Migration · Integration · Interkulturelles Leben
Das Gesicht der Migration in Mülheim an der Ruhr zeigen

Migration & Geschichte: Jüdische Migration aus der UdSSR
Frederik Grinberg als Junge auf seinem Ausweis während der Internierung im Ghetto von Tschernowitz

Mein Leben im Ghetto und auf dem okkupierten Territorium

Vor dem Krieg wohnte ich zusammen mit meinen Eltern in der Stadt Tschernowitz (1) in der Krasnoarmejskajastraße. Als die Deutschen kamen, ordnete man an, dass wir unser Haus verlassen und in das Ghetto (2), das in der Nähe der Straße des Schalom Alejchem und der Wolgogradskajastraße umziehen. Dieser Umzug wurde von den Besatzungsbehörden organisiert. Dies fand am 11. Oktober 1941 statt. Wir und noch zwei Familien mussten in einem dunklen, windigen Hauseingang wohnen. Wir hatten keine Bettwäsche und keine Haushaltsgegenstände. Meine Eltern konnten nur mit viel Mühe etwas Geld zum Überleben verdienen.

Wir lebten in ständiger Angst um unser Leben. Jeden Tag verschwand jemand von unseren Bekannten. Die Juden wurden verprügelt, kriegten nichts zu Essen. Wir durften nicht auf dem Bürgersteig gehen, nur auf der Straße und nur mit einem Kennzeichen – dem Davidstern – auf der Kleidung. Wegen anstrengender Straßenarbeiten wurde mein Vater schwer krank. Er hatte Blutungen aus dem Magengeschwür. Ich bekam Skrofulose (Tuberkulose der Halsnymphdrüsen). Meine Mutter kämpfte allein um das Überleben unserer Familie während sie an Zwangsarbeiten teilnahm.

Migration & Geschichte: Mein Leben im Ghetto und auf dem okkupierten Territorium
Die Mutter von Frederik Grinberg

Im Frühling 1942 wurde angeordnet, das Ghetto zu liquidieren. Wie mir meine Mutter später erzählte, gab es an dem Tag, an dem wir freigelassen wurden, einen Schneeregen. Wir mussten vier oder fünf Stunden vor dem Ghettoausgang darauf warten, dass man uns hinausgehen ließ, obwohl wir eine ausdrückliche Erlaubnis dazu hatten. Wir wurden soviel als nur möglich gepeinigt. Die überlebenden Juden durften in ihre Wohnungen zurückkehren. Unsere Wohnung jedoch war, als wir zurückkamen, schon von einem rumänischen Offizier besetzt. Er ließ uns nicht herein. So mussten wir in fremden Kellern und Dachgeschossen wohnen. Währenddessen ging das schreckliche Leben auf dem okkupierten Territorium weiter. Auf der Brust und auf den Ärmeln aller Juden musste, deutlich sichtbar, ein gelber sechszackiger Stern drauf genäht werden. Wie oft konnte man Einheimische auf der Straße Juden verprügeln sehen. Wir durften nur zu ganz bestimmten Zeiten aus dem Haus gehen. Einmal ging meine Mutter fünf Minuten zu früh raus. Sie wurde von einem Siguranzenagenten angehalten und musste ihm die Schweizer Uhr meines Vaters abgeben. Diese Uhr wollte sie gegen Lebensmittel tauschen. Dennoch waren wir froh, dass ihr nichts weiter passiert ist. Für dieses „Verbrechen“ konnte man damals sogar nach Transnistrija (3) abtransportiert werden.

Migration & Geschichte: Mein Leben im Ghetto und auf dem okkupierten Territorium
Der Vater von Frederik Grinberg

Ab dem Frühling 1942 begann man wieder, die Juden, die das Ghetto überlebt hatten, nach speziell dafür angefertigten Listen, in Konzentrationslager nach Transnistrija (zwischen den Flüssen Dnjestr und Bug, nördlich von Odessa) abzutransportieren. Dies fand immer in der Nacht von Samstag auf Sonntag statt. Am Morgen darauf freuten wir uns, dass wir noch eine weitere Woche leben durften.

Im Juni 1942 warnten ein paar unserer rumänischen Bekannten meinen Vater, dass wir bald verhaftet und aus der Wohnung weggeführt werden sollten. Einer von ihnen, Aurel Lupaschku, versteckte uns in seiner Scheune in der Storoschenezkajastraße. Dort wohnten wir etwa sieben Wochen lang. Man schloss uns von außen ab, damit uns niemand sehen oder hören konnte. Abends brachte man uns etwas zum Essen. Aber es war zu gefährlich, immer an einem Ort wohnen zu bleiben, also mussten wir weiterhin in fremden Kellern, Scheunen und Dachgeschossen in ständiger Angst leben.

