"Meine Eltern waren getrennt, von 1960 bis 1962. Der Vater hatte Arbeit in Mülheim bei Siemens-Schuckert gefunden. Die Mutter war mit den Kindern Zuhause in Italien. Und als sie dann wieder in Deutschland zusammen kamen, war die Freude so groß, dass ich neun Monate später das Licht der Welt erblickte. Innocenza Lodato-Fehrenschild erinnert sich an die 60er Jahre und erzählt die Geschichte ihrer Familie.
Die Familie Lodato stammt aus Cava dei Tirreni in der Provinz Salerno in der Region Campanien, im Süden Italiens. Salerno ist eine Hafenstadt im Thyrrenischen Meer und war ursprünglich eine griechische Siedlung, die im 2. Jahrhundert vor Christus römische Kolonie wurde. Im 9. Jahrhundert nach Christus wurde Salerno Hauptstadt eines unabhängigen Fürstentums. Dann eroberten die Normannen die Stadt und unter deren Herrschaft erlebte sie eine wirtschaftliche Blüte. Im Zweiten Weltkrieg gelang den Alliierten 1943 südlich von Salerno die Landung in Italien.
Der Vater, Francesco Lodato, wurde 1920 in Cava dei Tirreni geboren, als ältester Sohn von fünf Geschwistern. Schon mit 12 Jahren, noch Kind, ohne ausreichende Schulbildung, musste er helfen, die Familie zu ernähren. Jeweils montags ging es für Stunden mit dem Eselkarren zu einer Tabakplantage, wo die Woche über gearbeitet wurde. Nachts schlief man auf einem Feldbett in einer Hütte, um dann am Freitag wieder zurück nach Hause zu fahren. Das war hart, das brachte nicht viel Geld, das Leben war mühsam. 1941, mit 21 Jahren, musste er in den Krieg, aus dem er Gott sei Dank heil wieder herausgekommen ist.
Familiengründung. Francesco Lodato heiratete am 8. August 1943 seine Rafaela und nach und nach kamen die Kinder Annamaria, Eufemia, Carmela, Nicola, Gina und Antonio zur Welt. Er arbeitete in einer Tabakfabrik und später auch im Straßenbau. Dann kam die erste Selbstständigkeit mit einem Melonenhandel. Auf einer Karre, auf dem Wochenmarkt, wurde die Ware angeboten und verkauft, Tag für Tag - und am Abend, weil der Handel nicht genügend Geld einbrachte, hatte er noch einen zweiten Job als Hausmeister. Es reichte aber vorne und hinten nicht und so machte er sich Anfang 1960 auf den heimischen Arbeitsamt schlau, ob es nicht etwas anderes gab.
| Klicken Sie auf das Bild, dann sehen sie den gesamten Arbeitsvertrag (PDF, 1,1 MB) |
Vollbeschäftigung in Deutschland. Arbeitskräfte waren Mangelware in den Jahren des "Wirtschaftswunders". Händeringend wurden vor allem Menschen für einfache Tätigkeiten gesucht. Dann ging alles recht schnell: Am 18. August 1960 unterschrieb Francesco Lodato einen Arbeitsvertrag auf unbefristete Zeit als Metall-Hilfsarbeiter bei den Siemens-Schuckertwerken in Mülheim an der Ruhr. Da gab es 2,02 DM die Stunde, 2,22 DM für Nachtarbeit und für Überstunden 2,53 DM, gearbeitet wurde 44 Stunden in der Woche. Eine Unterkunft hatte er in einem Wohnheim von Siemens-Schuckert, zusammen mit vielen anderen "Gastarbeitern".
Das Geld, das hier in Deutschland verdient wurde, ging zum größten Teil nach Italien, da war ja die Familie, die Frau mit den Kindern. Aber das Geld kam dort nicht immer pünktlich an, so dass die Großeltern so manches Mal das Geld für die Miete vorstreckten. Dieser Umstand gefiel der stolzen Mutter gar nicht und sie bat ihren Mann um eine Lösung. Dieser wusste sich nicht anders zu helfen als seiner Frau den Vorschlag zu machen, zu ihm nach Deutschland zu kommen.
| Links: der Bahnhof von Cava die Tirreni; rechts: „Papa, wir kommen.” 1962, auf einem Bahnhof, während der Fahrt nach Deutschland. Von links nach rechts: Mutter Rafaela, Antonio, Carmela, Virgina, Eufemia, Nicola |
Nach zwei Jahren Trennung, 1962, packte dann Rafaela Lodato die Sachen, einige Koffer zur zusätzlichen Sicherheit gegen die Strapazen der langen Reise mit Kordel verschnürt und einige Päckchen, nahm ihre fünf Kinder an die Hand (das sechste blieb vorerst in Italien) und machte sich mit dem Zug auf nach Mülheim an der Ruhr. "Das war pures Abenteuer für uns Kinder, anderthalb Tage unterwegs, über Rom, über die Alpen, in ein fremdes, unbekanntes Land", erinnern sich die Geschwister. Ein Onkel war die Begleitung, der sollte auch in Deutschland bleiben und arbeiten. Das Geld für die Reise hatte Francesco Lodato von seinem Lohn gespart. Und als es hieß, die Familie müsse nicht nur in Rom, sondern auch in München umsteigen und dass ohne jegliche Deutschkenntnisse, machte dies der Mutter so viel Angst, dass sie fast die ganze Reise abgeblasen hätte. Da hatte sie aber nicht mit der Entschlossenheit ihres Mannes gerechnet. Er nahm kurzerhand ein paar Tage Urlaub und fuhr nach München, um dort seine Familie in Empfang zu nehmen und so sicher in die neue Heimat, nach Mülheim an der Ruhr, zu begleiten.
