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migration-geschichte.de: Libyen: Blutig zur Selbstbestimmung
Mahmud-Sami Saadawia, libyscher Doktorand an der Uni Duisburg/Essen, hier in Mülheim an der Ruhr im Gespräch über sein Land

Libyen: Blutig zur Selbstbestimmung

-Noch bis vor einigen Monaten war es weltweit gängig zu behaupten, die einzige Demokratie im Nahen Osten und in Nordafrika, sei Israel (1). Nach dem Umsturz in Tunesien und der Revolution in Ägypten ändert sich das Bild. Seit der Ex-Diktator Ben Ali nicht mehr an der Macht ist und Mubarak zurücktrat und sich nun irgendwo versteckt hält, entwickeln sich direkt gegenüber Italiens und im Land am Nil demokratische Strukturen, alles dort ist während des Umbruchs halbwegs friedlich verlaufen. Brennpunkt der Freiheitsbewegungen ist nun Libyen. Der Funke Freiheit hat auch dieses Land in Bewegung gebracht und mittlerweile brennt es fürchterlich. Mehr als 2.000 Menschen wurden bisher getötet, genaue Zahlen gibt es nicht, der Despot Gaddafi setzt schwerste Geschütze und Flugzeuge gegen sein eigenes Volk ein. Er will „bis zum letzten Blutstropfen“ um seine Macht kämpfen – für uns Deutsche seltsam bekannte Worte. Die Spur, die er hinterlässt ist blutig und die Menschen sind wütend (2). Aus aktuellem Anlass hat der VHS-Arbeitskreis Migration & Geschichte ein Interview mit dem Libyer Mahmud-Sami Saadawia geführt. „Wir wollen endlich unsere Zukunft selbst gestalten, wir wollen Demokratie“, sagt er.

Migration & Geschichte: Gibt es „die Libyer“ eigentlich wirklich oder müssen wir das Land eher als Heimat unterschiedlicher, halbwegs autonomer Volksgruppen verstehen?

Mahmud-Sami Saadawia: Wir sind Libyer, wir sind eine Einheit und gehören zueinander. Wir sind fast alle Muslime. Wir sind vor allem Araber. Es gibt auch Berber, Tuareg und Tabu, die in Stammesgruppen leben, aber sie sind jetzt alle gegen Gaddafi. Gaddafi versucht nun, diese Volksstämme gegeneinander auszuspielen und versteht das als seine letzte Chance, doch an der Macht zu bleiben. Wir waren früher nie zusammen gegen ihn, wie in diesen Tagen. Wir fühlen uns einfach als Libyer, das ist unsere Heimat.

Migration & Geschichte: Was machen Sie hier in Deutschland?

Mahmud-Sami Saadawia: Nachdem ich schon vor Jahren hier in Deutschland an der Universität Duisburg/Essen meinen Master in Maschinenbau gemacht habe, schreibe ich gerade an meiner Doktorarbeit. Ich habe mir Deutschland und das Ruhrgebiet ausgesucht, weil hier die Ausbildung sehr gut ist.

Migration & Geschichte: Wie geht es Ihnen gerade?

Mahmud-Sami Saadawia: Nicht gut. Ich habe in den letzen Wochen sehr schlecht geschlafen. Letztens hat mich mein Bruder angerufen, er ist Arzt, er hat am Telefon geweint. „Hier kommt gerade ein Auto mit sechs oder sieben Toten darauf vorbeigefahren. Es ist schrecklich.“ Ich bin aber froh, dass ich hier im Gespräch auf unser Land aufmerksam machen kann.

Migration & Geschichte: Dürfen wir gleich ein Foto von Ihnen machen, müssen wir das Interview anonym führen?

Mahmud-Sami Saadawia: Das ist in Ordnung. Ich gehöre zu dem Volk, den Menschen, die in meiner Heimat aktiv für Freiheit kämpfen und dort Angst haben müssten, wenn sie sich kritisch äußern. Ich bin gegen Gaddafi und habe nichts zu verbergen.

