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Das Gesicht der Migration in Mülheim an der Ruhr zeigen

migration-geschichte.de: Mehmets Rede: Vor der Einbürgerungsbeamtin
Karikatur aus der türkischen Tageszeitung Milliyet, entnommen der Ausländerinformation „treffpunkt MH“, VHS Mülheim, 1976

Mehmets Rede: Vor der Einbürgerungsbeamtin

Vor siebenundzwanzig Jahren kam ich nach Deutschland ... Ich spreche nicht besonders gut Deutsch. Es ist aber normal. Es gab keinen Deutschkurs neunhundert Meter unter Tage im Ruhrgebiet, um „richtig“ Deutsch zu lernen.

Als ich auf den Werften von Harnburg bis zur Taille im Wasser Grundschweißen an den Schiffen machte, hat man keinen Deutschkurs angeboten. Wenn Sie in Stuttgart am Fließband arbeiten und auf dem Band Autos laufen, können Sie nicht Deutsch lernen, sondern bemühen sich nur, im Akkord zu arbeiten.

Sagen Sie mir nie „Sie hätten aber nach Feierabend lernen können“ ... Wenn man den ganzen Tag unter der Erde Kohlen herausholt, wenn man bis zur Taille im Wasser schweißt und wenn man sich bemüht, die unbarmherzige Geschwindigkeit der Fließbänder einzuhalten, möchte man nach der Arbeit nur etwas essen und schlafen ...

Sie fallen wie ein Stein ins Bett. Sie werden jeden Tag noch etwas erschöpfter wach ...

Seit siebenundzwanzig Jahren habe ich die Kohlen dieses Landes herausgeholt, an den Schiffen geschweißt, und Autos produziert. Was die Meister und Vorarbeiter mir gesagt haben, habe ich verstanden und erfüllt. Also, ich kann die Sprache dieses Landes, wie sie von mir verlangt wird und wie ich sie brauche. Ich habe siebenundzwanzig Jahre lang Steuern bezahlt. Ich kenne die Adresse vom Sozialamt nicht, weil ich arbeitete und sie nicht benötigte.

Ich kam in einer Zeit, in der dieses Land auf Grund des Krieges noch sehr tiefe und frische Wunden zu heilen hatte. Nun ist dieses Land reich. Sogar sehr reich.

Es beruht auf meinem Fleiß, auf meinem Können und auf meinem unermüdlichen Arbeiten! Ich habe mitgewirkt, mit daran teilgenommen und es mit aufgebaut.

In diesem Land habe ich ein ganzes Leben verbracht. Es wurde zu meiner Heimat. Wenn dieses Land uns das Recht auf Einbürgerung nicht erteilt, nur weil wir nicht genug Deutschkenntnisse haben und die deutsche Sprache nicht ausreichend beherrschen, so wie die, die die deutschen Schulen besuchen, bin ich auf jeden Fall nicht derjenige, der sich schämen sollte. Wer sich im eigentlichen Sinne wirklich schämen muss, diese Frage überlasse ich Ihnen.

Monolog aus dem Theaterstück: „Grüß Gott, Mehrnet“, von Aydin Engin.

Das türkisch-deutsche Stück wurde uraufgeführt vom Theater „ulüm“, Türkisches Theater Ulm/Neu-Ulm, das Entstehungsjahr ist der Redaktion nicht bekannt.

Übernahme ins Internet: Klaus Wichmann, Mülheim an der Ruhr, im April 2010


Kontakt: vhs@muelheim-ruhr.de
kw@wichmann-kommunikation.de
http://www.kulturbetrieb.de
http://vhs.muelheim-ruhr.de
Das Projekt Migration & Geschichte
wurde durch die Leonhard-Stinnes-
Stiftung gefördert.

Impressum
Stand: 18.04.2011

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