Migration · Integration · Interkulturelles Leben
Das Gesicht der Migration in Mülheim an der Ruhr zeigen

Es war einmal in Mülheim

Vorwort der Redaktion: Unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger aus aller Herren Länder haben unsere Stadtgesellschaft bereichert. Zur Geschichte der Migration gehören aber leider auch ganz unerträgliche Begleiterscheinungen. Wir veröffentlichen hier daher einen Beitrag von Steffen Tost, Redakteur bei der NRZ, der eine Buchbesprechung geliefert hat über den Mülheimer Mafia-Killer Giorgio Basile. Klaus Wichmann, Mülheim an der Ruhr, im Januar 2010

Begriffsbestimmung Mafia (auch: Maffia) war ursprünglich die Bezeichnung für einen streng hierarchischen Geheimbund, der seine Macht durch Erpressung, Gewalt und politische Einflussnahme zu festigen und auszubauen versucht und seine Wurzeln im Sizilien des 19. Jahrhunderts hat. Heute bezeichnet man die sizilianische Mafia auch als Cosa Nostra. Die sizilianische Mafia operiert weltweit und hat Verbindungen zu anderen mafiaähnlichen Gruppen. Die meisten italienischen Verbrecherorganisationen wie die neapolitanische Camorra, die kalabrische ’Ndrangheta und die apulische Sacra Corona Unita werden heute auch dem Mafiabegriff zugeordnet. Darüber hinaus fand und findet der Begriff immer häufiger Anwendung auf andere Verbrecherorganisationen aus dem Bereich der organisierten Kriminalität wie z. B. die amerikanische Cosa Nostra, die „russische Mafia“, die „albanische Mafia“, die „japanische Mafia“ (Yakuza) oder die „chinesische Mafia“ (Triaden).

Quelle: Wikipedia, Januar 2010

migration-geschichte.de: Es war einmal in Mülheim

Es war einmal in Mülheim

Giorgio Basile ging zur Schule an der Bruchstraße, machte eine Lehre bei der Drahtseilerei Kocks, hatte eine Pizzeria an der Hingbergstraße und dann die Diskothek Flair an der Bachstraße.

Der 25-Jährige wirkt sympathisch. Schüchtern steht er in der Diskothek zwischen den Tänzerinnen, lächelt dezent. Er hat einen offenen Blick. 30 Morde würde man dem kleinen und schmächtigen Mann nicht zutrauen. 13 Jahre später hat sich der Ausdruck verändert. „Kalt und berechnend“ wirkt Giorgio Basile auf dem Foto, das nach seiner Festnahme 1998 gemacht wurde, findet Bernd Walter.

Der Kommissar versuchte vor 20 Jahren den in Süditalien geborenen Basile festzunehmen, nachdem er an der Hingbergstraße seinen Imbiss „Sonias Pizzeria“ anstecken ließ. Die Spurenlage war klar. Das Fenster war entriegelt, die Scheibe eingeschlagen, doch die Scherben lagen draußen. Und alles deutete darauf hin, dass Benzin verschüttet wurde. Doch beweisen ließ sich nichts. Der 24-jährige hatte ein Alibi. Er war in seiner Diskothek Flair an der Bachstraße, die er ein halbes Jahr zuvor eröffnet hatte. Walter und sein Kollege Achterfeld zapften das Telefon an, setzen V-Leute auf Basile an, doch mehr als Andeutungen über andere Taten waren nicht zu erfahren. Immerhin fanden sie in Tatortnähe ein teures Feuerzeug, das auf das Umfeld des Italieners hinwies.

„Wir versuchten ihn mit der Strategie der kleinen Nadelstiche zu verunsichern und hofften auf Fehler“, meint der 65-jährige Kriminalist. Regelmäßig schaut die Kripo im Flair vorbei. Nachdem sich bei einem Handgemenge ein Schuss löst und ein Vertrauter Basiles verletzt wird, drängt die Polizei das Ordnungsamt, die Konzession zu entziehen. Seine Freundin erhält die neue Konzession. Die Diskothek ist erfolgreich. Basile veranstaltet Schönheitswettbewerbe und engagiert Jennifer Rush und Devine.

Machtprobe an Gründonnerstag

Auch für Gründonnerstag 1985 ist eine große Party geplant. Kurz vor der Sperrstunde um Mitternacht kommen Walter und Achterfeld, stellen sich an die Bar, ordern Bier. Walter tippt auf seine Uhr. Basile bittet ihn allein in sein Büro und versucht zusammen mit einem Ex-Profiboxer, Macht zu demonstrieren. „Du hast bestimmt mitgekriegt, dass in Italien Polizisten wie du erschossen werden“, sagt er. „Giorgio, du machst einen großen Fehler. Wir sind in Deutschland, nicht in Italien“, erwidert Walter cool, steht auf und sorgt dafür, dass die Gäste gehen. Der Italiener platzt fast vor Wut.