| Links.: Francesco Lodato (Mitte) mit italienischen Freunden in Mülheim an der Ruhr; Familienfeier in der Küche, Innocenca Lodato (2. v.l.); Kommunion bei den Lodatos, 1965 |
Francesco Lodato hatte für die Familie zwei Zimmer mit Kochgelegenheit in der Pension Kuhn angemietet, allerdings ohne Wasseranschluss, Gemeinschaftstoilette auf dem Flur. Das für 220 DM im Monat, ein stolzer Preis. "Hier kam ich zur Welt, als Nesthäkchen, aus Wiedersehensfreude", erinnert sich Innocenza Lodato-Fehrenschild und schmunzelt. Und sie hielten es dort zwei Jahre aus, um dann in Eppinghofen an der Wiesenstraße eine ehemaliges Getränkelager zu finden, das sie mit anderen Italienern ausbauten. "Klein Italien" entstand, alles selbst gemacht und gemauert, Fenster und Türen kamen rein, Wasser und Strom wurden gelegt und ein Kamin gebaut - und alles selbst bezahlt, der Vermieter gab keine müde Mark. Das waren dann immerhin 3 Zimmer und eine Küche für die Lodatos.
"Es war eine schöne Kindheit", so Innocenza Lodato-Fehrenschild, "auf dem Hof und auf dem anliegenden Parkplätzen von Mannesmann und Siemens konnten wir spielen. Wir waren eine Menge Kinder, von den sechs italienischen Familien, die dort wohnten. Im Sommer kamen Tische raus, dort wurde dann gegessen, gesellig beisammen gesessen und den Kindern von der Heimat erzählt. An der Ecke war der Gemüsehändler Kemper, der stellte sich nach und nach auf unser Essen ein und besorgte das, was wir für eine ordentliche italienische Küche brauchten. Zu Weihnachten machten wir Kinder eine Prozession durch das Haus im ehemaligen Getränkelager. Ich durfte als Kleinste das Jesuskind auf einem Kissen in alle Wohnungen tragen, um es dort jeweils in die Krippe zu legen. Mit der Schule war es anfangs aber nicht leicht. Das Schulamt hat sich nicht um uns gekümmert. An der Katholischen Schule am Schildberg wurden wir Kinder nicht angenommen, weil wir kein Deutsch sprachen. Erst der Rektor der Evangelischen Schule an der Gathestraße hat uns aufgenommen. Wir fanden deutsche Freunde, Frau Kaster von der Barbarakirche hat uns Pullover gebracht. Bei der Familie Küpper lernten wir, wie in Deutschland das Weihnachtsfest gefeiert wird und mit der Familie Pfeffer aus Österreich, die wir schon 1962 kennen lernten, sind wir noch heute befreundet".
| Mutter Rafaela Lodato, zweite von rechts, die ebenfalls Arbeit bei Siemens-Schuckert gefunden hatte |
Nach seiner Zeit bei Siemens-Schuckert hat Francesco Lodato im Steinbruch Rauen gearbeitet. Und 1969 hat er sich dann selbständig gemacht und die erste Pizzeria in Mülheim an der Ruhr eröffnet, an der Eppinghofer Straße, in der ehemaligen Milchbar Florenz. Das ist die nächste Geschichte der Familie Lodato: Teil 2.
Klaus Wichmann, im Juli 2007/Juli 2009
| „Little Italy“, Hester Street, New York City, ca. 1903 (Quelle: Wikipedia) |
Zwischen 1876 und 1915 war Italien von einer massiven Auswanderungswelle betroffen. Schätzungsweise 14 Millionen Bürger verließen das Land, um hauptsächlich in Amerika – in den Vereinigten Staaten als Arbeiter, in Argentinien und Brasilien als Landwirte – ihr Glück zu suchen. Die Zahl ist beeindruckend, vor allem wenn man bedenkt, dass Italien zur Jahrhundertwende 33 Millionen Einwohner zählte. 1913 war das Jahr mit der höchsten aufgezeichneten Auswanderungswelle: Über 870.000 Italiener verließen ihre Heimat.
Die faschistische Diktatur versuchte der Auswanderung entgegenzuwirken, konnte aber nicht verhindern, dass 2,6 Millionen Italiener das Land verließen. Vor allem Argentinien und Frankreich waren zwischen den Weltkriegen beliebte Auswanderungsländer, zumal die Vereinigten Staaten und Brasilien strengere Einwanderungsregeln eingeführt hatten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg richtete sich die Auswanderung zunehmend in Richtung europäischer Staaten. Viele, die vorübergehend als Gastarbeiter nach Belgien, Deutschland, Frankreich, in die Schweiz gekommen waren, ließen sich schließlich auf unbestimmte Zeit in ihren neuen Heimatländern nieder.
Im Meldeverzeichnis der Italiener im Ausland (it. Anagrafe Italiani Residenti all’Estero) sind nach wie vor über 3,6 Millionen Staatsbürger registriert. Das Außenministerium schätzt aber, dass rund 4.250.000 Passitaliener im Ausland leben, zumal etliche einen Wohnsitz bei Verwandten im Inland beibehalten haben.
Staaten mit den meisten italienischen Staatsangehörigen: Deutschland 582.111; Argentinien 527.570; Schweiz 500.565; Frankreich 348.722
(Quelle: Wikipedia 2009)
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