Mein Name ist Hayriye Özcan, ich bin Türkin, 36 Jahre alt, verheiratet und habe zwei Kinder im Alter von 17 und 11 Jahren. Heute lebe ich mit meiner Familie in Mülheim an der Ruhr.
| Hayriye Özcan lernt fürs Leben |
Kind eines "Gastarbeiters": Mein Geburtsort ist Bergisch-Gladbach, in Köln bin ich aufgewachsen. Ich habe dort die Grundschule besucht und dann die Hauptschule. Meine Eltern gehörten zu den ersten türkischen Gastarbeiter-Familien, die nach Deutschland kamen. Sie hatten vor, hier ein paar Jahre zu arbeiten, um Geld zu verdienen und wollten dann wieder in ihre Heimat zurückkehren.
Deshalb habe ich in Köln keinen Kindergarten besucht. Während meiner gesamten Schulzeit konnten meine Eltern mir nicht bei meinen Schulaufgaben behilflich sein. Mein Vater war Schichtarbeiter, meine Mutter Hausfrau, die nicht viel Kontakt zu deutschen Familien hatte. Das brauchte sie auch nicht, da wir in einer Siedlung wohnten, in der überwiegend Migranten lebten.
Es gab nur wenige deutsche Nachbarn, bei denen ich Hilfe bei den Hausaufgaben suchte. Nach meiner Schulzeit wollte ich eine Lehre als Friseurin anfangen. Da ich keine Lehrstelle in der Nähe des Elternhauses gefunden hatte, durfte ich keine Lehre anfangen. Meine Eltern, vor allem meine streng gläubige Mutter, hatten Angst, dass ich mich alleine zu lange draußen aufgehalten hätte.
Hilfe vom Klassenlehrer: Ich musste mich gegenüber meiner Mutter durchsetzen, um ein Berufsvorbereitungsjahr als Friseuse zu absolvieren. Mein damaliger Klassenlehrer hat mit geholfen, meine Mutter zu überzeugen. Er hatte ihr deutlich gemacht, dass es für mich sehr wichtig sei, diese Berufsvorbereitung zu machen.
Nach meinem Berufsvorbereitungsjahr habe ich geheiratet, mit der von meinen Eltern abgerungenen Zusage, dass ich meine Ausbildung in Mülheim an der Ruhr machen kann. Noch vor der Hochzeit habe ich meine Ausbildungsstelle in Mülheim gefunden.
Familie und Freundschaft: Zum Ende meines ersten Lehrjahres wurde ich ungewollt schwanger und musste meine Lehre abbrechen. Nach der Geburt meines Sohnes sind wir umgezogen. Meine Nachbarin dort hatte einen gleichaltrigen Sohn, dadurch bin ich mit ihr in Kontakt gekommen. Ich habe sie angesprochen, dass unsere Kinder doch gemeinsam spielen und wir uns gleichzeitig näher kennenlernen könnten. Daraus entstand eine gute Freundschaft. Später besuchten unsere Kinder gemeinsam die Krabbelgruppe und gingen auch zusamen in den Kindergarten und in die Grundschule. Auch während dieser Zeit habe ich deutsche Familien mit Kindern zu mir eingeladen und sie auch besucht.
| Hayriye Özcan (Mitte) mit zwei Freundinnen, die sie als Nachbarinnen und im Kindergarten ihrer Kinder kennen gelernt hat |
Aktiv im sozialen Umfeld: In der weiterführenden Schule habe ich in der Klassenpflegschaft mitgewirkt. Dadurch kam ich auch in Kontakt mit den anderen Eltern. Bekanntlich verbindet der Sport und da wir als Familie Fußball begeistert sind, bin ich auch im Fußballverein sehr engagiert. Deshalb bin ich auf Migrantenfamilien und Deutsche zugegangen, habe Kontakte geknüpft und bei Verständigungsschwierigkeiten vermittelt. Da viele Migranten auf Grund ihrer schlechten Deutsch-Kenntnisse sich nicht trauen, jemanden anzusprechen, stehen sie oft etwas abseits und verlegen da. Um das zu verhindern gehe ich oft auf die Leute zu, um sie in die Gemeinschaft zu integrieren.
| Hayriye Özcan (zweite von links) als Mannschaftsbetreuerin der Fußballknaben beim TSV Broich, wo sie seit über zehn Jahren tätig ist. Auch ihre Kinder spielen hier, ihr Mann ist beim TSV-Broich Trainer |
Oft ist die anfängliche Zurückhaltung dann sehr schnell verflogen. Und wenn man offen und unvoreingenommen auf jemanden zugeht, kann man schnell Kontakte knüpfen.
Eigene Existenz: Von 1992 bis 2001 habe ich als Altenpflegerin im Altenheim gearbeitet. Um mich fortzubilden, besuchte ich berufsbegleitend eine Schule und habe über 4 Jahre hinweg mein Examen als Altenpflegerin gemacht, das ich 2005 erwerben konnte. Nach wie vor bin ich im Altenheim tätig.
Hayriye Özcan
Mülheim an der Ruhr, im März 2008
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