Es scheint eine Geschichte aus längst vergangenen Zeiten zu sein, denn mittlerweile hat Normalität in Europa Einzug gehalten, und gute Nachbarschaft. Und doch ist es erst etwas über 20 Jahre her, da gab es noch den „Eisernen Vorhang“. Auf der einen Seite der demokratische Westen, auf der anderen der kommunistische Osten, und freundschaftlich verbunden war man sich nicht. Dann ging alles ziemlich schnell, machen wir mal den Fernseher an: Am 30. September 1989 verkündete Außenminister Genscher vom Balkon der Prager Botschaft, die dort versammelten DDR-Bürger könnten in die Bundesrepublik Deutschland ausreisen. Und am 9. November 1989 fällt die Berliner Mauer. Bilder, die man nicht vergisst. Die Machtblöcke lösten sich auf, doch nur ein Jahr vorher war der einzige Weg, vom Osten in den Westen zu kommen, die Flucht. Ein gefährliches Unternehmen.
| Schwester Sylvia (ca. vier Jahre), Lukas (ca. zwei Jahre) und Vater Edmund bei der Oma Hedwig |
Polen, Groß Strehlitz in Oberschlesien
Hier wird Lukas Kasper Bannasch 1984 geboren. Seine Familie wohnte immer schon dort, die Oma sprach deutsch, wie sehr viele der Menschen dort. Die Gegend um Groß Strehltiz und der Regierungsbezirk Oppeln ist der Teil Polens, wo auch heute noch der größte Teil der deutschen Minderheit wohnt. Ein Opa von Lukas war Schmied und hat auch unter Tage gearbeitet: „Ich saß mit Hammer und Meißel in den Händen auf der Türschwelle“, so Lukas „und klopfte darauf herum.“ Der Vater war Installateur, die Mutter gelernte Bürokauffrau. Man hatte eigenes Land, mit einem Teich darauf und einer Nutria-Zucht. Das sind Biberratten, auch Wasserratten genannt, diese Tiere sind Pelzlieferanten, geschätzt vor allem wegen ihres überaus feinen Unterfells. Lukas ging es gut dort. Ein Opa, der Vater der Mutter, war schon seit Jahren in Bundesrepublik Deutschland, in Oberhausen und hat dort als Kumpel gearbeitet. Dort hin wollten jetzt auch die Bannasch’s aus Polen. „Ein Paradies sollte das sein, ein Land mit allen sozialen Absicherungen.“
Warum weint ihr denn alle?
Ein Jahr vor dem Fall der Berliner Mauer, 1988, fasste die Familie von Lukas den Entschluss, in den Westen, in die Bundesrepublik zu fliehen. Man hatte ein Papier vom Opa aus Oberhausen in der Tasche, offiziell wollte man ihn nur besuchen. Es wurde gepackt, aber natürlich nur das Notwendigste. Alles, was so zum richtigen Leben braucht wird, musste zurück gelassen werden. Der ganze Besitz, das Haus, das Land, die Arbeit, das Vertraute, das alte Zuhause, die Freunde und Bekannten. Und der ganze Rest der großen Familie Bannasch blieb in Polen, das war schwer, das tat weh, das war ein Abschied für immer. So sah es wenigstens damals aus.
Es sollte eine Reise werden über die DDR nach Westdeutschland, mit dem Zug, und diese Reise sollte lange dauern, man war für viele Stunden unterwegs. „Ich erinnere mich noch gut“, so Lukas, damals drei Jahre alt, man stand auf dem Bahnhof in Groß Strehlitz, „und ich fragte: Warum weint ihr denn alle, wir fahren doch nur zu Besuch zum Opa nach Deutschland.“
| Schwester Sylvia, Lukas und Mutter Irena beim Spielen am Haus |
Das Geld der Eltern in den Kleidern der Kinder
Der Ostblock war kein Reisegebiet, in dem man sich frei bewegen konnte. Auch beim Übertritt von Polen in die DDR gab es strenge Kontrollen, alles war bis ins Kleinste reglementiert. Und wer erinnert sich nicht, wie es damals war, wenn man aus der Bundesrepublik nach Ostberlin oder in die DDR wollte. Für mich war es immer eine Reise ins Gefängnis.
Um wenigstens einen kleinen, bescheidenen neuen Anfang in der Bundesrepublik Deutschland machen zu können, wollten die Bannasch’s Geld mitnehmen, mehr Geld, als man für einen Besuch bei Opa brauchte, das war natürlich verboten.
So wurde dann die Kleidung von Lukas und seiner Schwester Sylvia aufgetrennt, Geld wurde eingenäht und alles wieder fein säuberlich zugemacht. Die Kinder wussten davon. Irgendwann dann, unterwegs im Zug, wurde kontrolliert, nach Papieren gefragt, nach dem Ziel und dem Zweck der Reise. Und da die Reise lang war, schliefen die Kinder auf dem Koffer, in dem auch die Papiere lagen: „Man hat einfach abgewunken, man hat uns reisen lassen, ohne genau zu schauen, was wir dabei hatten, meinen Eltern ist wohl ein Riesenstein vom Herzen gefallen. Die Fahrt dauerte, der Erwartungsdruck wurde groß und größer und wurde zur Last. Kann alles bis zum Schluss funktionieren?“ Dann war es geschafft, man war im Westen und würde Polen und die Lieben dort auf Jahre nicht mehr wieder sehen.
