Archiv-Beitrag vom 10.11.2008Kranzniederlegung im Gedenken an die Reichspogromnacht vor 70 Jahren und zur Erinnerung an die jüdischen Opfer des Nazi-Terrors

Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld legte am Sonntag, 9. November gemeinsam mit Jaques Marx, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Mülheim, Duisburg, Oberhausen, zum Gedenken an die Reichspogromnacht vor 70 Jahren und zur Erinnerung an die jüdischen Opfer des Nazi-Terrors auf dem Jüdischen Friedhof an der Gracht einen Kranz nieder. Zur Gedenkfeier kamen ebenfalls VertreterInnen der Jüdischen Gemeinde, aus Politik und Verwaltung sowie SchülerInnen und LehrerInnen der Otto-Pankok-Schule und der Hauptschule Bruchstraße.

 

Feierstunde aus Anlass des 70. Jahrestages der schändlichen Reichspogromnacht vom 9. November 1938 auf dem Jüdischen Friedhof an der Gracht. 09.11.2008 Foto: Walter Schernstein Feierstunde aus Anlass des 70. Jahrestages der schändlichen Reichspogromnacht vom 9. November 1938 auf dem Jüdischen Friedhof an der Gracht. 09.11.2008 Foto: Walter Schernstein

(Fotos: Walter Schernstein)

"Wer vergessen wird, stirbt endgültig"

Dagmar Mühlenfeld erinnerte im Rahmen der Feierstunde an die "Stolpersteine", die auch in Mülheim mahnen. Ferner dankte sie der Otto-Pankok-Schule und der Hauptschule Bruchstraße für ihren großen Einsatz. Die SchülerInnen der Otto-Pankok-Schule haben eine Ausstellung zur Reichspogromnacht in der Heinrich-Thöne-Volkshochschule initiiert, die Hauptschule Bruchstraße sorgt seit acht Jahren für einen sauberen Friedhof. Deren SchülerInnen legten einen Kranz nieder mit der Inschrift "Wer vergessen wird, stirbt endgültig".

 

Rede von Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld
zur Kranzniederlegung 
am Sonntag, 09.11.08, 16.00 Uhr,
Jüdischer Friedhof

***

Sehr geehrte VertreterInnen der Jüdischen Gemeinde,
sehr geehrte VertreterInnen aus Politik und Bürgerschaft,
liebe SchülerInnen und LehrerInnen der Otto-Pankok-Schule und der Hauptschule Bruchstraße,
sehr geehrte Herren und Damen,

ich danke Ihnen sehr, dass Sie unserer Einladung zur Kranzniederlegung im Gedenken an die Reichspogromnacht vor 70 Jahren und zur Erinnerung an die jüdischen Opfer des Nazi-Terrors gefolgt sind.

Zum 70. Mal jährt sich die Nacht, in der in ganz Deutschland Synagogen brannten... In der Schaufenster jüdischer Geschäfte von Angehörigen der SA und SS zertrümmert wurden... In der Wohnungen jüdischer BürgerInnen zerstört und die BewohnerInnen misshandelt wurden.

Hunderte Menschen wurden ermordet oder in den Tod getrieben. Zehntausende in den folgenden Tagen in Konzentrationslagern inhaftiert, wo nochmals Hunderte ermordet wurden oder an den Haftfolgen starben.

Fast alle Synagogen und viele jüdische Friedhöfe in Deutschland und Österreich wurden zerstört. Und diese vom nationalsozialistischen Regime organisierte und gelenkte Zerstörung von Leben, Eigentum und Einrichtungen der jüdischen Bevölkerung machte auch vor Mülheim an der Ruhr nicht Halt.

Dieser Akt von Barbarei und Menschenverachtung, der sich vor 70 Jahren in Deutschland und in Mülheim an der Ruhr vollzog, erfüllt uns bis heute mit Fassungslosigkeit, großer Scham und tiefer Trauer.

70 Jahre nach dem 9. November 1938 stehen wir deshalb hier auf dem Jüdischen Friedhof in Mülheim an der Ruhr an einem Mahnmal für die von den Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 ermordeten sechs Millionen Menschen jüdischen Glaubens.

Uns ist dabei bewusst, dass auch unsere Stadt Ort der Ausgrenzung, Demütigung, Misshandlung, Verfolgung und Ermordung jüdischer BürgerInnen war. Und wir müssen bekennen, dass Demokratie, Zivilcourage, Humanität und Mitmenschlichkeit in unserer Stadt nicht stark genug waren, um das zu verhindern.

Das darf uns nie wieder passieren! Deshalb ist die Erinnerung an die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die im Namen des deutschen Volkes unter der nationalsozialistischen Herrschaft verübt wurden, eine zentrale Aufgabe, die uns unsere Geschichte auferlegt hat.

Dafür müssen wir Sorge tragen. Und deshalb bin ich dem Kölner Künstler Gunter Demnig und allen beteiligten MülheimerInnen sehr dankbar, dass sie uns mit der Verlegung der Stolpersteine sichtbar und dauerhaft an die Schicksale Mülheimer Bürgerinnen erinnern, die während der  Nationalsozialistische Herrschaft ermordet wurden.

Dankbar bin ich auch den SchülerInnen der Otto-Pankok-Schule, die in den letzten Wochen im Stadtarchiv intensiv Opferbiografien nachgespürt und mit Leben gefüllt haben. Sie haben auch versucht, sich mit dem ganz normalen Alltags- und Seelenleben eines Täters auseinander zu setzen und dabei gemerkt, dass die dabei entdeckte "Banalität" des Bösen einen besonderen Eindruck – und noch mehr Unverständnis für die Tat hinterlassen hat.

Dass die SchülerInnen diese Ergebnisse heute in der Matinee "Mülheim erinnert sich. Zum Gedenken an die Reichspogromnacht" präsentiert haben, ist ein wertvoller Beitrag des Erinnerns an unsere Geschichte und der so notwendigen Erinnerungskultur in unserer Stadt.

Für mich ist es unverzichtbar, dass wir heute nicht nur der  Reichspogromnacht gedenken, sondern dass wir auch einen Blick auf die heutige politische Situation in unserer Stadt werfen.

Wenn ich erleben muss, dass in Mülheim rechte Parteien mit Ständen an öffentlichen Orten um Zuspruch und Mitglieder werben, dann bin ich schockiert und  alarmiert. Und ich mache mir Sorgen um die Bereitschaft in unserem Land, unsere Demokratie zu schützen und wenn nötig zu verteidigen.

Wir müssen uns alle von Anfang an und entschieden gegen solche Versuche stellen, unsere Gesellschaft mit rechtem Gedankengut zu unterwandern. Und wir sind alle gefordert, verbale Entgleisungen, wie sie sich z.B. unlängst Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, erlaubte, eindeutig zu entlarven und vehement zu ächten.

Keiner darf wegsehen und weghören. Und auch vermeintlich kleine Alltagsdiskriminierung müssen entschieden und mit Zivilcourage angegangen werden. Dazu möchte ich alle aufrufen! Das sind wir den Opfern der nationalistischen Terrorherrschaft  schuldig.

Wir müssen aus unserer Geschichte lernen und Gelerntes auffrischen, sonst sind wir, wie Hannah Arendt sinngemäß sagte, verdammt, sie zu wiederholen.
 
Wir verneigen uns nun vor den Toten und gedenken der Jüdischen Mitbürgerinnen, die durch das Terrorregime der Nazis ermordet wurden.

 

Kontakt


Stand: 11.11.2008

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