Prolog: „Ich wurde 1975 in Karlsruhe geboren, da hatten meine Eltern bereits zwei ältere Söhne und führten seit fünf Jahren ein griechisches Restaurant namens »Der Grieche«. Unser Wohnzimmer. Neununddreißig Jahre arbeitete meine Mutter in der Küche, mein Vater am Tresen. Im Mai 2009 fassten meine Eltern den Entschluss, das Wohnzimmer inklusive Küche und Garten abzugeben. Sie erhielten von zwei freundlichen irakischen Brüdern eine kleine Ablöse für die Einrichtung, der »Grieche« ist jetzt ein Döner-Imbiss. Es ist der achte Dönerladen im Umkreis von dreihundert Metern. Mit ein Grund, warum meine Eltern unser Restaurant nicht mehr halten konnten.
Deutschland hat sich verändert, seitdem meine Eltern 1963 aus Griechenland hierher kamen. Knapp vierzig Jahre, sieben Tage die Woche, fünfzehn Stunden am Tag war ihr Wohnzimmer für jeden geöffnet, Einlass frei. Davon will ich erzählen. »Der Grieche« lag nur einen Steinwurf vom Bundesverfassungsgericht entfernt, Generalbundesanwalt Siegfried Buback aß in unserem Wohnzimmer zu Mittag und saß abends manchmal bei einem Glas Wein im Garten, daneben feilten Grüppchen der Grünen in den Siebzigern an Protestaktionen und ihrer Parteigründung. Petra Kelly trank damals gern einen trockenen Demestica oder den süßen Mavrodafni, Joschka Fischer Bier, Zuhälter aus dem benachbarten Rotlicht-Milieu führten ihre Neuerwerbungen aus Osteuropa oder Südamerika zum Essen aus, Professoren der Karlsruher Universität ihre blondierten Sekretärinnen, Gregor Gysi erzählte nach der Wiedervereinigung meinem Bruder von der DDR, obwohl der nichts davon wissen wollte, Hooligans von Borussia Dortmund stürmten nach einer Niederlage gegen den Karlsruher SC mit Baseballschlägern das Lokal, mein Vater hielt ihnen ein paar Pils entgegen und erzählte ihnen zwei Stunden lang Geschichten aus der griechischen Mythologie. Hunderte deutscher Stammgäste feierten bei uns – auch weil mein Vater ein Meister im Geschichtenerzählen ist – ihre Hochzeit, die Taufe ihrer Kinder, Geburtstage, viele betranken sich hemmungslos nach einer Scheidung, schenkten uns gerahmte Bilder ihrer Liebsten nach deren Tod, tranken mit uns auf ein Leben danach... “ (Alle Rechte vorbehalten. © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2010)
Alexandros Stefanidis
Beim Griechen
Preis 8,95 Euro, ISBN: 978-3-596-18758-4, 256 Seiten, Broschur
Fischer Taschenbuch Verlag
(Übernahme ins Internet: Klaus Wichmann, Mülheim an der Ruhr, im November 2010)
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