Archiv-Beitrag vom 22.12.2009Erziehung lernen in einer globalisierten Welt

Interkulturelle Austauschseminare der Fachschule für Sozialpädagogik am Berufskolleg Stadtmitte der Stadt Mülheim an der Ruhr mit Schülern aus.
Marseille und Beykoz/Istanbul

Erzieherinnen und Erzieher sind zunehmend gefordert von einer unüberschaubaren kulturellen und sprachlichen Vielfalt bei den Kindern und Jugendlichen, mit denen sie in der Praxis arbeiten. Nicht immer gelingt es, diese Multikulturalität als Chance in der globalisierten Welt zu begreifen und sich dafür einzusetzen, vielmehr erscheint kulturelle Vielfalt oft als Überforderung im beruflichen Alltag:

Kindergartengruppen, in denen der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund bei
80% liegt, geringe Kenntnisse der deutschen Sprache und Gruppen in der OGS, in denen 30 und mehr Nationalitäten vertreten sind, sind eine echte pädagogische Herausforderung – und das nicht nur für Berufsanfängerinnen und –anfänger.

Interkulturelle Austauschseminare der Fachschule für Sozialpädagogik am Berufskolleg Stadtmitte der Stadt Mülheim an der Ruhr mit Schülern aus Marseille und Beykoz/Istanbul.

Interkulturelle Sensibilisierung ist daher ein wichtiger Baustein im Ausbildungskonzept der Fachschule für Sozialpädagogik in Mülheim an der Ruhr, der bereits seit vielen Jahren durch einen deutsch-französischen Austausch in Kooperation mit dem deutsch-französischen Jugendwerk bereichert wird. Besonders bedeutsam bei diesem Austausch war immer, dass wir nicht nur den Wohnort der Partnergruppe besuchten, sondern an einem dritten Ort gemeinsam lebten und arbeiteten. Hier liegt der Schwerpunkt auf gemeinsamen Aktivitäten, dem Austausch von Eindrücken, aber auch dem Teilen des Alltags durch das Zusammenleben mit gleichen Voraussetzungen an einem neutralen Drittort. Durch diese Gruppenerfahrungen können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer 'Fremde' und 'Fremdes', andere, aber auch sich selbst besser kennen lernen, gegebenenfalls in Frage stellen oder neu überdenken. Die direkte Konfrontation mit dem Anderen bietet die Gelegenheit, den eigenen Horizont zu erweitern und sich so neue Perspektiven zu eröffnen.

Im vergangenen Jahr bot sich die einmalige Chance dieses Seminarkonzept um einen dritten Partner aus der Türkei zu erweitern. Teilnehmer dieses Projekts sind neben den Schülerinnen und Schüler an der Fachschule für Sozialpädagogik der Stadt Mülheim an der Ruhr Jugendliche aus Marseille, die zu Jugendgruppenleitern ausgebildet werden und junge Frauen aus Beykoz/Istanbul, die Erzieherinnen werden wollen.

Die erste Seminarphase im Frühjahr 2009 in der Nähe von Bordeaux ermöglichte bereits intensive Austauschprozesse über kulturelle Besonderheiten, die unterschiedlichen Ausbildungsordnungen für sozialpädagogische Berufe und Betreuungskonzepte für Kinder und Jugendliche in den drei Ländern. Besuche in zwei Jugend- und Stadtteilzentren in Bordeaux brachten hautnahe Einblicke in Stadtteile, in denen viele Migranten aus dem nordafrikanischen Raum leben. Tägliche Programmpunkte waren neben Sprachanimation und inhaltliche Arbeit zu Problemen und Chancen von Migration in den drei Ländern. Im Mittelpunkt des letzten Tages stand eine kleine Theatervorstellung zum Mitmachen. Das Märchen Rotkäppchen erschien geeignet für eine Inszenierung in einer dreisprachigen Gruppe und für Vorschulkinder.

Am Schluss waren 45 Vorschulkinder aus dem nahen Ort und deren Begleiter begeistert von einer Aufführung mit Elementen aus verschiedenen Kulturen. Gemeinsam wurde ein kleines Fest mit Limonade und Keksen gefeiert.

Weitere Abschlussprodukte sind ein Fotojournal und ein Videofilm zur Dokumentation sowie ein kleines dreisprachiges Wörterbuch mit elementaren Redewendungen.

Die zweite Seminarphase im Oktober 2009 im Tagungshaus Venusberg in Bonn vertiefte die gewonnenen Erfahrungen. Besonders prägend für unsere Gruppen aus Frankreich und der Türkei waren die Besuche in drei Tageseinrichtungen für Kinder, die als Familienzentren arbeiten. Man war beeindruckt von der guten integrativen Arbeit zusammen mit den Eltern und den vielen Programmen und Methoden zur Sprachförderung und wünschte sich so etwas auch für die eigenen Städte.

In ihrer Partnerstadt Mülheim an der Ruhr hatten im Anschluss an die zweite Seminarwoche unsere türkischen Gäste aus Beykoz Gelegenheit, einen Vormittag in mehreren Tageseinrichtungen für Kinder als Praktikanten mitzuerleben.

Abgeschlossen wird diese intensive Kooperation mit der dritten und letzten Seminareinheit in Istanbul. Wir freuen uns im Kulturhauptstadtjahr im Frühjahr
2010 die Kulturhauptstadt Istanbul besuchen zu können. Auch dort werden neue Eindrücke und Erfahrungen die interkulturelle Sensibilität der Teilnehmerinnen und Teilnehmer weiter entwickeln.

Der deutsch – französisch - türkische Austausch ist für die Schülerinnen und Schüler an der Fachschule für Sozialpädagogik ein prägender Ausbildungsabschnitt. Er wird ermöglicht durch das hohe Engagement aller Beteiligten, nicht zuletzt auch durch die personelle Unterstützung der Stadt Mülheim an der Ruhr (Amt für Ratsangelegenheiten und Bürgerinformation / Abteilung 16-1 / Büro für Internationale Angelegenheiten) im Rahmen der Städtepartnerschaft mit der Stadt Beykoz und finanzielle Unterstützung der Leonhard-Stinnes-Stiftung.

Kontakt


Stand: 26.07.2011

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