Migration & Geschichte: Wir haben früher nicht viel von einer Opposition und von Demokratiebewegungen in Libyen gehört. Täuscht das Bild?

Mahmud-Sami Saadawia: Ja, das ist ein falsches Bild. Es wird vor allem überdeckt vom Auftreten Gaddafis, der sich seine Freundschaft mit dem Westen und auch mit Russland und China erkauft hat. Besonders zu Italien und Berlusconi war die Abhängigkeit sehr groß. Fast vergessen scheinen schon die Terroranschläge mit dem Absturz des Flugzeuges bei Lockerbie und auf die Diskothek „La Belle“ in Berlin, also hier in Deutschland. Der Terror von Gaddafi hat lange Arme. Am 17. Februar 2006 zum Beispiel gab es schon Freiheitsbestrebungen in Bengasi. Das wurde von der Militärdiktatur niedergemetzelt, Ergebnis waren 15 Tote. Nach Unruhen in Buslim-Gefängnis wurden 1996 mehr als 1.200 politische Gefangene kaltblütig in weniger als einer Stunde getötet. Und auch schon viel früher, seit den 1970er Jahren, gab es immer wieder Bestrebungen, die sich gegen Gaddafi richteten. Er hat nach seiner Revolte 1969 eine Militärdiktatur errichtet. Ich bin übrigens im gleichen Jahr zur Welt gekommen, ich kenne also mit 42 Jahren nichts anderes, als diese Diktatur.

Migration & Geschichte: Was ist seit Februar 2011 geschehen?

Mahmud-Sami Saadawia: Die Ereignisse in Tunesien und Ägypten, unsere direkten Nachbarländer, haben den Libyern gezeigt, der Kampf um Freiheit ist möglich, Demokratie muss kein Wunschtraum sein. Am 15. Februar wurde zu ersten Demonstrationen aufgerufen, am 17. hat sich der Kampf dann sichtbar formiert. Die Leute waren friedlich, alles hat ruhig begonnen, bis dann Gaddafi geschossen hat. Es gab Inhaftierungen, Folter und Mord. Ein Freund von mir ist verhaftet worden. Es waren vor allem die Jüngeren, die Motor der Freiheitsbewegung waren.

Migration & Geschichte: Was ist mit Ihrer Familie, mit Ihren Freunden in Libyen?

Mahmud-Sami Saadawia: Gott sei Dank wohnt meine Familie in Bengasi, im Osten, dieser Teil Libyens ist seit vielen Tagen fest in der Hand der Freiheitskämpfer. Aber die Ruhe täuscht. Gerade eben ist dort möglicherweise ein Auto, voll beladen mit Sprengstoff, im Waffenlager explodiert, es gab viele Tote. Das war das Werk Gaddafis. Meiner Information nach ist das Land, außer der Hauptstadt Tripolis, Sirt (AdR: auch Surt) – von dort kommt Gaddafi – und Sabha, mitten im Land, in den Händen der Demokratiebewegung. Aber das muss nichts heißen, die Gefahr ist groß, die Diktatur hat jede Menge Waffen, es kann Fürchterliches passieren.

Migration & Geschichte: Wird sich Gaddafi als Diktator halten?

