Geschäftsmann Peter Hemmerle wagt eine Woche lang den Seitenwechsel

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Freuen sich über den "Seitenwechsel" von Peter Hemmerle: v.l.n.r. Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld, Peter Hemmerle, CBE-Vorsitzender Lothar Fink und AWO-Drogenberaterin Heidi Neumann

Der Tag fängt für Peter Hemmerle normalerweise mitten in den Nacht an. Wenn die meisten anderen noch schlafen, zieht der Duft von goldgelben Brötchen und frischem Brot bereits durch seine Backstube. Eine Woche lang kann Hemmerle nun länger liegen bleiben. Der Stadtbäcker tauscht nämlich seinen Arbeitsplatz am Ofen mit der Drogenhilfe der AWO in Mülheim. "Obwohl die Arbeit hier später beginnt, ist sie nicht weniger anstrengend", sagt Peter Hemmerle am ersten Nachmittag an seinem "neuen" Arbeitsplatz.

"Viele fragen mich, warum ich das tue", erzählt Hemmerle. Die Antwort fällt ihm leicht. Schon in der Vergangenheit habe er sich mit seinem Unternehmen finanziell und materiell für Menschen engagiert, die am Rande der Gesellschaft stehen. So habe er zum Beispiel die "Mülheimer Tafel" beliefert. Mit dem Seitenwechsel wolle er sich nun auch persönlich für andere einsetzen und dabei selbst etwas lernen. "Natürlich hoffe ich auch auf Nachahmer", gibt der 42-Jährige lachend zu.

OB Mühlenfeld unterstützt Seitenwechsel

Unterstützt wird Hemmerle in seinem Engagement von Mülheims Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld. "Bei diesem Projekt stellen sich die Unternehmer als Mitbürger in den Mittelpunkt und übernehmen zusätzliche Verantwortung", lobt sie. Dass Firmen mit ihrem Leitbild das Ehrenamt unterstützen, findet ihre volle Zustimmung. Und deshalb wirbt die Erste Bürgerin Mülheims auch dafür, dass sich möglichst viele Unternehmen in Zukunft an solchen Seitenwechsel-Projekten beteiligen.

Klischees auf dem Prüfstand

Aus der Taufe gehoben wurde das Projekt vom Centrum für bürgerschaftliches Engagement (CBE) und der Universität Duisburg/Essen. Gemeinsam mit der AWO haben die Mitarbeiterinnen dort ein Programm für Peter Hemmerle erarbeitet. AWO-Geschäftsführer Lothar Fink freut sich auf den Austausch zwischen dem Unternehmer und seinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Heidi Neumann, Leiterin der Drogenhilfe, ist sich zudem sicher, dass durch den Seitenwechsel viele Klischees abgebaut werden.

Erste Erfahrungen

"Spannend, interessant, aber auch bedrückend", bringt Peter Hemmerle seine Erfahrungen am Nachmittag des ersten Arbeitstags bei der AWO auf den Punkt. Nach der Begrüßung in der Drogenberatungsstelle stand für ihn die Mitarbeit im Kontaktladen "Café Light" auf dem Stundenplan. Dort habe er viel zugehört, sagt Hemmerle. Und er habe gleich in den ersten Stunden Vorurteile ablegen müssen. "Die meisten Leute hier legen Wert auf ihr Äußeres. Sie sind nett und freundlich. Das hätte ich nicht erwartet", berichtet er von seinem Kontakt mit den Klienten. Der Einblick in so manchen Lebenslauf habe ihn erschreckt: "Es ist traurig, dass Kinder in unserer Stadt ohne feste Bindung und Halt aufwachsen", erklärt der Familienvater. Das habe ihn ebenso beschäftigt wie die Erkenntnis, dass für viele von ihnen der Weg ins Leben bereits vorgezeichnet sei. Die Hilfe der Drogenberatung sei für diese Menschen deshalb unglaublich wichtig. "Das Café Light ist für viele eine Art Zuhause. Das hat mich überrascht", betont Hemmerle.

Auf der Straße gelten andere Gesetze

Gemeinsam mit Heidi Neumann bricht er gegen Abend zur Streetwork auf. "Die Stimmung unter den Klienten am Ruhrufer war sehr angespannt", erzählt Peter Hemmerle am nächsten Tag. Erstaunt habe er zur Kenntnis genommen, dass hier auf der Straße ganz andere Gesetze gelten als im "Café Light". Nie habe er sich zudem vorstellen können, dass es in Mülheim eine so große Drogenszene gebe. "All diese Menschen gehören zu unserer Gesellschaft. Wir dürfen sie nicht vergessen", sagt Hemmerle und gibt zu, nach seinem ersten "Arbeitstag" in der Drogenberatung nicht gut geschlafen zu haben. Das Erlebte habe ihn sehr lange beschäftigt.

