Mülheimer Baudenkmäler: Kloster Saarn

Lageplan des Klosters Saarn aus dem Kartenbuch über die abteilichen Güter in der Herrschaft Broich, 1779 (Original: Landesarchiv NRW, Abteilung Rheinland, Karten 1568)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als das Zisterzienserinnenkloster Mariensaal im heutigen Mülheimer Stadtteil Saarn im Jahr 1214 gegründet wurde, befand sich Europa in einer Zeit tiefgreifender wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und religiöser Veränderungen. Dazu gehörten unter anderem eine deutliche Bevölkerungszunahme, die Intensivierung von Landwirtschaft und Handel, Städtegründungen, die Entstehung der Landesherrschaft sowie eine hohe mobile und geistige Aktivität. In diesem Umfeld entstanden veränderte Formen der Frömmigkeit, die ihren Ausdruck in der Gründung neuer Orden fanden.

Die religiöse Aufbruchstimmung erfasste auch zahlreiche Frauen, vor allem aus Adel und städtischem Bürgertum. Die anfängliche, wenn auch geringe Unterstützung der von Männern gegründeten und geprägten Orden gegenüber dieser Bewegung wich allerdings bald einer deutlichen Ablehnung. Ein entscheidendes Moment der weiblichen Begeisterung für den Zisterzienserorden war die Distanzierung von den Prämonstratensern, die seit etwa 1178/80 keine Frauen mehr in ihren Orden aufnehmen wollten und dafür 1198 päpstliche Unterstützung fanden. Die alten benediktinischen und stiftischen Lebensformen hatten dagegen Ende des 12. Jahrhunderts an Attraktivität für Frauen und Klostergründer verloren und die Bettelorden gab es noch nicht.

Karte des Ruhrlaufs zwischen Kettwig und Mülheim, 1777, Ausschnittvergrößerung (Original: Landesarchiv NRW, Abteilung Rheinland, Karten 453)Die Gründungswelle von Zisterzienserinnenklöstern setzte viel später und wesentlich verhaltener als bei den Männerorden ein, erreichte dann im 13. Jahrhundert aber Wachstumsraten, wie sie bei den Zisterzienserklöstern noch nicht einmal auf dem Höhepunkt des Wirkens Bernhards von Clairvaux zwischen 1130 und 1150 erzielt worden waren. Die meisten Neugründungen fanden im Erzbistum Köln statt, besonders im Zeitraum zwischen 1230 und 1250. Neben Saarn zählten ebenfalls auch Gevelsberg (1225), Duisburg-Duissern (1234) und Oberhausen-Sterkrade (1240) dazu. Bei der Gründung eines Klosters konnten sich religiöse Motive und Begeisterung für das strenge Leben des Reformordens mit Sühnegedanken, familiären Interessen, Versorgungsabsichten und nicht zuletzt mit politischen Zielen verbinden.

Das Generalkapitel der Zisterzienser reagierte offen ablehnend auf diese Gründungswelle von Frauenklöstern und versuchte, sich den Aufnahmeanträgen zu entziehen. Deshalb dürfte für viele Frauenkonvente – zumindest vorübergehend – gegolten haben: Auch wenn sie (noch) nicht in den Orden aufgenommen waren, lebten sie „zisterziensisch“ – gemäß den Gewohnheiten und Statuten der Zisterzienser – und nutzten so eine Möglichkeit, die das Generalkapitel nicht verbieten konnte.

Die Geschichte des Konvents Mariensaal

Ansicht der Klosteranlage Mariensaal in SaarnDie Entstehungsgeschichte des Zisterzienserinnenklosters Mariensaal ist wie bei vielen anderen Frauenklöstern im Detail unklar, doch entsprach sie wohl dem üblichen Hergang. Demnach wirkten im ersten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts der Kölner Erzbischof, ein namentlich unbekanntes Mitglied des ortsansässigen niederen Adels und nicht zuletzt die Frauen bei der Gründung des Konvents in Saarn mit. Wie bei den meisten mittelalterlichen Frauenkonventen übertrugen die Gründer die spirituelle Schutzherrschaft der Muttergottes Maria. Ort und materielle Grundlage der Stiftung war der auf einer Anhöhe in Sichtweite der Ruhr gelegene Wirtschaftshof der beteiligten Adelsfamilie.

