Käufer für vier Äbtissinnenbilder gesucht!
Kloster Saarn, Ausstellungseröffnung 8. Dezember 2003
Statement: Schul- und Kulturdezernent Hans Theo Horn
„Gerne habe ich in meiner Funktion als Schul- und als Kulturdezernent der Stadt Mülheim an der Ruhr die Einladung angenommen, zur Eröffnung der Ausstellung der Schulprojekte mit dem langen Titel „Käufer für vier Äbtissinnenbilder gesucht! Als das Kloster Mariensaal in Saarn aufgelöst wurde“ zu sprechen.

Foto: Walter Schernstein
Ich bin auch mit großer Freude gekommen, weil mit diesem Projekt die Öffnung der Schulen in die Stadt und die Verknüpfung der Kultur mit den Bildungseinrichtungen der Stadt geradezu ideal gelungen ist.
Solche Verknüpfungen oder Vernetzungen stehen seit Langem auf meiner schul- und kulturpolitischen Agen-da. Denn durch derart Verknüpfungen bzw. Vernetzungen steigt ohne Zweifel die Qualität des Bildungsstandortes und der Kulturstadt Mülheim an der Ruhr.
Allen an diesem Projekt beteiligten Lehrerinnen und Lehrern sowie den Schülerinnen und Schülern der Gesamtschule Saarn und des Gymnasiums Broich, den Freunden und Förderern des Klosters Saarn, der Kirchengemeinde St. Maria Himmelfahrt und auch dem Kulturbetrieb Mülheim an der Ruhr gilt daher mein besonderer Dank.
Namentlich möchte ich vor allem Frau von Bancels und Frau Peczynsky sowie den Herren Fölting und Dr. Fischer, den Initiatorinnen bzw. Initiatoren und Motoren des Projektes danken.
Was war nun das besondere Interesse der Schulen an diesem geschichtsträchtigen Geschichts- und Kulturort "Kloster Mari-en-Saal"?
.... Dieser Ort zeugt von dem mehr als 600-jährigen Leben, Beten und Arbeiten von Zisterzienserinnen.
.... Er steht für Kunstsinn und Wissensdrang, für Spiritualität, handwerkliches Können und gewiss auch für Machtbewusstsein.
Die Nonnen haben sich der Welt ja nicht verschlossen. Sie widmeten sich zwar vor allem der Seelsorge, dem Dienst am Nächsten. In diesem Kloster wurde aber auch Musik gespielt, hier wurde betreut und gepflegt, aber auch geherrscht.
Durch die Annexion und Überführung von Kirchenbesitz und geistlichen Herrschaftsgebieten in weltliche Hände (Säkularisation) sowie die zeitgleich und in den Folgejahren durchgeführte Unterordnung weltlicher Territorialstaaten unter die Landesherrschaft der entstehenden Mittelstaaten (Mediatisierung) erfuhr die Landkarte des Alten Reiches seit 1803 eine Neuordnung.
Mit diesen Festlegungen des Reichsdeputationshauptschlusses vom 25. Februar 1803 wurde zugleich der Untergang des „Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation“ eingeleitet und 1806 mit der Niederlegung der Kaiserkrone durch Franz II. beendet.
Dieses bedeutsame wie folgenreiche Gesetz bildete den Auftakt zu Entscheidungsprozessen, die nicht nur das Ende des über tausendjährigen Heiligen Römischen Reiches besiegelten und nach der napoleonischen Ära ein neues, modernes Europa formten, sondern bis weit in das 20. Jahrhundert rückwirkten.
Vergleichbare Auswirkungen haben danach wohl nur noch die beiden großen Kriege des 20. Jahrhunderts gehabt.
Mit Besorgnis und Ängsten reagierten die Zeitgenossen auf ein sich in stetem Wandel befindliches politisches, rechtliches, sozioökonomisches und kulturelles Umfeld.
Wir vermögen uns heute nur schwer vorzustellen, was dieser Umbruch für die Menschen bedeutet haben mag.
