Unter dem Dach der Jüdischen Gemeinde war in Mülheim an der Ruhr - wie auch in anderen Städten - kurz nach dem Ende des ersten Weltkriegs ein "Ostjüdischer Kulturverein" gegründet worden. Sein Ziel war, diesen in den letzten Jahrzehnten zugewanderten Teil der Bevölkerung in das hiesige gesellschaftliche Leben zu integrieren, aber auch die Pflege der Tradition.
Emanuel Brender vertrat als erster Vorsitzender den Verein gleichzeitig im Landesvorstand. "Ostjuden" waren Zugezogene aus Rußland, Polen, Galizien (im Grenzbereich der heutigen Ukraine und Rumänien), Ungarn und Rumänien.
(Anm. der Redaktion: Der Begriff "Ostjuden" wurde ursprünglich von den jüdischen MitbürgerInnen, die schon lange in Deutschland waren, selbst geprägt. Während der Nazidiktatur wurde er allerdings von der Propaganda zur Diskriminierung missbraucht)
| Das Wohnaus der Familie Brender, Bürgerstraße 3, im Dichterviertel, Mülheim an der Ruhr. Foto rechts: Luisenschule in Mülheim an der Ruhr, vor dem 2. Weltkrieg, hier ging die Tochter Margarete von Emanuel Brender zur Schule (Fotonachweise: Luisenschule: Stadtarchiv, Mülheim an der Ruhr; Bürgerstraße 3: Inventarisierung historischer Bauten, Mülheim an der Ruhr 1978/1979, Verfasser Erich Bocklenberg und Reinhard Ullrich , Foto Lyzeum: Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr, Bestand 1516. |
Auslöser für die Zuwanderung waren seit 1881 Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung in Rußland und anderen Gebieten, aber auch ein Numerus clausus für jüdische Studenten und daneben das Bestreben, im Land von Goethe, Schiller und den großen Komponisten leben zu wollen. Denn gerade in den Gebieten der Donau-Monarchie war unter der jüdischen Bevölkerung der Bildungshunger nach deutscher Kultur ungeheuer stark; die Werke von Schiller und Goethe gehörten zum Standard vieler privater Bibliotheken. Während des ersten Weltkriegs wurden zudem durch die deutsche Heeresleitung Arbeitskräfte in den besetzten Gebieten organisiert angeworben.
Bei der Volkszählung 1925 registrierte man in Mülheim 86 jüdische "Reichsausländer", die fast ausnahmslos aus den genannten Ländern stammten. Die Altersjahrgänge der 25- bis 40-jährigen mit 21 und den 40- bis 55-jährigen mit 14. Die älteren Jahrgänge waren insgesamt nur noch mit acht Personen vertreten, dazu 13 kleine Kinder. Ein kleiner Teil der Zugezogenen hatte sich bis dahin bereits einbürgern lassen, was in der Regel allerdings nur mit viel Mühe möglich war. Insgesamt zählten zu den "Ostjuden" mehr als einhundert Mülheimer Bürger, etwa 10 Prozent der Mitglieder der Jüdischen Gemeinde.
Emanuel Brender war am 1.2.1885 in Radautz / Galizien geboren, seine spätere Frau Betty Pauker am 19.4.1885 in Czernowitz. Mit etwa 20 Jahren kamen beide nach Berlin und heirateten dort. Im Jahre 1909 wurde der erste Sohn geboren und erhielt den Namen Siegfried! Im Jahre 1912 wurde die Tochter Margarete geboren, aber bereits in Essen. Und kurz vor Beginn des ersten Weltkriegs zog das Ehepaar mit den beiden Kindern nach Mülheim in den damaligen Altstadtbereich. Der zweite Sohn Karl wurde 1915 in Mülheim geboren. 1919 erwarb der sich inzwischen zum Kaufmann emporgearbeitete Emanuel Brender das Haus auf der Bürgerstraße 3 im Dichterviertel. Sein Bekleidungsgeschäft befand sich in Gelsenkirchen.
Die drei Kinder gingen auf die üblichen Schulen in Mülheim: Siegfried auf die Oberrealschule mit "Mittlerer Reife" und anschließender Lehre, Margarete auf das Mädchengymnasium, wo sie 1932 ein gutes Abitur machte, um anschließend Jura zu studieren und Karl auf das staatliche Gymnasium, wo ihm allerdings bereits 1933 der weitere Besuch verwehrt wurde. Alle drei waren aktiv in Mülheimer Sportvereinen und hatten zahlreiche Freunde.
Mit Beginn des Nationalsozialismus bewogen alle drei auf Anraten der Eltern die Auswanderung in das damalige Palästina. Karl ging bereits 1934, Siegfried und Margarete wanderten 1936 aus. Als die Eltern dazu bereit waren, war es zu spät. Sie wurden am 27.10.1941 deportiert und kamen um.
| Verbreitung der jüdischen Bevölkerung im Deutschen Reich, 1895 (Foto: Wikipedia). |
Gerhard Bennertz
Mülheim an der Ruhr, im Februar 2008
| Stadt Radautz im damaligen Galizien, Geburtsort von Emanuel Brender (Postkarte Radautz: Peter Elbau, siehe auch http://bukowina.info/index.php) |
Radautz wurde 1392 erstmals urkundlich erwähnt und vermutlich in den davorliegenden Jahrzehnten unter der Herrschaft des Woiwoden Bogdan I. errichtet. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts erbaute der moldauische Herrscher Alexandru cel Bun ein Kloster in der Ortschaft. In den folgenden Jahrhunderten stand die Moldau unter osmanischem Einfluss.
So wie das gesamte umliegende Gebiet wurde auch Radautz 1775 Teil von Österreich. Die Stadt wurde Bezirksstadt. In Radautz siedelten sich besonders viele Deutsche an, so dass die Stadt auch "die deutscheste der Bukowina" genannt wurde. Die erste deutsche lutherische Gemeinde der Bukowina wurde 1791 hier gegründet. Durch den Ausgang des Ersten Weltkrieges fiel die Stadt an das Königreich Rumänien. Die Radautzer Deutschen wurden zum überwiegenden Teil im Gefolge des sog. Hitler-Stalin-Abkommens 1940 ausgesiedelt.
Die Stadt war lange eine starkes Zentrum des Judentums in der Bukowina. Die jüdische Gemeinde war wohl schon vor der habsburgischen Zeit existent. Im Herbst 1941 wurden die Radautzer Juden nach Transnistrien deportiert. Während des Holocaust wurde fast die gesamte Gemeinde ausgelöscht. Die wenigen Überlebenden verließen Rumänien in der Nachkriegszeit.
Seit der Teilung der Bukowina im Jahre 1940 bis 1941 und erneut nach Ende Zweiten Weltkrieges, als die Nordbukowina an die Sowjetunion fiel, befindet sich das Provinzstädtchen in unmittelbarer Grenznähe zur UdSSR bzw. zur Ukraine (Quelle: Wikipedia).
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