Archiv-Beitrag vom 20.07.2009Kranzniederlegung für die Opfer der NS-Gewaltherrschaft am Mahnmal im Luisental

 

Gedenkfeier für die Opfer der NS-Gewaltherrschaft am Mahnmal im Luisental Gedenkfeier für die Opfer der NS-Gewaltherrschaft am Mahnmal im Luisental mit zahlreichen Vertretern aus Politik, Rat und Verwaltung sowie MitbürgerInnen

  (Fotos: Anke Degner)

 

Rede von Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld
anlässlich der Kranzniederlegung
für die Opfer der NS-Gewaltherrschaft am Mahnmal im Luisental

 

Liebe Mitbürger und Mitbürgerinnen,
meine Herren und Damen,

wir gedenken heute der mutigen Menschen, die sich vor 65 Jahren gegen den Terror der Nazis gewehrt haben, indem sie ein Attentat auf Hitler verübten.

Sie haben ihren Mut mit dem Leben bezahlt.


Ein Jahr nach dem Umsturzversuch schrieb die Journalistin und Widerstandskämpferin Marion Gräfin Dönhoff:

"Und das ist wohl auch das Letzte, was uns geblieben ist: Das Beispiel der Besten, die ihr Leben gegeben haben – nicht für die Fleischtöpfe Europas, wie Adolf Hitler es befahl – sondern für die Wiederherstellung der Ehre und Würde ihres Volkes. Denn in der Geschichte ist nicht nur der Erfolg entscheidend, sondern der Geist, aus dem heraus gehandelt wird."

Zu diesem Zeitpunkt lag die Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus noch keine drei Monate zurück  – und jene endlose Liste unmenschlicher Verbrechen, die in den letzten Kriegsmonaten grausige Höhepunkte erreicht hatten, gelangte mehr und mehr ins öffentliche Bewusstsein...

Denn je mehr das NS-Regime seinem Untergang entgegentaumelte, desto wilder schlug es um sich:
Von Stauffenbergs Attentat aufgeschreckt, versuchten die Nazis im Herbst 1944 durch Massenverhaftungen jede Opposition im Keim zu ersticken...

Ab Februar 1945 wurde der Massenmord noch ausgedehnt, indem auch rangniedrige NS-Leute standrechtliche Exekutionen anordnen durften...

Ob Widerstandskämpfer oder KZ-Häftlinge – niemanden wollten die Nationalsozialisten freigeben, so viele wie möglich wollten sie im Untergang noch mit sich reißen...

Und so wurden 1945, kurz vor der Befreiung, noch Tausende von Menschen wahllos und willkürlich gehenkt, geköpft, erschossen...

Wenn wir - wie heute – dieser Menschen gedenken, dann darf unser Gedenken vor allem eines nicht: Es darf nicht abstrakt bleiben!

Gedenken muss mit Einfühlung einhergehen und mit Erfahrung verbunden sein. Gedenken muss sich am Konkreten, am Individuellen festmachen.

So bleibt es unerlässlich, sich mit dem Handeln und den Motiven der einzelnen Männer und Frauen des Widerstandes zu beschäftigen...

Nur wenn wir uns ihr Leben und ihr Tun in der konkreten Bedrohungssituation des NS-Staates vergegenwärtigen, können wir begreifen, wie viel diese Menschen riskiert und wofür sie ihr Leben geopfert haben.

Einer dieser Menschen war Günther Smend.

Günther Smend wurde am 29. November 1912 in Trier geboren. Später siedelte seine Familie nach Berlin um, und im Jahr 1924 zogen die Smends nach Mülheim an der Ruhr.

Am Staatlichen Gymnasium, der heutigen Otto-Pankok-Schule, verbrachte Günther Smend seine Schulzeit.

Er war ein guter Sportler und ein guter Schüler. Früh entschloss er sich, nach dem Abitur die Laufbahn eines Berufsoffiziers einzuschlagen.

Im Frühjahr 1932 wurde er Offiziersanwärter und im März 1939 heiratete er Renate von Cossel... Der Beginn des Zweiten Weltkriegs sollte jedoch gleich zu einer längeren Trennung des Ehepaares führen...

1943, nach dem er die Kriegsakademie in Berlin besucht hatte, wurde Günther Smend zum Generalstab versetzt und zum Adjutanten von Generaloberst Zeitzler, dem Generalstabschef des Heeres, ernannt.

Durch sein neues Amt kam er in Kontakt mit Widerstandskreisen innerhalb des Generalstabs, erfuhr von den Attentatsplänen auf Hitler und wurde gedrängt, seinen Vorgesetzten Zeitzler zur Teilnahme an der Verschwörung zu bewegen. Dieser Versuch scheiterte:

Der Generaloberst erwies sich Hitler als ergeben.

Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli wurde diese missglückte Anwerbeaktion Günther Smend zum Verhängnis...

Am 1. August wurde er auf dem Lehrter Bahnhof in Berlin verhaftet, er kam ins Gefängnis, wurde Mitte August aus der Wehrmacht ausgestoßen und unterstand nun dem Volksgerichtshof und dessen Präsidenten Roland Freisler...


Als Mitwisser des Attentats wurde Günther Smend am 30. August zum Tode durch Erhängen verurteilt...

Die Hinrichtung erfolgte wenige Tage später am 8. September 1944 im Gefängnis Plötzensee. Er hinterließ seine Ehefrau Renate und drei Kinder.

Seit Oktober 2007 liegt - eingelassen in den Gehweg vor seinem ehemaligen Mülheimer Elternhaus, hier, in unmittelbarer Nähe, am Luisental 11 - ein Gedenkstein, ein "Stolperstein" des Kölner Künstlers Gunter Demnig.

Günther Smend wurde nur 31 Jahre alt. Nach nur fünf Ehejahren wurde seine Frau Witwe. Seine Kinder sah er nicht aufwachsen.

Wie viel hat dieser junge Mann aufgegeben! Wie viel wurde seiner Familie genommen!

Was bleibt, ist – um es mit Gräfin Dönhoffs Worten zu sagen – "der Geist, aus dem heraus gehandelt wird."

 

Wir und die nachfolgenden Generationen sind die Nachkommen der Täter, der Mitläufer und unzähligen Schweigenden...

Umso mehr (!) müssen wir uns auch als Erben derjenigen begreifen, die in gutem Geist gehandelt haben,...

die ihr Leben im Kampf gegen Barbarei und Tyrannei gaben. Auch für uns, für Humanität, Rechtsstaatlichkeit, Freiheit und  Demokratie haben sie sich geopfert.


Gedenkfeier für die Opfer der NS-Gewaltherrschaft am Mahnmal im Luisental -Kranzniederlegung
Erweisen wir uns dieser Opfer als würdig, indem wir das Ideal einer menschenwürdigen Gesellschaft immer vor Augen haben,... indem Menschenwürde, Respekt, Gerechtigkeit Freiheit und Toleranz unsere Leitbilder sind für politisches und persönliches Handeln - jetzt und in der Zukunft.

Ich danke Ihnen!

 

 

 

 

 

 

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Stand: 21.07.2009

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