Es wurden Lebensplanungen zerstört, Weltbilder brachen zusammen, Bildungstraditionen rissen ab, Kultureinrichtungen verschwanden und Kunstschätze gingen verloren.
Äußerungen aus jenen Jahren belegen die schwere Erschütterung, die für viele in der Tat eine "Entzauberung der Welt" gewesen ist. So hat Max Weber
einen Grundzug der modernen Geschichte einmal genannt.
Viele erkannten aber auch die große Chance, die diese radikale Neugestaltung der Landkarte mit sich brachte, die ja zugleich auch eine politische Neuordnung war.
Sie erhofften sich eine Reform des Reiches. Sie sahen darin eine Chance für einen grundlegenden Neubeginn.
Mit den historischen Entscheidungen und Entwicklungen jener Jahre wurden die Weichen hin zu jenem demokratischen Föderalismus gestellt, der unser Land bis heute nicht nur prägt, sondern, so meine ich, auch auszeichnet.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstehen als Folge der Säkularisation und durch die wiederholten Mediatisierungen jener Jahre, die Umrisse vieler Gebiete unserer heutigen Länder.
Die Verfassungen von Weimar und Bonn haben die föderale Tradition schließlich mit der Substanz einer modernen Bürgerdemokratie verbunden.
Heute blicken wir zurück auf Ereignisse und Entscheidungen, die sich vor 200 Jahren zugetragen haben. Das scheint unendlich weit weg zu sein. Das steht in Geschichtsbüchern und wir können Dokumente auf Schautafeln betrachten.
Nun könnte man versucht sein zu sagen: Säkularisation und Mediatisierung - was geht uns das an? Was hat das mit uns zu tun?
Doch blicken wir genauer zurück, dann erkennen wir:
Das ist nicht nur unsere Geschichte.
Das hat ganz unmittelbar damit zu tun, wie wir heute miteinander leben. Wir erkennen die Bedingungen gelingender Politik und die Ursachen von Fehlschlägen und Scheitern.
Unsere Geschichte taugt nicht unbedingt als Rezeptbuch für die Probleme der Gegenwart. Sie ist aber unser kollektiver Erfahrungsspeicher. Sie ist ein Reservat von großem Wissen und eine Quelle der Selbstvergewisserung.
Wir können uns viel leichter darüber verständigen, wohin wir gemeinsam gehen wollen, wenn wir wissen, woher wir kommen. Die Kenntnis der Geschichte schafft Identifikation und bietet emotionale Bezüge.
Mir scheint es in den letzten Jahren oft so, als hätten wir zu wenig Bezug zu unserer weiter zurückliegenden Geschichte. Das kann problematische Folgen haben.
Dann kann leicht das trügerische Gefühl entstehen, wir seien in der Lage, in unserer Zeit und aus eigener Vollkommenheit Großartiges und Abschließendes zu gestalten.
Das liegt meiner Wahrnehmung nach daran, weil uns nicht mehr ausreichend bewusst ist, worauf wir im Guten wie im Schlechten aufbauen.
Denn die Geschichte zu kennen, das hilft auch, eigene aktuelle Probleme richtig einzuordnen. Das zeigt gerade der Blick auf jenen epochalen Einschnitt der deutschen und europäischen Geschichte vor zweihundert Jahren, an den wir heute denken.
Sie sehen und damit komme ich zum Schluss:
Geschichte findet nicht nur statt, sie findet ihren Ort und sie findet auch Menschen, die ihr in solch wunderbaren Projekten immer wieder aufs neue Leben einhauchen.
Nochmals herzlichen Dank dafür allen Beteiligten. Der Ausstellung wünsche ich die ihr gebührende nachhaltige Wertschätzung bzw. Resonanz, auch als Impulsgeber für weitere Projekte ähnlicher Art".
Kontakt
Stand: 09.12.2003













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