Jüdisches Neujahrsfest 2009

Rede zum Jüdischen Neujahrsfest 2009

 

Grußwort von Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld

zum Jüdischen Neujahrsfest

am Dienstag, 22.09.09, 18.00 Uhr,

Duisburg, Gemeindezentrum, Am Springwall 16

 

***

Sehr geehrte Frau Präsidentin Knobloch,

sehr geehrter Herr Dreßler (Deutscher Botschafter a.D. in Israel),

sehr geehrter Herr Marx,

sehr geehrter Rabbiner Zinvirt,

meine sehr geehrten Herren und Damen,

ich bedanke mich herzlich für die freundliche Einladung der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim an der Ruhr-Oberhausen zum Jüdischen Neujahrsfest 2009. Gerne habe ich zugesagt, zu diesem hohen Feiertag stellvertretend für die Städte Duisburg, Oberhausen und Mülheim an der Ruhr ein Grußwort zu sprechen. Gleichzeitig überbringe ich auch die Grüße der Räte und der Verwaltungen zum 5770. Rosh-Ha Shana.

Das Neujahrsfest ist nicht nur für die Mitglieder der jüdischen Gemeinde ein Anlass zurückzuschauen, zu sehen, was im vergangenen Jahr gut und was schlecht war, was beibehalten werden sollte und was verbessert werden muss.

Aus meiner Sicht kann ich die guten Beziehungen unserer Städte zur Jüdischen Gemeinde nur hervorheben und mit Freude und Zuversicht auf deren weiteren Ausbau schauen.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass die Gemeinde trotz des unter dem nationalsozialistischen Terrorregimes erlittenen Unrechts unseren Städten verbunden geblieben ist. Dies ist fast unbegreiflich und ein besonderer Vertrauensbeweis, wenn man an die Vertreibungen, Ermordungen, Pogrome, Plünderungen, Zerstörungen und Anfeindungen auch durch unsere BürgerInnen in den Jahren vor und während des Dritten Reichs zurückdenkt.

Die Tradition des jüdischen Neujahrsfestes fordert es, dass wir in uns gehen, uns Rechenschaft ablegen über unser Tun und uns unserer moralischen Pflichten bewusst werden. Deshalb kann und will ich an dieser Stelle nicht darüber hinweggehen, dass sich Menschen jüdischen Glaubens auch heute noch in Deutschland nicht wirklich frei entfalten können. Solange die Synagogen in Deutschland von Polizisten bewacht werden müssen, solange jüdische Gräber geschändet werden und solange sich Menschen fürchten, ihren jüdischen Glauben offen zu bekennen, solange können wir nicht von Normalität im Umgang miteinander sprechen.

Ich weiß um den schleichenden und stellenweise offenen Antisemitismus in unserer Gesellschaft. Wir müssen ihn an seinen Wurzeln bekämpfen. Ich weiß um den fruchtbaren Boden, auf den in Deutschland immer noch die Parolen der Rechtsextremen fallen. In Sachsen zogen gerade erneut Vertreter der rechtsextremistischen NPD in den Landtag ein, weil sie von frustrierten Menschen aus Protest gewählt wurden.

Junge Menschen werden in ihrer Perspektivlosigkeit mit rechtem Rock, mit Hassparolen und falschen Versprechungen geködert. Rechtes Gedankengut scheint wieder salonfähig zu sein. Das muss uns aufschrecken. Das zwingt uns alle zum Handeln. Alle demokratischen Kräfte sind aufgerufen, gegen die Feinde unserer demokratisch-freiheitlichen Verfassung vorzugehen. Wir dürfen weder die kleinsten Ansätze antidemokratischen Verhaltens noch Antisemitismus in unserer Gesellschaft tolerieren. Dafür ist es wichtig, uns unserer Geschichte und der daraus erwachsenen Verantwortung bewusst zu sein. Wir dürfen nicht vergessen!

In unseren Städten haben wir seit langem eine von breiten Gesellschaftsschichten getragene Erinnerungskultur installiert. Auch wenn wir diese weiter ausbauen wollen und müssen, so erwachsen aus unserer bisherigen Arbeit und in den einzelnen Städten sehr hoffnungsvolle Zeichen.

Für Mülheim zählen für mich z. B. die vielen Stolpersteine dazu, die wir im Gedenken an die Menschen verlegt haben und weiter verlegen werden, die ihr Leben unter der Schreckensherrschaft der Nazis verloren. Viele davon waren jüdischen Glaubens. In diesem Projekt engagieren sich SchülerInnen gemeinsam mit der MIT, der Mülheimer Initiative für Toleranz. Sie übernehmen Verantwortung, und daraus erwächst ein neues Verstehen.

Dazu zählt aber auch die beständige und enge Freundschaft zu unserer israelischen Partnerschaft Kfar Saba. Es ist erst wenige Wochen her, dass wir von dort eine Besuchergruppe empfangen konnten. Gemeinsam haben wir uns der Gräuel während der Nationalsozialistischen Herrschaft erinnert, aber viel intensiver haben wir viele zukunftsweisende Gedanken und Ideen ausgetauscht. Ich wünsche mir, dass die Reise in unsere israelische Partnerstadt einmal so selbstverständlich wird wie Besuche in Darlington oder Tours. Doch dafür brauchen wir ein Ende des Nahost-Konflikts, und hier bekenne ich mich zur aktiven Rolle, die die EU im Prozess der Friedenssicherung zu leisten hat. Schließlich waren es die europäischen Staaten, die ihren jüdischen Bürgern und Bürgerinnen in den 20er Jahren keinen Platz in ihrer Mitte und keine Perspektive geben konnten oder wollten und die Gründung des States Israel mit vorangetrieben haben. Jetzt sind sie m.E. verpflichtet, das Existenzrecht dieses Staates auch ohne Wenn und Aber zu verteidigen.

Der unlängst eröffnete jüdische Kindergarten in Duisburg ist für mich ein weiteres Hoffnungszeichen. Ich hoffe sehr - und wünsche es den Verantwortlichen von ganzem Herzen -, dass hier ein Ort entsteht, an dem die jüdische Tradition schon von ganz jungen Menschen aus unseren Städten gelebt und auch an andere vermittelt werden kann. Wenn dieses Zusammenleben zur Normalität wird, wenn es uns so gelingt, Intoleranz, Fanatismus und Diskriminierung aus religiösen und weltanschaulichen Gründen heraus erst gar nicht entstehen zu lassen, dann ist mir um die Zukunft nicht bange.

Wenn ich sehe, mit wie viel Engagement sich die Jüdische Gemeinde im Mülheimer "Bündnis der Religionen" engagiert, dann ist auch das für mich ein positives und verbindendes Wirken. Ich wünsche mir hier - wie in anderen Bereichen des städtischen Lebens - eine weiterhin so gute Zusammenarbeit und viele gemeinsame Aktionen.

Und um ein letztes Beispiel aus meiner Stadt zu nennen: Ohne große politische Diskussionen haben wir einem zentralen Platz in unserer Innenstadt, auf dem vor dem Krieg die Mülheimer Synagoge stand, den richtigen Namen "Synagogenplatz" gegeben. Die Zeit dafür war gekommen. Ein gutes Zeichen.

Mit dem traditionellen Gruß "Schana towa" wünsche ich Ihnen und Ihren Familien ein gutes Jahr 5770 und schöne Feiertage. Schalom und ein herzliches Glück auf.

 

Kontakt


Stand: 22.03.2011

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