Migration · Integration · Interkulturelles Leben
Das Gesicht der Migration in Mülheim an der Ruhr zeigen

Erst kommen, dann zögern, dann bleiben und letztlich Dinge bewegen wollen: Enver Şen in Mülheim an der Ruhr

Migration & Geschichte: Erst kommen, dann zögern, dann bleiben und letztlich Dinge bewegen wollen: Enver Şen in Mülheim an der Ruhr.
Enver Şen, unter anderem Vorsitzender des Integrationsausschusses der Stadt Mülheim an der Ruhr

"Guten Abend, lieber Enver". "Hallo Klaus." Wir treffen uns im Restaurant "Zum Ali" an der Sandstraße in Mülheim-Eppinghofen, in "Klein-Istanbul" also, umarmen uns wie immer herzlich zur Begrüßung und essen ganz zum Schluss kleine, gebratene, hervorragende Fische. Aber vorher gilt es noch, was zu Papier zu bringen, das dauert, so ungeführ drei Stunden.
"Enver, wir kennen uns jetzt fast 15 Jahre und ich wollte heute ein eher privates Gespräch mit Dir führen. Über den Vorsitzenden des Integrationsrates Enver Şen oder den Lokalpolitiker ist schon genug geschrieben worden."

Die Personalien in Kurzform

Enver Şen wurde 1951 in Yeniköy im europäischen Teil der Türkei geboren. Er ging dort zur Schule, machte seine Lehre zum Maschinenbauer und besuchte eine Fachhochschule. Er ist seit 25 Jahren mit Mediha verheiratet, hat eine Tochter, die studiert in Bochum Jura und einen Sohn, der in Duisburg studiert. Er ist Hockeyspieler beim HTC Uhlenhorst und spielt in der Türkischen Hockey-Nationalmannschaft. Enver Şen arbeitet, seit er in Mülheim an der Ruhr ist, bei Siemens. Er hat die deutsche Staatsangehörigkeit und ist bekennender Moslem: "Ich glaube an eine übergeordnete, gerechte Instanz."

Nach Deutschland und zurück, um Fußball zu spielen

Eigentlich wollte er in der Türkei studieren, aber wie auch andernorts in Europa, war das eine wilde Zeit, es gab Studentenunruhen und an der Uni in Istanbul war es nicht möglich, sich zu immatrikulieren. Also arbeitete er erst einmal mit Freunden zusammen in verschiedenen Maschinenfabriken. "Ich habe dort einen großen blonden Mann kennengelernt, ungewöhnlich für die Türkei, der hat mir geholfen... " (Wie sich später herausstellte, war das ein Franzose und der Schwiegersohn von Vehbi Koc, einem der erfolgreichsten Firmengründer vom Bosporus, Koc Holding A. Ş., Jahresumsatz 2006, 16,6 Milliarden Euro).
"Mit Deiner Ausbildung kannst Du doch in Deutschland studieren oder arbeiten!" Und so fuhr er im September 1969 als Facharbeiter nach Deutschland - so wie viele andere aus der Türkei vermittelt über das Arbeitsamt in Istanbul - und landete in Bonn bei der Firma Sonnecken und lernte tüchtig deutsch.

Drei Jahre später: Schön, wenn man seine Leidenschaft austoben kann, während andere sich plagen müssen. Das war 1972 bis 1974, denn da war Enver Şen wieder zurück in die Türkei, um seinen Militärdienst abzuleisten und spielte dort Fußball. "Wir waren gut, ich hatte Angebote von Proficlubs".
Nach diesen zwei Jahren wollte ich wieder zurück nach Deutschland, aber mittlerweile, seit 1973, war Anwerbestopp für "Gastarbeiter", also habe ich bei Renault in Bursa (Türkei) gearbeitet."

Migration & Geschichte: Erst kommen, dann zögern, dann bleiben und letztlich Dinge bewegen wollen: Enver Şen in Mülheim an der Ruhr
Enver Şen, in der Türkei geboren, in Deutschland Zuhause. Hier ca. um 1970 an seinem damaligen Arbeitsort in Bonn

Es wird Zeit für eine endgültige Entscheidung

1974 ist Enver Şen dann doch wieder hier bei uns in Mülheim bei Siemens. Zwischendurch machte Şen einen einjährigen Arbeitsaufenthalt in Berlin. 1977 verlor er seinen Bruder. "Die Folgejahre waren eine wüste Zeit, ich versuchte mein Glück an der Technikerschule in Duisburg und tingelte in der Gegend rum. 1982 kam ich dann zur Ruhe, habe geheiratet, 1984 und 1986 kamen die Tochter und der Sohn. Und 1990 wollte ich dann wieder mit der Familie zurück in die Türkei. Ich sah keine richtige Chance, in Deutschland. Trotz allem aber sind wir geblieben. Meine Frau Mediha hat dafür gesorgt, damit die Kinder in Deutschland zur Schule gehen und hier eine Ausbildung oder Studium machen konnten".