Angst habe er nicht gehabt. Basile war für ihn ein kleiner Gernegroß, den man in die Schranken weisen muss. „Ich war erstaunt über soviel Keckheit, mir so direkt zu drohen.“ Aggressiv sei er ihm gegenüber nie geworden. „Er hat teilweise in mir einen Vater gesehen“, denkt Walter. So war es für ihn nicht verwunderlich, dass Basile Spiegel-Autor Bernd Ulrich an ihn verwies und nach 20 Jahren noch seinen Namen kannte.

Einen Vater hatte der in größter Armut 1960 geborene Giorgio vermisst. Battista Basile war Tagelöhner, trank und verprügelte regelmäßig die Familie. Das änderte sich auch nicht, nachdem die Familie 1961 nach Speldorf in die Friedhofstraße zog. Der Vater arbeitet bei Mannesmann, seine Mutter wäscht Teller im Wasserbahnhof. Nachbarn stecken der Mutter und den Kindern das Nötigste zu. Die Misere ändert sich erst, als die Mutter bei einem italienischen Intermezzo mit De Cicco, dem Paten von Corigliano, anbandelt. Als die Familie bald nach Mülheim zurückkehrt, ist auch der Mafia-Boss hier regelmäßig zu sehen. Ein eher bulliger Typ mit Narben im Gesicht und einem steinernen, reglosen Gesichtsausdruck. „Eine bedrohliche Erscheinung“, meint Walter, der damals in Kalabrien anrief, um Infos über den Mafia-Boss einzuholen. Doch der Englisch sprechende Polizeichef war sehr vorsichtig und sagte, De Cicco sei ein einfacher Gemüsehändler.

Mit neun kommt Giorgio auf die Grundschule an der Bruchstraße, aber Schule macht ihm immer weniger Spaß. „Nach der dritten Klasse kann er immer noch nicht lesen und schreiben, hat aber seine eigene Bande“, schreibt Ulrich. Dumm ist er aber nicht. Der Leiter der benachbarten Hauptschule kümmert sich um ihn. Erfolgreich. Giorgio macht eine Ausbildung bei der Drahtseilerei Kocks, wirft nach einem blutigen Arbeitsunfall aber das Handtuch und geht für Krupp auf Montage. Hier entgeht er nur knapp einem großen Unfall. Nebenher jobbt er bei McDonalds am Kaufhof.

Spektakuläre Gefangenenbefreiung

Zwischendurch chauffiert er De Cicco, den er Onkel nennt, und ist von dessen sozialem Status beeindruckt und beneidet ihn. Seinen ersten Auftrag für die Mafia erhält er 1980. Er nimmt als Fahrer an der bis dahin spektakulärsten Gefangenenbefreiung teil. In Wuppertal wird das Stahltor zur Gefängniskapelle gesprengt.

Achterfeld und Walter hilft am Ende Kommissar Zufall. Mafia-Soldaten sollten den Diskotheken-Besitzer Rudolf Möhlenbeck, der Basile den Pachtvertrag kündigen wollte, einschüchtern, doch der 69-Jährige wurde so stark misshandelt, dass er elendig starb. Die Polizei tappte zunächst im Dunkeln. Dann meldete sich ein Ehepaar, das einen Autofahrer beobachtet hatte, der mitten auf die Straße pinkelte. Sie merkten sich die Autonummer. Die Täter wurden gefasst und einer brach das Schweigegelöbnis der Mafia. Basile wurde zu neuneinhalb Jahren verhaftet. 29 weitere Morde sollten noch folgen. Auch De Cicco brachte er brutal um.

 

Migration & Geschichte: Auf der Sonnenseite der Stadt

Mit freundlicher Genehmigung der NRZ Mülheim an der Ruhr und mit Dank an Herrn Steffen Tost. Veröffentlichung des Originaltextes in der Lokalausgabe Mülheim an der Ruhr, am 16.09.2005

Andreas Ulrich
Das Engelsgesicht
Die Geschichte eines Mafia-Killers aus Deutschland

DVA/SPIEGEL Buchverlag
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag
272 Seiten mit 12 farbige Abbildungen und 8 Schwarz-Weiß-Abbildungen, eine Karte
ISBN: 978-3-421-05899-7
19,90 Euro oder in der Mülheimer Stadtbibliothek


Kontakt: vhs@muelheim-ruhr.de
kw@wichmann-kommunikation.de
http://www.kulturbetrieb.de
http://vhs.muelheim-ruhr.de
Das Projekt Migration & Geschichte
wurde durch die Leonhard-Stinnes-
Stiftung gefördert.

Impressum
Stand: 26.01.2011

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