Gedenkveranstaltung zum 17. Juni 1953 - Nachdenkliche Worte von OB Mühlenfeld
Der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in der ehemaligen DDR jährte sich in diesem Jahr zum 50. Mal. Damals demonstrierten hunderttausende Menschen in mehr als fünfhundert Städten und Gemeinden der DDR für demokratische Rechte und Freiheiten sowie für die Wiederherstellung der deutschen Einheit. Der Aufstand wurde von sowjetischen Panzern brutal niedergeschlagen.
Foto: Walter Schernstein
Mit einer Gedenkfeier auf dem Platz der Deutschen Einheit am Rathaus wurde des 50. Jahrestages des Volksaufstandes gedacht. Die Rede von Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld findet man hier:
Gedenkveranstaltung zum 50. Jahrestag des Volksaufstandes
"Liebe Mitbürger und Mitbürgerinnen,
gemeinsam haben wir uns heute hier versammelt, um der Geschehnisse zu gedenken, die sich vor genau 50 Jahren - in vielen Städten und Gemeinden der damaligen Deutschen Demokratischen Republik - ereigneten und die unter dem Stichwort "17. Juni" in die Geschichtsbücher eingingen.
Ich darf Ihnen zunächst aber Dank sagen dafür, dass Sie meine Einladung angenommen haben und so Ihre Verbundenheit mit diesem Ereignis der deutschen Geschichte zum Ausdruck bringen.
Die überparteiliche "Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur" hat im Vorlauf des heutigen Jahrestages unlängst dazu aufgerufen, die Ereignisse des 17. Juni 1953 endlich als einen Bestandteil der gemeinsamen deutschen Geschichte zu begreifen...
Beklagt wurde, dass die Erinnerung an das historische Ereignis gerade in den westdeutschen Bundesländern zu verblassen drohe - nachdem mit der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten am 3. Oktober 1990 - der 17. Juni als "Tag der Deutschen Einheit" ausgedient hatte.
In den sogenannten alten Bundesländern und dem ehemaligen West-Berlin, so stellte die Stiftung fest, erinnern lediglich 5 Straßen oder Plätze gleichen Namens an die Geschehnisse vom 17. Juni 1953...
Mülheim kann sich freuen, denn unsere Stadt leistet durch die Namensgebung des Platzes, auf dem wir hier gemeinsam stehen, einen sichtbaren Beitrag, die Ereignisse des Jahres 1953 nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
Doch: Woran erinnern wir uns eigentlich, wenn wir uns vom 17. Juni 1953 sprechen ? Natürlich gedenken wir jener Menschen, die ihren Protest gegen ein diktatorisches Regime mit dem Leben bezahlt haben.
Die genaue Zahl der Opfer ist auch heute, nach fünf Jahrzehnten immer noch nicht exakt zu bemessen.
Wohl mindestens 50 bis 125 Menschen, darunter Männer, Frauen und Jugendliche, starben, als die Truppen der Roten Armee dem bedrängten SED-Regime zu Hilfe kamen,... die Demonstrationen gewaltsam auflösten... und die Köpfe der Protestbewegung vor Schnellgerichten aburteilen ließen.
Von 13.000 Personen, die vorübergehend in Haft genommen worden waren, wurden etwa 2.000 verurteilt, darunter etwa 20 zum Tode.
Dies sind die traurigen Fakten, die ebenso unbestritten sind, wie weite Teile der Chronologie der Ereignisse, die sich in jenen Tagen Mitte Juni 1953 zutrugen.
Genau genommen hatte der Protest schon am 16. Juni 1953 begonnen, als Bauarbeiter in Ost-Berlin in den Streik traten und gegen die kurz zuvor verordnete Erhöhung des Arbeitssolls protestierten.
So schnell sich die Nachricht von diesem bis dato einmaligen Vorgang in der übrigen DDR verbreitete, so schnell taten es den Berliner Bauarbeitern Gleichgesinnte in fast allen Bezirken des Landes gleich.
Die Regierung Ulbricht stand dieser Entwicklung weitgehend hilflos gegenüber.
Erst der bereits erwähnte Einsatz der sowjetischen Truppen konnte das stark bedrängte Regime in Ost-Berlin retten.