Mahmud-Sami Saadawia: Zu Beginn der Revolutionen in Tunesien und Ägypten hat Gaddafi versucht, die Menschen mit Geld, Geschenken und Häusern zu kaufen. Wohl wissend, dass der Funke Freiheit auch auf Libyen überspringen könnte. Aber die Menschen wollen keine Geschenke, sie wollen in Freiheit ihre Zukunft selbst gestalten. Es gibt viel Hoffnung, das treibt die Menschen an. Wenn Gaddafi das Geld ausgeht – er ist allerdings unermesslich reich – dann könnte das Morden aufhören. Es gibt zweierlei Militär in Libyen, nur der kleinere Teil ist im Moment allerdings auf der Seite der Freiheitsbewegung. Und Gaddafi hat Söldner von überall her gekauft. Er hat ausländische Soldaten aus Afrika. Es ist das Volk, das kämpft, auf der anderen Seite stehen nur die, die von Gaddafi gekauft sind. Ich habe mit einem Ingenieur aus Tunesien gesprochen. Er hatte den Plan, in Deutschland zu leben, aber nach der „Freiheit“ hat mir gesagt: „Mein Land braucht mich. Ich werde direkt nach dem Studium zurück in meine Heimat.“ Also, mit Freiheit schmeckt die Heimat ganz anderes.

Interview: Klaus Wichmann, Mülheim an der Ruhr, 5. März 2011

(1) Anmerkung von Mahmud-Sami Saadawia: In Israel (Grenze 1948), gibt es 1,4 Millionen Araber, die als zweite Klasse-Bürger behandelt werden.

(2) Von Mahmud-Sami Saadawia empfohlene Internetauftritte zur Situation in Libyen:

http://ntclibya.org/english/
http://libyafeb17.com
http://english.aljazeera.net/indepth/spotlight/libya/


Zur Person: Mahmud-Sami Saadawia, 42 Jahre, verheiratet. Geboren in Bengasi, zweitgrößte Stadt in Libyen, ca. 1 Millionen Einwohner, Hafenstadt am Mittelmeer. Er kam 2003 nach Deutschland, hat an der Universität Duisburg/Essen Maschinenbau studiert und seinen Master gemacht. Zwischendurch war er in seiner Heimat, ist seit 2007 wieder hier, um seine Doktorarbeit zu schreiben.

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Leptis Magna, hier der Marktplatz, antike Stadt in der Nähe von Tripolis am Mittelmeer. Dort lebten im Altertum bis zu 100.000 Menschen. 1982 zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt.

Libyen (Kurzinformation): de_jure, de facto eine Militärdiktatur unter Muammar al-Gaddafi. Einwohnerzahl: 6.461.454, das ist nur etwas mehr als das Ruhrgebiet hat. Libyen hat ca. die vierfache Größe von Deutschland. Weltweit einer der größten Öllieferanten. Geschichte: Nach der Zerstörung Karthagos 146 v. Chr. geriet Tripolitanien (AdR: das Land um Tripolis) unter römische Herrschaft. Im 16. Jahrhundert wurde Libyen von den Osmanen erobert. Italienische Kolonie nach dem italienisch-türkischen Krieg 1911/12. 1951 wurde Libyen in die Unabhängigkeit entlassen mit dem Oberhaupt Sidi Muhammad Idris al-Mahdi al-Senussi als König, konstitutionelle Monarchie. September 1969, Sturz der Monarchie durch das Militär, unter Anführung von Oberst Muammar al-Gaddafi. (Quelle: Wikipedia)

migration-geschichte.de: Libyen: Blutig zur Selbstbestimmung

Redaktion: Klaus Wichmann

Portraits: Klaus Wichmann. Quellen andere Bilder: Karte Volksgruppen, CIA map, traced by xyzzyn, Wikipedia; Foto Leptis Magna, Robert Bamler, Wikipedia

Migration & Geschichte: Lesen-Icon für Buchempfehlungen. Mahmud-Sami Saadawia hat für seine Fakultät an der Universität Duisburg/Essen eine Präsentation über sein Land Libyen hergestellt: Download (PDF, 16,4 MB)

Lesen Sie auch die Beiträge:

- Ägypten: Endlich Freiheit
- Tunesien: Alte Kultur, neuer Anfang


Kontakt: vhs@muelheim-ruhr.de
kw@wichmann-kommunikation.de
http://www.kulturbetrieb.de
http://vhs.muelheim-ruhr.de
Das Projekt Migration & Geschichte
wurde durch die Leonhard-Stinnes-
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Stand: 05.03.2012

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