Der zweite Tag

Ein junger Mann gestattet Peter Hemmerle am zweiten Tag einen Besuch in seinen vier Wänden. Ihm erzählt er auch seine Lebensgeschichte. Der Mülheimer ist integriert in das Projekt "Betreutes Wohnen", das die Drogenberatung ebenfalls anbietet. "Es ist schlimm, in welchen Verhältnissen dieser Mann haust", sagt der Stadtbäcker erschüttert. Die intensiven Gespräche mit den Betreuern der Drogenberatung und deren Besuche vor Ort werden da zum Lebensinhalt.

Langsam wird Peter Hemmerle klar, warum die Arbeit der Drogenberatung so schwierig ist. "Man sagt so leicht: Die sollen einfach aufhören, Drogen zu nehmen und dann hören auch die Problem auf", so der 42-Jährige. Doch hinter jedem Drogenschicksal stecke eine lange Leidensgeschichte. Das zu verstehen und in jedem Drogensüchtigen den Menschen mit seinen Schwächen und Fehlern, aber auch seinen guten Seiten zu suchen und zu akzeptieren, das gelinge den Mitarbeitern der Drogenberatung. Dafür gebührt ihnen die Anerkennung Hemmerles. Der Mülheimer Geschäftsmann ist sich denn auch jetzt schon sicher, dass er auf die eine oder andere Weise die Drogenberatung nach dem Ende seiner "Probezeit" unterstützen wird.

So geht es weiter

Wie kann man den Menschen helfen, die den Entzug nicht schaffen? Die trotzdem weg wollen von illegalen Drogen? Die ein Stückchen Normalität und Lebensqualität suchen? Eine Möglichkeit, das so genannte Methadon-Programm, lernt Peter Hemmerle bei seinem Besuch im Gesundheitsamt kennen. Pünktlich zur vereinbarten Zeit kommen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Programms zur Ausgabestelle der Ersatzdroge. Hier erhalten sie alle 24 Stunden unter strenger ärztlicher Aufsicht den Stoff, der ihnen das Leben leichter macht. Wer Methadon nimmt, der kann arbeiten, seinen Alltag selbst organisieren. "Über dieses Problem hatte ich mir bisher nie Gedanken gemacht", gibt Hemmerle zu.

Gespräche helfen verstehen

In der Drogenberatungsstelle blickt Peter Hemmerle einer Sozialarbeiterin über die Schulter. Mit Zustimmung der Ratsuchenden darf der Stadtbäcker an den Gesprächen teilnehmen. Für manche wird die Aussprache zur Bestandsaufnahme ihres derzeitigen Lebensabschnitts. Andere sind schon weiter und suchen einen genauen Hilfeplan. Hemmerle hört zu. Später spricht er mit der Sozialarbeiterin über das, was in ihm Fragen aufwirft, was ihn bewegt. "Nachbereitung des Erlebten ist wichtig für das richtige Verstehen und Einordnen", sagt er.

 

Fazit

"Ich weiß jetzt, dass Drogenkonsum wirklich eine Krankheit ist und man den Betroffenen dringend helfen muss", so Hemmerle am Ende seines Seitenwechsels. Sein Verständnis für die Drogensüchtigen sei enorm gewachsen. Von Tag zu Tag habe er mehr Vorurteile abgebaut. Nun will Hemmerle sein Wissen weitergeben. An die Familie und die Freunde, in der Firma und im Verein. Schließlich sollen auch sie von dem für Mülheim noch ungewöhnlichen Projekt profitieren. Und vielleicht finden sich auf diesem Wege ja Nachahmer. "Ein Seitenwechsel lohnt sich auf jeden Fall", bestätigt der Familienvater an Ende der ereignisreichen Woche.

 

 

Peter Hemmerle bei seinem Einsatz im Cafe Light am Montag (3.5.) im Kreis der AWO-Mitarbeiterinnen beim Spritzentausch

Fotos: Walter Schernstein

Peter Hemmerle in der Drogenmedizinische Ambulanz beim Gesundheitsamt, Methadonabgabe, mit der MTA Christel Bölling am Donnerstag

 

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Stand: 07.06.2004

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