Das Zisterzienserinnenkloster Mariensaal war der erste Frauenkonvent, der unter die Aufsicht des nahegelegenen Klosters Kamp gestellt wurde. Er erhielt bereits 1223 vom Papst die Bestätigung über die Eingliederung in den Orden. Die in der Kirche gefundenen Grabstätten von zwei Kindern und einem Ritter deuten auf eine Nutzung als Familiengrablege in der Anfangszeit hin. Motiv für die Gründung des Klosters war der Wunsch, dass die frommen Frauen himmlische Fürbitte für die Stifter sowie lebende und verstorbene Familienangehörige leisteten. Dies gab der Frauengemeinschaft ihre Identität und Rechtfertigung und war Grund materieller Zuwendungen in Form von Stiftungen auch anderer Wohltäter.

Tatsächlich besaß der Konvent in dieser Zeit religiöse Ausstrahlungskraft: Die Äbtissin Wolberna tauschte 1231 mit dem Stift Gerresheim den Hof Genserath gegen ein Anwesen in Eppinghoven, auf dem ein Tochterkloster gegründet und mit linksrheinischen Besitzungen des Mutterklosters ausgestattet wurde. Vielleicht stellten Saarner Nonnen auch den ersten Konvent des 1234 entstandenen Zisterzienserinnenklosters Duissern. Nach Aussage der Kamper Chronik aus dem ausgehenden 15. Jahrhundert gehörten um 1280 etwa 25 Schwestern der Mariensaaler Gemeinschaft an, deren Mitgliederzahl aber während der Frühen Neuzeit sank. Damit gehörte Saarn zu den kleineren Frauenklöstern im Rheinland.

Bei den im Spätmittelalter gegen den Saarner Konvent erhobenen Vorwürfen eines sittlichen und wirtschaftlichen Verfalls des Klosters vermischten sich wahrscheinlich reale Fakten mit der Absicht, die Frauen einer stärkeren Kontrolle durch kirchliche Instanzen und den an einer Festigung seiner Herrschaft interessierten Landesherrn zu unterwerfen. So bestand der oft in diesem Zusammenhang deklarierte Sittenverfall weniger in einem Verstoß gegen die Keuschheitsregel als vielmehr in einer Zunahme des Privateigentums und insofern auch in einer mehr oder weniger deutlich akzentuierten Auflösung der religiösen Lebensgemeinschaft zugunsten individuellerer Andachtsformen. Die Saarner Quellen offenbaren aber nicht die Hintergründe, sondern erzählen nur, dass der Kamper Abt Heinrich von Ray 1476 im Auftrag des Generalkapitels sowie mit Unterstützung des Kölner Erzbischofs und des Herzogs Wilhelm IV. von Jülich eine in diesen Fällen übliche Reform im Kloster Mariensaal durchführte. Dazu übernahm die Sterkrader Äbtissin für einige Zeit die Leitung des Konvents, ehe sie in ihr Mutterkloster zurückkehrte. Außerdem stiftete Heinrich von Ray 100 Goldgulden und verkaufte etliche silberne Kleinodien, um die wirtschaftliche Situation des Klosters zu verbessern.

Die Saarner Klosterkirche vor der Erweiterung zur heutigen Pfarrkirche (Ende 19. Jh.)Die Reformation brachte erneut Unruhe in den Saarner Konvent, als sich fünf Klosterfrauen seit etwa 1568 zur neuen Konfession bekannten und daraufhin des Klosters verwiesen wurden. Unterstützung erhielten sie vom protestantisch gesonnenen Grafen Wirich VI. von Daun-Falkenstein und Herrn von Broich, in dessen Unterherrschaft Mariensaal lag. Für ihn war die Lösung des Streits geradezu eine religiöse und landesherrliche Pflicht. Ein landesherrliches Recht in der Konfessionsfrage beanspruchte auch Herzog Johann Wilhelm von Jülich-Kleve-Berg für sich, und in Zusammenarbeit mit dem Kloster Kamp konnte er seinen Anspruch langfristig durchsetzen. Im September 1619 zwang der Kamper Abt Karl Reineri die Äbtissin Margaretha von Holtrop zum Rücktritt und führte neue Statuten im Geiste des Zisterzienserordens ein. Sie beinhalteten unter anderem den unbedingten Gehorsam gegenüber der Äbtissin, jegliches Verbot von privatem Besitz und die Einhaltung strengster Klausur unter Androhung von Kerkerhaft. Die Querelen im Konvent bis Mitte des 17. Jahrhunderts zeigen jedoch, dass die neu eingesetzte Anna von Deutz ihre Mitschwestern nicht zur Einhaltung dieser Regeln zwingen konnte: Die Quellen wissen von Liebeleien und einer geheimen Schwangerschaft. Dennoch erreichten die Widersacherinnen 1642 unter dem Vorwurf der Misswirtschaft die Amtsenthebung der Äbtissin. Vermutlich wurde ihr Erfolg dadurch begünstigt, dass das Klosterleben in Kamp durch immer neue kriegerische Auseinandersetzungen am Niederrhein stark in Mitleidenschaft gezogen worden war.

