Gedenken an die Befreiung von Auschwitz (2012)
Rede von Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld
zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus
am Freitag, 27.01.12
Jüdischer Friedhof
Meine sehr geehrten Herren und Damen,
1996 hat der damalige Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar zum "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus" erklärt. Er wählte als Datum den Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz im Jahr 1945. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen ist ihm 2005 gefolgt - und hat den 27. Januar zum internationalen "Holocaust Remembrance Day" erklärt.
Und so ist dieses Datum auch für uns in Mülheim an der Ruhr ein Tag des Innehaltens und Gedenkens geworden.
"Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst", hat der französische Philosoph Jean Baudrillard gemahnt. Wir wollen nicht vergessen, und deshalb danke ich Ihnen für Ihr Kommen und Ihre Anteilnahme.
Wahrscheinlich eine Million Juden sind im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau von Mitgliedern des nationalsozial-sozialistischen Regimes umgebracht worden. Systematisch ermordet in "Menschen-Tötungs-Anlagen", wie es der Kommandant von Auschwitz, Rudolf Höß, formulierte.
Damit ist Auschwitz nicht länger nur ein Ort auf der Landkarte. Auschwitz ist das Symbol für den industriellen Massenmord an Menschen. Nur 7600 bis auf die Knochen ausgemergelte Überlebende konnten die Soldaten der Roten Armee bei der Befreiung des Lagers am 27. Januar 1945 zählen. Darunter 600 Kinder.
Die damals 15 Jahre alte Liliana war nicht bei den Befreiten. Das jüdische Mädchen wurde 1943 bei dem Versuch, in die Schweiz zu fliehen, verhaftet und ohne ihre Familie nach Auschwitz deportiert. Bis kurz vor der Befreiung war sie Zwangsarbeiterin in der Munitionsfabrik bei Auschwitz. Doch dann räumte die SS das größte deutsche Vernichtungslager wegen der näher rückenden Front Liliana wurde, wie zehntausende andere Häftlinge auch, auf den so genanten "Todesmärschen" nach Westen getrieben.
"Wir marschierten, und die Häuser der Deutschen öffneten sich nie… Niemand hatte Erbarmen, niemand sagte in Wort", erinnert sie sich.
Auch wenn Liliana Auschwitz überlebt hat, so gehört sie doch zu den vielen Millionen Menschen, die Opfer von Hass, Brutalität, Intoleranz und Fanatismus geworden sind. Juden, Sinti und Roma, ZwangsarbeiterInnen, Kranke und Menschen mit Behinderung, sie alle gehörten zu denen, deren Leben gemäß der menschenverachtenden NS-Ideologie zerstört werden durfte, ja, sogar zerstört werden musste.
Auch Ehra gehört dazu. Ehra war eine Roma. Sie hat die Arbeitslager in Osteuropa überlebt. Nach Kriegsende kam sie zurück nach Düsseldorf. Hier traf sie Otto Pankok wieder. Den Künstler hatte sie bereits 1931 als junges Mädchen kennengelernt. Nach ihrem Bild schuf der Mülheimer Maler und Bildhauer die Skulptur "Mädchen mit Ball". Sie ist Teil unserer Erinnerungskultur. Und wie wichtig es ist zu erinnern, lässt sich zum Beispiel an einer Nachricht ablesen, die ich heute morgen im Radio gehört habe. Danach kann jede/r fünfte/r junge Mensch zwischen 18 und 29 Jahren in unserem Land mit dem Namen Auschwitz nichts mehr anfangen!
Um eine solche Entwicklung zu verhindern wurde vor Jahren in Schweden ein einmaliges Buchprojekt gestartet, das ich Ihnen heute ans Herz legen möchte. Denn je weiter die Zeit voranschreitet, je weniger Zeitzeugen berichten und befragt werden können, desto vielfältiger müssen wir das Erinnern gestalten.
Was die Schüler und Schülerinnen der HS Bruchstraße seit Jahren tun, was im Gymnasium Heißen und an der Luisenschule, an der Gesamtschule Saarn und zahlreichen anderen Schulen in Mülheim erarbeitet wurde, sind unverzichtbare Bestandteile der städtischen Erinnerungskultur geworden. Und auch das Erzählen gehört dazu.
Das Buch, von dem ich spreche, setzt auf das Erzählen. "Erzählt es euren Kindern" ist sein Titel. Und es bezieht sich damit auf einen Text aus dem Buch Joel 1, 1-3 aus dem Alten Testament, wo es heißt:
"Hört her, Ihr Ältesten,
horcht alle auf, ihr Bewohner des Landes!
Ist so etwas jemals geschehen
In euren Tagen oder in den Tagen eurer Väter?
Erzählt euren Kindern davon
Und eure Kinder sollen es ihren Kindern erzählen
Und deren Kindern dem folgenden Geschlecht."
Die Autoren, Stéphane Bruchfeld und Paul A. Levine, sind zwei wissenschaftler, die im Auftrag der schwedischen Regierung das Buch verfassten, damit es – in vielen hunderttausend Exemplaren – schwedischen Familien kostenlos zur Verfügung gestellt werden konnte. Das Buch sollte über den Schulunterricht hinaus Gespräche und die Beschäftigung mit dem Holocaust zwischen Eltern und ihren Kindern auslösen.
Das ist in Schweden gelungen, und zwar in einer Breitenwirkung, die die Verantwortlichen überraschte – und wie ich meine, das Projekt zur Nachahmung empfiehlt.
Dass wir diese unbedingt wach und lebendig halten müssen, zeigen nicht zuletzt die Enthüllungen über die Auswüchse brauner Gewalt und die Blindheit des Verfassungsschutzes in Deutschland, die mich, die uns in den letzten Monate wütend machen.
Meine sehr geehrten Herren und Damen,
Abscheu, Fassungslosigkeit und Scham erfüllen mich in diesen Tagen angesichts der Blutspur, die Neonazis und Rechtsextreme durch unser Land gezogen haben – darüber, dass ihnen das seit zehn Jahren möglich war!
Ich bin erschrocken und beschämt, dass deutsche Behörden sich heute offensichtlich so verhalten, wie am Ende der Weimarer Republik: Wie damals scheinen sie wieder auf dem rechten Auge blind zu sein. Wie damals wird rechter Terror vorschnell als das Werk von Einzeltätern, Verrückten oder Verstörten bagatellisiert, werden erkennbar terroristische Strukturen als solche offenbar ignoriert.
Ich frage voller Sorge: Wo ist denn unsere wehrhafte Demokratie, die im Grundgesetz verankert wurde? Wer ruft die Lehren von Weimar in Erinnerung, als die demokratische Republik mitgewirkt hat, sich selbst abzuschaffen, weil den Nazis nicht rechtzeitig Einhalt geboten wurde?
Für Mülheim kann ich Ihnen versichern, dass in Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden alles getan werden wird, damit in unserer Stadt alle Menschen, egal ob Zugewanderte, hier Geborene oder Alteingesessene sicher und angstfrei vor rechter Gewalt leben können.
Lassen Sie uns nun der Opfer des Nationalsozialismus gedenken…
Ich danke Ihnen.
Kontakt
Stand: 30.01.2012













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