Gedenken an den 20. Juli 1944 (2017)

Rede von Oberbürgermeister Ulrich Scholten

anlässlich des Gedenkens an den Widerstand

gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft

am Donnerstag, 20. Juli 2017, 11 Uhr

Mahnmal Luisental

***

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

zum 73. Mal jährt sich das gescheiterte Attentat auf Adolf Hitler.

Wir gedenken deshalb heute der Frauen und Männer, die an der größten organisierten Widerstandsaktion gegen den Nationalsozialismus am 20. Juli 1944 beteiligt waren - und die deshalb ermordet oder inhaftiert wurden.

Und wir gedenken all jener, die auf ihre Weise Widerstand gegen die menschenverachtende Diktatur des Nationalsozialismus geleistet haben.

Dieses öffentliche Gedenken ist wichtig und notwendig: Es geht hier ausdrücklich nicht um Heldenverehrung. Es geht uns darum, Mut und Zivilcourage zu würdigen! Weil es Werte sind, die jede Gesellschaft braucht!

Ich weiß, meine sehr geehrten Damen und Herren, dass es immer schwierig ist, anlässlich eines solchen Gedenkens auf aktuelle Anlässe zu verweisen. Aber wenn ich von Widerstand spreche, von Mut und Zivilcourage gegen autoritäre Regime und ihre Herrscher, dann fallen mir viele aktuelle Beispiele ein, wo Einzelne oder Gruppen unter Einsatz ihres Lebens oder ihrer Freiheit aufbegehren gegen Unrecht und Unterdrückung, auf die Straße gehen oder ihr Wort erheben für Freiheit, Demokratie und Toleranz.

In China ist gerade der Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo gestorben, der sich sein Leben lang friedlich für die Freiheit der Menschen und für die Einhaltung der Menschenrechte in seinem Land eingesetzt hat und deshalb - wegen angeblicher „Untergrabung der Staatsgewalt“ - zu elf Jahren Haft verurteilt worden war.

In der Türkei hat der türkische Oppositionspolitiker Kemal Kilicdaroglu seinen Marsch für Gerechtigkeit von Ankara nach Istanbul beendet. Er ist mutig alleine losmarschiert. Am Ende waren es Hunderttausende, die mit ihm ein Zeichen gegen das System Erdogan, gegen die zunehmende Machtfülle des türkischen Staatschefs und gegen die Willkür von dessen Sicherheitsapparat gesetzt haben.

In Venezuela gibt es heftige Proteste von Millionen Menschen gegen Präsident Maduro und dessen Versuch, mit einer neuen Verfassung seine Macht zu erweitern und das Land quasi in eine Diktatur zu verwandeln.

Und Russland erlebte im Frühjahr die größte Kundgebung gegen Putin. Zehntausende gingen auf die Straße. Aus ihren Reihen wurden daraufhin so viele verhaftet, dass die Haftanstalten in Moskau überfüllt waren.

All diese Menschen eint das, was auch die Gruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg antrieb: Ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit und das eigene Leben treten sie für ihre Überzeugungen und gegen Unrecht, Unmenschlichkeit und Machtmissbrauch ein.

Den Widerstand gegen das Nazi-Regime würdigend anzuerkennen, ist den Bürgerinnen und Bürgern der Bundesrepublik erstaunlich lange schwer gefallen.

Noch bis weit in die 1950er Jahre hinein wurden die Männer und Frauen des Widerstandes denunziert und diffamiert.

Zwar gab es Anfang der 50er Jahre auch die ersten großen öffentlichen Würdigungen des Widerstandes, für die sich vor allem Bundespräsident Heuss und der Berliner Bürgermeister Ernst Reuter eingesetzt hatten. Aber in den Köpfen vieler Menschen spukte noch das Wort „Verrat“…

Auch die Kinder der Widerstandskämpfer hatten lange mit Ausgrenzung zu leben: Einer von ihnen ist Axel Smend, Sohn des Widerstandskämpfers Günther Smend, der in Mülheim aufgewachsen war und der am 8. September 1944 in Plötzensee hingerichtet wurde.

Axel Smend berichtete einmal tief bewegt, wie seine Mutter mit verweinten Augen vom Elternsprechtag in der Schule zurückkam. Der Lehrer hatte von Axels schlechten Noten in Latein gesprochen und hinzugefügt: Vom Sohn eines Verräters könne er nichts anderes erwarten…

Noch im Sommer 1956 lehnte es eine überwiegende Mehrheit der Bevölkerung ab, eine Schule nach Stauffenberg zu benennen. Bei einer Umfrage 1970 beurteilten nur 39 Prozent der Befragten das Handeln der Widerstandskämpfer positiv; noch 1985 bot sich ein ähnliches Bild.

Da ist es fast schon nicht mehr verwunderlich, dass die Urteile des Volksgerichtshofs und der Sondergerichte erst 1998 (!) und die Todesurteile wegen „Kriegsverrats" erst 2009 (!) aufgehoben wurden.

Wenn wir also heute am 20. Juli derer gedenken, die ihr Leben ließen, dann bedeutet das auch, dass wir die kritische Auseinandersetzung mit der NS-Zeit und dem Nachkriegsdeutschland suchen.

Für uns erwächst daraus die Verpflichtung, niemals wieder Handlungen zuzulassen, von denen unser Gewissen uns sagt, dass sie gegen elementare Menschenrechte verstoßen... Es darf nie wieder dazu kommen, dass sich eine schweigende Mehrheit nicht zuständig fühlt für das, was in unserem Land passiert.

„Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen,... nicht im Möglichen schweben, sondern das Wirkliche tapfer ergreifen,... nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit.“...

So formulierte es Dietrich Bonhoeffer, und danach handelten er selbst und all‘ die anderen mutigen Männer und Frauen des Widerstands.

Sie waren nur Wenige – gemessen an der deutschen Bevölkerung. Aber sie setzten sich aus allen Schichten und Gruppierungen zusammen:

Vertreter der Kirchen und Gewerkschaften, Sozialdemokraten und Kommunisten, Liberale und Konservative, Adelige und Militärs,...

aber ebenso diejenigen, die Zwangsarbeitern heimlich Nahrungsmittel zusteckten, die Juden zur Flucht verhalfen oder sie versteckten, die sich den Anordnungen der Diktatur - und sei es nur mit kleinen Gesten - verweigerten.

Sie alle folgten ihrem Gewissen, auch wenn dies Repressalien, Gefangennahme, KZ und den Tod bedeuten konnte.

Aus dieser Gesamtheit des Widerstandes gilt es, Lehren zu ziehen und sie in unser Handeln einfließen zu lassen... Und deswegen ist es so wichtig, immer wieder derer zu gedenken, die sich nicht fügten!

Kontakt


Stand: 21.07.2017

[schließen]

Fehler melden

Sie haben einen Fehler gefunden? Bitte teilen Sie ihn uns mit. Ein Redakteur wird sich umgehend darum kümmern.

Ihre Nachricht

Sicherheitscode (Was ist das?)

 

Teilen | Drucken | PDF-Version | RSS-Feed | Fehler melden

Transparenter Pixel