Die neue Staatsspitze der UdSSR hatte sich wenige Monate nach dem Tode des allmächtigen Diktators Stalin zum gewaltsamen Eingreifen entschlossen, um vor der Weltöffentlichkeit nicht den Eindruck von Schwäche zu vermitteln.
Die Regierung Ulbricht beeilte sich nach den Ereignissen, eine Verschwörungstheorie als Ursache für ihren beinahe erfolgten Sturz zu verbreiten.
"Faschistische Provokateure" aus der Bundesrepublik seien für die Aufstachelung der DDR-Bürger verantwortlich gewesen. Der "Kalte Krieg" bestimmte die politischen Entwicklungen in Europa.
Und doch muss ich nochmals auf die bereits formulierte Frage zurückkommen: Woran erinnern wir uns eigentlich, wenn wir vom 17. Juni 1953 sprechen?
Im heutigen wiedervereinigten Deutschland existieren dazu mindestens zwei Deutungsmuster parallel zueinander:
Immer wieder ist dieses historische Ereignis aus tagespolitischen Beweggründen auf beiden Seiten des "Eisernen Vorgangs" instrumentalisiert worden.
In der Bundesrepublik wurde der 17. Juni zum politischen Symbol für das diktatorische Wesen des "Arbeiter- und Bauernstaates" DDR.
Der "Tag der Deutschen Einheit" bescherte fortan nicht nur den Schulkindern einen freien Tag, sondern sollte bei den Menschen auch die Erkenntnis wach halten,...
... dass es den geknechteten Landsleuten jenseits der Elbe vor allem um die nationalstaatliche Einheit gegangen sei, als sie sich gegen ihre Regierung erhoben.
Dies ist eine Realität jener Ereignisse, derer wir heute gedenken...
Während die DDR offiziell die Mär von der Verantwortung westlicher Provokateure aufrechterhielt, weil sie sich die wahren Ursachen nicht einzugestehen traute, wurden in der pluralistisch verfassten politischen Öffentlichkeit West-Deutschland alsbald Debatten darüber geführt, was der 17. Juni 1953 denn eigentlich sei.
In der Auseinandersetzung der Parteien der Bonner Republik in den Fünfziger und Sechziger Jahren dienten die jeweiligen Interpretationen des 17. Juni 1953 dazu, die "Geschichte als Waffe" gegen den politischen Gegner einzusetzen, wie es der Historiker Edgar Wolfrum in seinem gleichnamigen Buch formuliert hat.
Mit dem Ende des "Kalten Krieges", dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums und der friedlich erfolgten Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten sind auch die ideologischen Gräben eingeebnet worden,...
... die so lange die Interpretationen der Geschichte des 17. Juni 1953 bestimmt haben.
So verwundert es nicht, dass pünktlich zum 50. Jahrestag nicht nur mehrere Fernsehspiele zur besten Sendezeit die Geschehnisse thematisieren, sondern vor allem zahlreiche Wissenschaftler Bücher zum Thema veröffentlicht haben.
Eines der Bücher stammt übrigens aus der Feder des Sohnes unseres ehemaligen Bürgermeisters Dr. Wilhelm Knabe.
Hubertus Knabe ist heute Wissenschaftlicher Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.
Meine sehr verehrten Herren und Damen,
sie sehen, dass der 17. Juni ein vielschichtiges Ereignis war.
Man kann die Geschehnisse in der Tat in eine Kontinuitätslinie mit den früheren Revolutionen der deutschen Geschichte stellen...
... und selbstverständlich war der 17. Juni 1953 in den Köpfen jener Menschen lebendig, die im Herbst 1989 durch ihre Entschlossenheit und ihren Mut ein System zum Einsturz brachten, das eigentlich schon Jahrzehnte zuvor moralisch und politisch abgewirtschaftet hatte.
Die Aufgabe des wiedervereinigten Deutschlands wird es sein, die Erinnerung an die Ereignisse und Opfer des 17. Juni wach zu halten und von den Mythen zu befreien.
Wenn dies gelingt, dann kann das gemeinsame Erinnern auf beiden Seiten der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze einen gewichtigen Beitrag leisten, das Bewusstsein einer gemeinsamen Zukunft aller Menschen in unserem Land zu stärken.
Dies sollte uns allen Verpflichtung sein".
Kontakt
Stand: 18.06.2003













[schließen]
Bookmarken bei