Archiv-Beitrag vom 04.12.2009Innovative Ansätze in der kommunalen Sozialberichterstattung

Minister Laumann zu Besuch auf der Fachtagung in Mülheim


Da konkrete Armutsbekämpfung zunächst auf der kommunalen Ebene stattfindet, benötigen gerade Kommunen eine umfassende Analyse der sozialen Lage ihrer Bevölkerung. Sie brauchen eine Sozialberichterstattung, die ihnen vorausschauende kommunale Planung und Politik ermöglicht. 

Das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW und die Stadt Mülheim an der Ruhr luden daher zu einer Fachtagung "Innovative Ansätze in der kommunalen Berichterstattung" am 4. Dezember in die Stadthalle Mülheim an der Ruhr. Auf der Tagung wurden unter anderem vorbildliche Beispiele für sozialpolitische Frühwarnsysteme auf kommunaler Ebene vorgestellt, beispielsweise aus unserer Stadt. Mehr als 150 TeilnehmerInnen folgten der Einladung nach Mülheim.

Fachtagung Innovative Ansätze in der kommunalen Sozialberichterstattung. Stadthalle. 04.12.2009 Foto: Walter Schernstein

Sozialminister Karl-Josef Laumann (2. v.l.)) zu Besuch auf der Fachtagung in der Mülheimer Stadthalle. Neben ihm Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld und Sozialdezernent Ulrich Ernst. (Foto: Walter Schernstein)


„Wir müssen den Finger dahin legen, wo es weh tut! Nur wenn wir die Probleme erkennen und benennen, können wir die geeigneten Schritte dagegen unternehmen.“ Das sagte Sozialminister Karl-Josef Laumann zu Beginn der Tagung in seinem Vortrag über die Aufgabe und Ziele von Sozialberichterstattung.

In vielen Städten – so Laumann weiter – wachse die soziale Spaltung, es entstünden immer mehr Armutsquartiere. Die Menschen lebten dort räumlich und sozial isoliert, ihr tägliches Umfeld werde durch Einkommensarmut geprägt. So hätten beispielsweise in Köln im Jahr 1990 zehn Stadtteile eine zweistellige Sozialhilfequote gehabt, 2005 waren es bereits 17.

Fachtagung Innovative Ansätze in der kommunalen Sozialberichterstattung. Stadthalle. 04.12.2009 Foto: Walter Schernstein


„Weil die Kommunen bei der Armutsbekämpfung eine Schlüsselposition haben, brauchen sie eine umfassende Analyse der sozialen Lage ihrer Bevölkerung, also ein soziales Frühwarnsystem“, so der Minister. Das Land sei im Jahr 2007 mit dem differenziertesten Sozialbericht, den es in Nordrhein-Westfalen je gab, vorangegangen. 

 

 


"Die deutschen Städte - auch Mülheim an der Ruhr - stehen heute vor großen Herausforderungen. Die bedrohliche Zunahme von sozialer Ungleichheit und Armut (soziale Herausforderung), internationale Migration (internationale Herausforderung), sinkende Geburtenzahlen (demographische Herausforderung) und die Bedeutungsabnahme herkömmlicher Integrationsmechanismen wie Familien, Kirche, Verein oder traditionelle Milieus (kulturelle Herausforderung). Die sozialen Problemlagen, die sich hieraus ergeben, sind mehrdimensional, und sie konzentrieren sich räumlich an bestimmten Orten. Deshalb fühlt sich die Stadt Mülheim an der Ruhr den Grundsätzen einer sozialen Stadtentwicklungspolitik verpflichtet.", so Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld in ihren Begrüßungsworten.

Fachtagung Innovative Ansätze in der kommunalen Sozialberichterstattung. Stadthalle. 04.12.2009 Foto: Walter Schernstein

 „Wir verstehen uns  als Bildungsstadt. Unter dem Slogan „Mülheim bildet“ legen wir einen Schwerpunkt auf die Bildungspolitik von Anfang an. Sie spielt eine Schlüsselrolle in der Förderung von sozialer Integration und dem Abbau sozialer Ausgrenzung.“ so Dagmar Mühlenfeld weiter und betonte: „Die Sozialberichterstattung ist unverzichtbar,  um so früh wie möglich intervenieren zu können, denn was  wir in den ersten Jahren versäumt haben, ist  schwer oder kaum mehr aufzuholen.“

Mit dem Mülheimer Kindergartenscreening „Füchse“ wird der Entwicklungstand von Kindern schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt erhoben. „Die Ergebnisse liefern uns Hinweise auf Handlungsbedarfe  und werfen Fragen auf: Warum gibt es Kitas, in denen die Kinder trotz schlechter sozialer Lage gute Ergebnisse erzielen und warum ist das in der Kita nebenan bei gleicher sozialer Lage anders? Hier können wir dann ansetzen und schauen, woran das liegt.“ erläuterte Mülheims Sozialdezernent, Ulrich Ernst und fügte hinzu: „Sozialberichterstattung bietet uns nicht nur die Möglichkeit Ungleichverteilungen zu erkennen, sondern auch  die Chance gerade jetzt, in finanziell schwierigen Zeiten, auf eine stärker bedarfsorientierte Mittelvergabe hinzuwirken.“ Als Folge aus dem „Füchse“ screening entstanden in seinem Bereich unter anderem ein Projekt, das Kindern zur Ein-schulung  die kostenlose Mitgliedschaft für ein Jahr in einem Sportverein ermöglicht sowie „Prima Leben“, ein auf Ernährung und Bewegung in Kitas fokussiertes Projekt.

Fachtagung Innovative Ansätze in der kommunalen Sozialberichterstattung. Stadthalle. 04.12.2009 Foto: Walter SchernsteinHielt einen interessanten Vortrag über Konzepte und Befunde kommunaler Berichtserstattung in NRW, Prof. Dr. Klaus Peter Strohmeier (Foto links)vom Zentrum für interdiszilinäre Regionalforschung (ZEFIR), Bochum.

Keine Kommune, weder eine Stadt noch ein Landkreis, könne auf differenzierte Infor-mationen über die soziale Lage ihrer Bevölkerung verzichten, sagte Minister Laumann. Denn nur mit einer guten Datengrundlage sei eine sinnvolle Sozialplanung möglich. So habe die Stadt Bochum auf Grundlage ihres Sozialberichts einen Runden Tisch „Wohnungsmarkt“ eingerichtet und ihre Mittel in problematische Stadtteile umgelenkt. Dortmund plane, in problematischen Stadtteilen so genannte Aktionsbüros einzurichten, in denen Hilfen wie Schuldnerberatung und psychosoziale Betreuung aus einer Hand angeboten werden.

In Nordrhein-Westfalen leben rund 2,5 Millionen Menschen, die von Armut gefährdet sind (das heißt ein Einpersonenhaushalt hatte 2008 weniger als 655 Euro zur Verfügung, bei zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren waren dies 1.767 Euro monatlich). Die Zahl der Empfänger staatlicher Transferzahlungen ist von rund 1,86 Millionen im Jahr 2005 auf fast 2 Millionen in 2007 gestiegen.

 

Fotos: Walter Schernstein

 

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Stand: 07.12.2009

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