In der Folgezeit lockerte sich der Lebensstil der Klosterfrauen, was sich auch in einem Umbau und einer Modernisierung der Klosteranlage seit Ende des 17. Jahrhunderts ausdrückte. Nach Besetzung des linken Rheinufers durch französische Truppen 1794 verlor das Kloster seine ertragreichen linksrheinischen Höfe in der Nähe von Neuss. Die Zisterzienserinnen flüchteten 1795 vorübergehend in die Grafschaft Mark, kehrten aber nach Saarn zurück, das als Zentral-Kloster zunächst bestehen bleiben sollte, um den Nonnen aus den aufgehobenen Klöstern Zissendorf und Merten die Möglichkeit einer angemessenen Versorgung und eines gewohnten Umfeldes zu bieten. Als niemand das Angebot wahrnahm, versiegelten Beamte des mittlerweile französisch gewordenen Großherzogtums Berg am 2. Dezember 1808 das Zisterzienserinnenkloster in Saarn. Anfang 1809 wurden das Vieh und die landwirtschaftlichen Geräte versteigert. Als letztes interviewten die beiden Beamten sämtliche 161 Pächter des klösterlichen Grundbesitzes und prüften das Klosterarchiv. Danach wurde eine Vermögensbilanz erstellt: Die letzte Äbtissin Agatha von Heinsberg konnte das Kloster mit einem finanziellen Plus an die Kommissare des Großherzogtums Berg übergeben. Am 1. September 1809 verließen die letzten sechs Klosterfrauen, zwischen 38 und 77 Jahre alt, endgültig Saarn. Die in den Aufhebungsprotokollen von 1808/09 aufgelistete Ausstattung der Räume legt den Verdacht nahe, dass die Klosterfrauen aus Sorge um ihr Auskommen nach Aufhebung des Klosters bereits wertvolleres Mobiliar als „Sicherheit“ beiseite geschafft oder verkauft hatten. Das restliche Inventar wurde von den großherzoglichen Beamten konfisziert und versteigert. Spätestens mit dem Zweiten Weltkrieg verliert sich dann die Spur vieler Gegenstände aus dem ehemaligen Kloster Saarn.

Kloster Saarn mit der Tapetenfabrik Niederhoff in den Wirtschaftsgebäuden (um 1897)Nach der Säkularisation fand die Klosteranlage in Saarn unterschiedlichste Verwendung. Die ehemalige Klosterkirche übergab man der katholischen Pfarrgemeinde. In die Konventsgebäude zog von 1815 bis 1862 eine preußische Gewehrfabrik ein, gefolgt von einer Tapetenfabrik, die seit 1874 den ehemaligen Wirtschaftstrakt nutzte. Im Jahr 1906 richtete August Thyssen in den Konventsgebäuden rund um den Kreuzgang einen landwirtschaftlichen Betrieb ein. Der Wirtschaftstrakt wurde 1930 zu Wohnungen umgebaut. Im Jahr 1979 taten sich schließlich die Stadt Mülheim an der Ruhr, das Bistum Essen und das Land NRW für eine grundlegende Restaurierung des heruntergewirtschafteten, ehemaligen Zisterzienserinnenklosters Mariensaal in Saarn zusammen.

