GEDENKEN
Rede von Bürgermeisterin Renate aus der Beek anlässlich der Kranzniederlegung zum Tag des Gedenkens für die Opfer des Nationalsozialismus am 27.01.2005 auf dem Jüdischer Friedhof Gracht:

"Meine (sehr geehrten) Damen und Herren! Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger! Wir haben uns heute hier auf dem Jüdischen Friedhof zusammengefunden, um gemeinsam der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken. Heute jährt sich zum 60. Male der Tag, als das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz durch die Besatzungen russischer Panzerverbände befreit. Diesen Soldaten der Roten Armee bot sich ein Bild des Schreckens. Was sie dort entdeckten, lässt der Welt noch heute den Atem stocken.. .. .. vor Abscheu und Entsetzen. Seit 1996 ist dieser 27. Januar unser Nationaler Gedenktag. Bundespräsident Roman Herzog hat ihn seinerzeit eingeführt. Ihm war daran gelegen, den Umgang mit der eigenen Geschichte als das Fundament der Zukunft zu werten. Ich danke Ihnen, geehrte Anwesende, dass Sie die gemeinsame Einladung der Stadt und der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen angenommen.... .. und sich zu dieser heutigen Gedenkveranstaltung hier auf dem Jüdischen Friedhof versammelt haben. Waren es doch in erster Linie Menschen jüdischen Glaubens, die in Auschwitz und anderswo als unschuldige Menschen sadistisch gequält und auf bestialische Weise getötet wurden. Mit Ihrer Anwesenheit tragen Sie dazu bei, unser Gedenken am heutigen Tage öffentlich zu machen.. .. .. es in die Öffentlichkeit, in die Bürgerschaft hineinzutragen.. .. .. und letztlich dafür zu sorgen, dass dieses Gedenken von allen Menschen getragen ja mitgetragen wird. Denn das Gedenken an das nationalsozialistische Unrecht betrifft uns alle.... ..zwar nicht in der Form von persönlicher Schuld.... ..aber doch in der Form persönlicher Verantwortung. Es macht Sinn, wenn dieses Gedenken auch individuell begangen wird. So sehe ich unsere heutige Gedenkveranstaltung eingebunden in ein bundesweites Gedenken in allen Teilen unseres Landes, in den Städten, in Schulen, in Bildungseinrichtungen, in Kirchen, Gewerkschaften, in Verbänden und Vereinen. Denn: einen Gedenktag einzuführen, ist das eine.. .. .. einen Gedenktag angemessen zu begehen, ist das andere. So sind wir immer wieder gefordert, auf"s Neue unsere Beiträge zu diesem Gedenken zu leisten. Wenn wir uns heute, 60 Jahre nach der Befreiung, noch immer diesem Gedenken stellen, so entspringt dies unserem Willen, die Erinnerung und das Gedenken lebendig zu halten. Sicherlich wäre der Wunsch verständlich, das Gewesene zu vergessen, die Wunden vernarben und die Toten ruhen zu lassen. So könnte Vergessen eintreten. Zeitzeugen oder gar persönlich Betroffene sterben und können das Grauen des Erlittenen nicht persönlich weitertragen. So verblasst Geschichte.. .. .. wenn sie nicht Teil des eigenen persönlichen Erlebens war. Dies darf nicht geschehen! Deshalb muss es darum gehen, aufbauend auf der Erinnerung eine lebendige Zukunft zu gestalten. Unser Bestreben kann nicht darauf gerichtet sein, das Entsetzen zu konservieren. Wir wollen Lehren ziehen, die auch künftigen Generationen als Orientierung dienen können. So wirkt dieses Gedenken, auch am heutigen Tag, nicht als ein in die Zukunft gerichtetes Schuldbekenntnis. Denn wir wissen: Schuld ist immer sehr persönlich; wie auch Vergebung immer sehr persönlich ist. Schuld vererbt sich nicht. Aber wir Deutsche tragen die Verantwortung dafür, dass solche schrecklichen Geschehnisse, wie sie einstmals von deutschem Boden ausgingen, künftig nie wieder geschehen können. Deshalb ist es unbedingt notwendig, mit der Erinnerung die Aufgaben der Gegenwart und auch das Fundament für die Zukunft nicht aus den Augen zu verlieren. Es stimmt schon, was Theodor W. Adorno einst bekannte, als er es als die wichtigste Aufgabe einer jeden Erziehung bezeichnete, dafür Sorge zu tragen, dass sich Auschwitz niemals wiederholen könne. Die Geschehnisse im sächsischen Landtag zum Ende der letzten Woche werfen ein unrühmliches Schlaglicht auf unsere Gesellschaft. Dem möchte ich aus unserer Stadt entgegenhalten, dass die Realschule Stadtmitte mit ihrer "Aktion Stolpersteine" (die ersten wurden ja am 18. Dezember 2004 verlegt) ein wichtiges Zeichen gegen das Vergessen gesetzt hat. Und auch in dem Musical der St. Barbara-Gemeinde, das dem Glaubenszeugen und Widerstandskämpfer Nikolaus Groß gewidmet ist, wird an die damaligen Geschehnisse erinnert und wird das Gedenken an ihn und die damalige Zeit wachgehalten. Am letzten Sonntag jährte sich sein Todestag zum 60. Male. Ein Überlebender des Konzentrationslagers Sachsenhausen hat uns die Erkenntnis vermittelt: "Das Leben verstehen kann man nur rückwärts, aber leben müssen wir immer vorwärts." Und er fügte hinzu: "Nie hätte ich damals zu hoffen gewagt, je wieder einen Rechtsstaat, Freiheit und Demokratie, Rückkehr zu Menschenrechten und Toleranz in diesem Land erleben zu können." Auf diese demokratische Entwicklung können wir stolz sein. Lassen Sie uns alle gemeinsam wachsam sein und unsere Demokratie schützen, indem wir immer und überall für ein besseres Miteinander eintreten. Unsere Wachsamkeit schließt unsere Verpflichtung gegenüber den Opfern und ihrem Vermächtnis ein. Und eben vor diesen Opfern nationalsozialistischer Grausamkeiten verneigen wir uns, auch am heutigen Tage."
Foto: Walter Schernstein
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Stand: 27.01.2005













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