit niemand jemals vergessen wird.

Und wir wollen es unseren Kindern erzählen, damit wir sie davor bewahren, zu Tätern zu werden oder gemacht werden zu können.

Wie drängend sich die Frage nach dem Umgang mit den Lehren aus unserer Geschichte stellt, erleben wir durch den erneut wachsenden Antisemitismus, Rassismus und Rechtsradikalismus in unserem Land.

Tatsächlich – wir leben in sich verfinsternden Zeiten. Ein Blick in den Osten des Landes genügt, und mit Schrecken stellen wir die Gültigkeit einer Zeile aus dem Brecht-Gedicht "An die Nachgeborenen" fest: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch!"

Was sagen wir angesichts solcher Entwicklungen den Menschen jüdischen Glaubens in unserem Land?

Deren Gemeinden wachsen wieder, weil die Nachfahren der Opfer zurückkommen ins Land der damaligen Täter – voll Vertrauen auf den demokratischen Weg, den die Bundesrepublik nach 1949 und das wiedervereinte Deutschland nach 1989 gegangen sind.

Was sagen wir ihnen, wenn in diesen Tagen in einer deutschen Schule Mitschüler mit Hilfe eines antisemitischen und rassistischen Textes erniedrigt werden, der von den Nazis erfunden und angewendet wurde?

Was sagen wir ihnen, wenn wir Polizei und Bundesgrenzschutz vor die Synagogen in unseren Städten stellen müssen, weil Jude sein in Deutschland noch immer nicht Normalität, aber schon wieder Gefahr bedeutet?

Wir werden eine entschiedene Haltung haben und auch zeigen müssen – angesichts unserer Verantwortung im Umgang mit unserer Geschichte und angesichts unseres Anspruches, zu den zivilisierten Völkern und demokratischen Staaten zu gehören.

Der heute in weiten Teilen des Landes schon wieder so erschreckend normale Rechtsradikalismus ist, wenn es nicht gelingt, ihn zu stoppen, letztlich eine Gefahr für alle Menschen in diesem Land, gleich welcher Konfession sie angehören, welche Hautfarbe sie haben und wo sie ursprünglich geboren worden sind. Noch – und das allein ist schon furchtbar genug – glauben viele Mitmenschen immer noch, Rechtsradikalismus sei eine Gefahr für vermeintliche Randgruppen. Doch: Rechtsradikalismus kennt in seiner Gewaltsamkeit keine Grenzen.

Frei nach Dietrich Bonhoeffer ist es unser aller Pflicht, der Gefahr entgegenzutreten, statt wieder einmal abzuwarten, bis niemand mehr übrig ist, uns dereinst zu helfen. Vor allem auch angesichts der neuen antisemitischen Töne, die von fundamentalistischen Islamisten angeschlagen werden.

Bei dem, was aus Teheran zu hören ist, sollten wir für möglich halten, dass es so gemeint wie gesagt ist.

Schon einmal wurden in diesem Land die Ohren verschlossen vor den Völkermordankündigungen einer menschenverachtenden Ideologie und eines verbrecherischen Staates.

Wenn das Existenzrecht des Staates Israel zur Disposition gestellt wird, kann es für uns keine "wohl ausgewogene" Haltung geben. Angesichts der ererbten Verantwortung kann es – und das ist meine feste Überzeugung – nur ein uneingeschränktes Bekenntnis zu Israel als dem jüdischen Staat im Nahen Osten geben.

Und so stehen wir in diesem Jahr besonders beunruhigt an dieser Stelle.

Erstarkender Rechtsradikalismus in unserem Land, ein noch unsicherer Waffenstillstand im Nahen Osten und islamistische Vernichtungsdrohungen gegen Israel sind Gründe genug, dass wir immer und überall wachsam bleiben und nicht schweigen, wenn Menschrechte, Menschenwürde, Freiheit, Demokratie oder Gerechtigkeit in Gefahr geraten.

Das, verehrte Anwesende, sind wir den Opfern des nationalsozialistischen Rassenwahns schuldig."

Kontakt


Stand: 10.11.2006

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