Es gibt sie überall in Deutschland: Flüchtlingskinder!
In Deutschland geboren und aufgewachsen, doch sie sind nicht deutsch, weil ihre Eltern Flüchtlinge sind. Ihr Leben ist eingegrenzt. Viele haben Probleme in der Schule, bleiben auf der Strecke und landen irgendwo zwischen Haupt-und Sonderschulen. Manche haben Glück, werden in einzelnen Projekten gefördert und unterstützt, andere fallen durch das deutsche Bildungssystem. Flächendeckende Konzepte können helfen, doch die kosten Geld und das will niemand ausgeben. Deshalb ändert sich wenig.
Trotzdem verlieren Menschen nicht den Mut neue Schritte zu gehen: Mülheimer Künstler und Caritas Mitarbeiterin überwinden Miteinander Grenzen und entdecken verborgenes Talent
Wenn der zehnjährige Jeton Loki malen kann ist er glücklich. Eifrig führt er den Bleistift über das Papier, mischt Farben in seinem Farbkasten und malt sein Bild bunt an. Stundenlang konzentriert er sich und vergisst alles um sich herum. Wie die anderen Kinder des Stadtteils kommt er gerne in die Räume der Integrationsagentur der Caritas-Sozialdienste in Mülheim an der Ruhr. Er macht in Ruhe seine Hausaufgaben und fragt, wenn er etwas nicht verstanden hat. Er denkt nicht an die Zweizimmerwohnung, in der er mit seiner Familie wohnt, nicht an die fünf im letzten Diktat und die traurigen Geschichten von denen die Eltern immer erzählen
Sie flohen 1994 im Krieg aus dem Kosovo, verließen ihre Familie und ein kleines Lebensmittelgeschäft, denn die Angst vor dem drohenden Tod war größer. Nach viertägiger Flucht kamen sie nach Mülheim, lebten in einem Container mit mehreren Personen in einem Raum und zogen später in eine Wohnung mit schimmligen Wänden. Dort wurden 1996 Jeton und Jetmire geboren, kamen mit vier Jahren in den Kindergarten und dann in die Schule. Seit zwei Jahren wohnt die Familie in der Innenstadt. Die Mutter versorgt die Kinder. Der Vater arbeitet bei einem Bauunternehmen. Jahrelang ängstigten sie sich vor der Abschiebung und mussten regelmäßig zur Ausländerbehörde. Sie durften die Stadt nicht verlassen. Eine Aufenthaltserlaubnis erhielten sie endlich 2004. Die Mitarbeiter der Caritas-Sozialdienste halfen durch den deutschen Behördendschungel, doch die ständige Angst ging an ihnen nicht spurlos vorüber: Frau Loki hat Rheuma, Zucker und Bluthochdruck. Trotzdem ist sie lebensfroh und liebt ihre Zwillinge.
Auch Jeton liebt seine Eltern und will, dass sie glücklich sind. Doch das ist nicht immer leicht. In der Schule fällt ihm das Lernen schwer. Er weiß nicht genau, wann man groß oder klein schreibt oder mit langem oder kurzem "i". Bei der Hausaufgabenbetreuung der Caritas übt er regelmäßig, doch die Ergebnisse sind nur ausreichend. Mit seiner Zwillingsschwester besuchte er eine Grundschule, auf die viele Migrantenkinder gehen. Manche können Deutsch, manche nicht, einige haben Eltern, die nach Hausaufgaben, Büchern und Butterbroten sehen, andere nicht. Die LehrerInnen können sich nicht um jeden kümmern. Immer wieder kommen Kinder im Unterricht nicht mit. Sie landen auf Hauptschulen oder auf Schulen für Lernbehinderte. Dann sind die Aussichten auf Lehrstellen genauso gering wie die Chance, später den Lebensunterhalt aus eigener Kraft zu finanzieren.
Auch Jeton hat "nur" eine Hauptschulempfehlung bekommen. "Ich wollte damit zur Gesamtschule, doch da war für mich kein Platz mehr", flüstert er leise, scharrt mit den Füßen und schämt sich. Leider hat er Pech gehabt: Die drei Mülheimer Gesamtschulen brechen aus alle Nähten. Mit Hausaufgabenhilfen, Förderprogrammen, Freizeitangeboten und Sozialpädagogen haben sie nicht genügend Plätze und müssen Kinder ablehnen.
Jeton möchte nicht mehr daran denken und malt weiter an seinem Bild. Lieber erinnert er sich an den Erfolg bei der "Kunstraus Aktion" in Mülheim. Von seinem riesigen Bild waren nicht nur die Eltern begeistert. Auch die Zeitungen berichteten darüber. Zum Leitthema "Miteinander" hatten sich 22 KünstlerInnen für 11 Bilder gemeinsam ans Werk gemacht. Da war Jeton dabei. "MITeinander" machten sie ein Bild: Klaus Wichmann, Mülheimer Künstler, mit 59 Jahren schon ein älteres Semester und Jeton Loki, 9 Jahre, Mülheimer Schüler mit Eltern aus dem Kosovo, der gerne zeichnet. Beide nahmen sich vor, über alle "Grenzen" hinweg ein gemeinsames Bild für die Aktion "Kunst Raus 2007" zu fertigen. Von Mai bis Oktober steht nun das 1,50 x 150 m große Acrylbild im Mülheimer Stadtteil Saarn, unübersehbar neben der evangelischen Kirche. Jeton ist sehr stolz und freut sich. Sein Talent zum Malen entdeckte Marissa Turac, Mitarbeiterin der Caritas. "Ich bin begeistert, wenn ich sehe mit wie viel Ausdauer und Fleiß Jeton seine Bilder malt", freut sich die türkischstämmige Diplom-Pädagogin. "Endlich hat er mal ein Erfolgserlebnis und findet Anerkennung". Nach den Ferien wird er einen speziellen Malkurs besuchen, wo er sein Talent weiter ausbauen kann. Vielleicht schafft er ja weiterhin Grenzen zu überwinden und findet "MITeinander" einen erfolgreichen Weg in die Zukunft.
Petra Strobel, Mülheim an der Ruhr, im August 2007
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