Man wohnte hier im Ruhrgebiet erst beim Opa, dann in einer eigenen kleinen Wohnung, der Vater bekam Arbeit in der Industrie. Lukas wuchs als richtiges Ruhrgebietskind auf, er ist hier Zuhause, ist Deutscher, wie er sagt und hat doch einiges zurückgelassen, Gefühle: „Wild sein, frei sein, viele Tiere um sich herum haben. Mit dem Trecker fahren und Laub verbrennen. Polen riecht gut, riecht schön“, so seine Erinnerung. Er hat seinen Platz als Angestellter bei der Sparkasse Mülheim an der Ruhr gefunden und ist dort im Bereich Presse und Öffentlichkeitsarbeit tätig. Seinen Urlaub verbringt er manches Mal bei seiner Oma in Polen.
Redaktion: Klaus Wichmann, Mülheim an der Ruhr, im April 2010
Fotos: Lukas Bannasch privat; Klaus Wichmann
| St. Laurentius in Groß Strehlitz |
Strzelce Opolskie (deutsch: Groß Strehlitz) ist eine Kreisstadt in Oberschlesien (Polen). Sie hat rund 20.000 Einwohner und gehört der Woiwodschaft (Regierungsbezirk) Oppeln an. Die Stadt ist Sitz des Landkreises und der Gemeinde Strzelce Opolskie. Die Stadt entwickelte sich aus einer Handelssiedlung, die schon in den Urkunden aus dem 13. Jahrhundert erwähnt wurde. 1326 bekam Strehlitz die Stadtrechte. Ein Jahr später wurde die Stadt mit einer Stadtmauer mit zwei Toren, dem Krakauer und dem Oppelner Tor, umgeben. Nach dem Ersten Schlesischen Krieg fiel Strehlitz 1742 wie fast ganz Schlesien, an Preußen. Ab 1818 gehörte es zum Landkreis Groß Strehlitz. Der letzte, bis 1945 amtierende Besitzer war der Graf Castell zu Castell. 1945 kam Groß Strehlitz unter polnische Verwaltung und wurde zuerst in Wielkie Strzelce und später in Strzelce Opolskie (übersetzt: Oppelner Strehlitz) umbenannt. Die Einwohner der mehrheitlich deutsch bewohnten Stadt wurden fast vollständig vertrieben und an ihrer Stelle wurden Polen angesiedelt. (Quelle: Wikipedia, 2.2010) Zu den wichtigsten Industriezweigen gehören heute die Zement- und Kalkindustrie, der Elektromaschinenbau, die Möbel-, Leicht- und die Lebensmittelindustrie. Erich Mende, ehem. FDP-Bundesvorsitzender und Bundesminister für Gesamtdeutsche Fragen kommt auch aus dieser Stadt.
Der Regierungsbezirk Opole
Die Woiwodschaft Oppeln, polnisch Województwo opolskie, mit der Hauptstadt Oppeln (polnisch: Opole) ist eine der 16 Woiwodschaften der Republik Polen. Sie umfasst den westlichen Teil Oberschlesiens, der Region um Oppeln, ergänzt um die niederschlesischen Kreise Brieg und Namslau. Die Woiwodschaft Oppeln entstand 1950, bei den Verwaltungsreformen in den Jahren 1975 und 1999 kam es zu Grenzkorrekturen beziehungsweise zum Gebietsaustausch. Die Woiwodschaft Oppeln bildet das Zentrum der deutschen Minderheit in Polen, die seit 1998 Anteil an der Regierung hat. (Quelle: Wikipedia, 2.2010)
Die Stadt Opole, Mülheims Städtepartner in Polen
| Opolener Venedig |
Hauptstadt der Woiwodschaft (Regierungsbezirk) Oppeln, seit 1945 in der Landessprache Opole. Sie liegt südöstlich von Breslau und nordwestlich von Kattowitz. Sie gehört zu einem aufstrebenden Wirtschaftszentrum für das Verarbeitende- und Baugewerbe sowie den Bergbau in Polen und hat ca. 130.000 Einwohner. Nach Ende des ersten schlesischen Krieges 1742 fiel Oppeln an Preußen. 1945 wurde Oppeln wieder polnisch. Viele neu entstandene Unternehmen bilden heute ein weiteres Standbein der Oppelner Wirtschaft. Die Universität fördert die Aus- und Weiterbildung von Fachkräften für Wirtschaft und Verwaltung. Die Altstadt, das Rathaus, die gotische Franziskanerkirche und der Piastenturm, das älteste Bauwerk der Stadt aus dem 13. Jahrhundert, lohnen einen Besuch. Oppeln ist seit 1989 Städtepartner von Mülheim an der Ruhr. Städtischer Internetauftritt: www.um.opole.pl (Quelle: Verein zur Förderung der Städtepartnerschaften der Stadt Mülheim an der Ruhr; staedtepartner-mh.de)
Redaktion: Klaus Wichmann, Mülheim an der Ruhr, im April 2010
Abbildungen: Wikipedia, Konrad Kurzacz; Stadt Opole, Polen
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