Die historische Bedeutung

Im ländlichen Raum zwischen Rhein und Ruhr gab es rund hundert solcher Frauenkonvente wie das Zisterzienserinnenkloster Mariensaal in Saarn. Nach Auflösung vieler Gemeinschaften 1802/03 verschwanden oft, so in Duissern und Sterkrade, Klosterausstattung und Konventsgebäude. Die äußerlich weitgehend erhaltene Klosteranlage in Mülheim-Saarn ist nicht nur deshalb ein seltener Glücksfall: Sie wurde in ihrer knapp 800jährigen Geschichte nie vollständig zerstört und gehört zu den wenigen archäologisch umfassend untersuchten Frauenklöstern in Nordwestdeutschland.

Das Innere der Klosterkirche vor dem Umbau (um 1895)Die überwiegend barocken Gebäude spiegeln die innere Wandlung der Klosterfrauen im Laufe der Zeit wider, die asketischen Glauben durch individuellere Andachtsformen und Gemeinschaftsleben durch größere persönliche Freiheit und Komfort ersetzten. Mariensaal bot adligen Frauen nicht nur eine standesgemäße Versorgung, sondern stellte eine alternative Möglichkeit zur Lebensgestaltung dar, die nicht zu gering geschätzt werden sollte.

Nach der Reformation, in deren Verlauf die Herren der Unterherrschaft Broich aus dem Hause Daun-Falkenstein zur reformierten Konfession wechselten, gewann das Gotteshaus in Saarn außerdem an Bedeutung für die verbliebenen Katholiken in der Region. Bis zu seiner Aufhebung trug das Kloster die Unterhaltskosten für Kirche und Gottesdienst.

Für die Entwicklung von Mülheim an der Ruhr zur Stadt war die Aufhebung Mariensaals dennoch von großer Bedeutung, denn das Frauenkloster besaß viel Grundbesitz im Dorfe Saarn und im heutigen Stadtgebiet von Mülheim. Wie für die meisten Frauengemeinschaften war auch für den Konvent in Saarn die Grundherrschaft die existenziell wichtigste Wirtschaftsform. Mit der Aufhebung des Klosters 1809 ging der Grundbesitz in staatliche Hand über und konnte dann entweder genutzt oder gewinnbringend weiterverkauft werden.

Heute teilen sich die Katholische Kirchengemeinde St. Maria Himmelfahrt und die Stadt Mülheim an der Ruhr das Eigentum an den ehemaligen Klostergebäuden. Allerdings ließ bis in die 1970er Jahre jeder Eigentümer an seinen Gebäudeteilen nur die notwendigsten Instandsetzungsarbeiten durchführen. Erst 1979 wurde die Anlage in Saarn als kulturhistorisch bedeutendes Baudenkmal in Mülheim an der Ruhr entdeckt. Es folgte eine Bau- und Bodenforschung sowie eine gründliche Restaurierung der Gebäude. Das Konzept stellte aber – entsprechend damaligen Standards – die neuen Anforderungen an die Innengestaltung angesichts einer veränderten Nutzung in den Vordergrund und ließ den feinfühligen Umgang mit der historischen Bausubstanz oft vermissen: Die letzten barocken Treppenläufe und Kamine verschwanden. Dafür konnten bei archäologischen Grabungen rund 2000 Funde geborgen werden, von denen viele in einem kleinen Museum in den ehemaligen Klosterräumen gezeigt werden.

Gegenwärtig befinden sich in den ehemaligen Konventsgebäuden rund um den Kreuzgang das Pfarrbüro der katholischen Gemeinde St. Maria Himmelfahrt, eine Bücherei des Bistums Essen, ein Bürgersaal und eine Begegnungsstätte.

(Bearbeitete und gekürzte Fassung von "Das Zisterzienserinnenkloster Mariensaal in Mülheim-Saarn" von Nicola Antonia Peczynsky, in: Zeugen der Stadtgeschichte - Baudenkmäler und historische Orte in Mülheim an der Ruhr. Klartext Verlag, Essen 2008)

 

Modell der Klosteranlage in Saarn aus dem Jahr 1895 Das Denkmal vor der Kirche, die Ruhestätte der letzten Äbtissin (1904) Das ehemalige Konventgebäude als Bauernhof (Ansicht um 1930) Blick von der Kölner Straße auf Kloster Saarn (1933)
Blick auf die Saarner Klosterkirche (Aufnahme um 1940) Das Denkmal vor der Kirche, die Ruhestätte der letzten Äbtissin (um 1935) Kloster Saarn aus der Vogelperspektive (1974)  
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Stand: 24.04.2017

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