Und so haben die Şens dann ihre neue Heimat gefunden, mit aller Konsequenz, mit allen Rechten und Pflichten. Mit deutscher Staatsangehörigkeit, mit den Kindern auf der Grundschule am Krähenbüschken, wo sie die ersten Türkenkinder waren, mit dem Eintritt Envers in die Gewerkschaft IG Metall und in die SPD und auch durch die Mitarbeit im Türkischen Verein.
Später dann war er Vorsitzender des Ausländerbeirates und gleichzeitig stellvertretender Vorsitzender des SPD-Ortsverbandes Broich und seit 1996 im Vorstand der LAGA NRW (Landesarbeitsgemeinschaft gewählter Migrantenvertreter) als Kassierer.

Erfolge und Niederlagen

"Ja, es gibt einen Mülheimer Weg in Sachen Migration und Integration. Viele andere Städte in Deutschland schauen neidisch auf uns, wir sind in vielen Punkten gutes Beispiel. Bei uns klappt das Miteinander eigentlich gut. Mein größter Erfolg ist wohl, dass ich es geschafft habe, alle Migrantenvereine in Mülheim an der Ruhr an einen Tisch zu bekommen. Aber es gibt noch eine Menge zu tun, bevor wir uns gelassen zurücklehnen können. Eine echte Selbstverständlichkeit im gleichberechtigten Zusammenleben aller Kulturen in unserer Stadt sehe ich noch lange nicht!"

"Gescheitert bin ich zwar nicht", sagt Enver Şen, "trotzdem eines ist nicht erreicht: Die politische Partizipation ist eins der wichtigsten Instrumente der Integration, ohne kann eine wirkliche Integration nicht möglich sein. Dies müssen wir weiterhin fordern".
"Ich habe noch einen Traum. Schön wäre es, wenn wir uns alle als gleichberechtigte Menschen sehen, nicht abgeleitet von der Nationalität. Wenn wir sagen würden, lasst uns einfach gute Nachbarn sein".

Enver Şen ist in Deutschland angekommen, hat hier Freunde gefunden und seinen Lebensmittelpunkt, zusammen mit seiner Familie. Er ist mittendrin im gesellschaftlichen Leben - und er hat seine Herkunft nicht verleugnet, ist gleichzeitig stolz auf die Menschen in der Türkei.

Klaus Wichmann, Mülheim an der Ruhr, im Oktober  2007


 

Migration & Geschichte: Erst kommen, dann zögern, dann bleiben und letztlich Dinge bewegen wollen: Enver Şen in Mülheim an der Ruhr
Fest der Kulturen in Mülheim an der Ruhr (Foto: NRZ Mülheim an der Ruhr)

Enver Şen ist Vorsitzender des Integrationsrates in Mülheim an der Ruhr

„Machen wir uns nichts vor. Unsere Gesellschaft wird immer bunter,” sagt der Vorsitzende des Integrationsrates, Enver Şen, mit Blick auf den demografischen Wandel. Schon heute sind in Mülheim Menschen aus 130 Nationen zu Hause. Der Integrationsrat will diese Entwicklung zum Vorteil für unsere Stadt positiv steuern helfen.

Auszüge aus der Gemeindeordnung, Thema Ausländerbeiräte

1. In Gemeinden mit mindestens 5.000 ausländischen Einwohnern ist ein Ausländerbeirat (Anm. der Redaktion: In Mülheim an der Ruhr heißt der Ausländerbeirat Integrationsrat) zu bilden...

2. Die Mitglieder des Ausländerbeirats werden in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl für die Dauer der Wahlzeit des Rates (Anm. der Redaktion: der Stadt Mülheim an der Ruhr) nach Listen oder als Einzelbewerber gewählt...

8. Der Ausländerbeirat kann sich mit allen Angelegenheiten der Gemeinde befassen. Auf Antrag des Ausländerbeirats ist eine Anregung oder Stellungnahme des Ausländerbeirats dem Rat, einer Bezirksvertretung oder einem Ausschuss vorzulegen. Der Vorsitzende des Ausländerbeirats oder ein anderes vom Ausländerbeirat benanntes Mitglied ist berechtigt, bei der Beratung dieser Angelegenheit an der Sitzung teilzunehmen; auf sein Verlangen ist ihm dazu das Wort zu erteilen...

9. Der Ausländerbeirat soll zu Fragen, die ihm vom Rat, einem Ausschuss, einer Bezirksvertretung oder vom Bürgermeister vorgelegt werden, Stellung nehmen...


Kontakt: vhs@muelheim-ruhr.de
kw@wichmann-kommunikation.de
http://www.kulturbetrieb.de
http://vhs.muelheim-ruhr.de
Das Projekt Migration & Geschichte
wurde durch die Leonhard-Stinnes-
Stiftung gefördert.

Impressum
Stand: 06.07.2010

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