Unsere alten Nachbarn, Kiriljuk und Mararasch, bemitleideten uns und halfen uns soviel als sie konnten: Sie brachten uns Essen, Kleidung und Arzneimittel, obwohl das ein großes Risiko war.

Wir hatten Angst, dass uns die Deutschen vor ihrem Abmarsch umbringen könnten. Im Frühling 1944 gab es sehr viele von ihnen in Tschernowitz. So lebten wir also auf dem okkupierten Territorium in Angst und Leiden, bis die Stadt Ende März 1944 durch die sowjetische Armee von den Deutschen befreit wurde.

Migration & Geschichte: Mein Leben im Ghetto und auf dem okkupierten Territorium
Die Großmutter von Frederik Grinberg

 

Migration & Geschichte: Mein Leben im Ghetto und auf dem okkupierten Territorium
Frederik Grinberg (in der Mitte, mit Bart) in Mülheim an der Ruhr, als Mitglied des Ältestenrates der Stadt

Erst dann, nach langen Herumtreibungen und Verfolgungen, konnten wir in unsere ausgeraubte Wohnung zurückkehren und langsam den normalen Lebensrhythmus wieder aufnehmen.

Trotzdem stehen mir sogar heute noch die schrecklichen Bilder aus dem Ghetto vor den Augen. Der Hunger, die Angst und die Kälte, die ich damals, im Kindheitsalter, erlebt habe, sind für immer in meiner Erinnerung geblieben. Meine Gesundheit hat sich damals verschlechtert. Ich war oft erkältet, bekam chronische Bronchitis und chronischen Nephrit. Dies führte zu frühem Hochblutdruck und zu Diabetes, die sich im Laufe der letzten Jahren stark verschlechtert haben.

Frederik Grinberg, Mülheim an der Ruhr, im September 2009


Anmerkungen der Redaktion

Frederik Grinberg kam 1995 nach Mülheim an der Ruhr

Migration & Geschichte: Mein Leben im Ghetto und auf dem okkupierten Territorium
Erzbischöfliche Residenz um 1899 in Czernowitz (Bildquelle: Xylographie von Rudolf Bernt, Lysippos 19:51, 25. Mai 2008, CEST, Wikipedia)

(1) Czernowitz (bzw. Tschernowitz) ist die Hauptstadt der Oblast Tscherniwzi und die traditionelle Hauptstadt der Bukowina im Karpatenvorland, hauptsächlich am rechten Ufer des Flusses Pruth. Sie liegt in der westlichen Ukraine (Quelle: Wikipedia). Aus Tschernowitz stammen die bedeutenden deutschsprachigen jüdischen Lyriker Paul Celan, Rose Ausländer und Selma Meerbaum-Eisinger; letztere wurde Opfer der Shoa.

Migration & Geschichte: Mein Leben im Ghetto und auf dem okkupierten Territorium
Das Ghetto in Venedig (Foto: Andreas56 - 21-10-2005, Wikipedia)

(2) Ghetto: a) Insel in Venedig, auf der die jüdische Bevölkerung leben musste. Namensgeberin aller Ghettos. b) Ghetto, ein Stadtviertel, in dem eine bestimmte, früher meist jüdische, Bevölkerungsgruppe lebt(e) bzw. zu leben gezwungen war. c) Ghetto, von deutschen Behörden während der Nazidiktatur eingerichteter „Jüdische Wohnbezirk“ (Quelle: Wikipedia).

Migration & Geschichte: Mein Leben im Ghetto und auf dem okkupierten Territorium
Ion Victor Antonescu (* 15. Juni 1882 in Piteşti; † 1. Juni 1946 durch Hinrichtung im Gefängnis Jilava bei Bukarest) war Generalstabschef des Heeres und diktatorisch regierender Ministerpräsident Rumäniens unter den Nazis. (Textquelle: Wikipedia; Bildquelle: Dr. Radu Mihai Crisan)

(3) Transnistrija: Nach der Besetzung Transnistrias durch Rumänien und das Deutsche Reich im August 1941 wurden in das Gebiet Juden vertrieben. Sie stammten vor allem aus Bessarabien und der Bukowina und waren auf Befehl von Ion Antonescu ausgewiesen worden. Die Deportationen begannen am 15. September 1941 und dauerten bis in den Herbst 1942. Die meisten Juden, die die Massaker in Bessarabien und der Bukowina überlebt hatten, wurden in Todesmärschen hierher getrieben und interniert. Die Zahl der Deportierten betrug wohl um die 150.000, obwohl nach deutschen Quellen 185.000 Personen deportiert wurden. Am 13. Oktober 1942 brachen die Rumänen die Deportationen ab. Die Betroffenen wurden etwa 100 Orten zugewiesen, wo man sie in eigenen Wohnbereichen oder Lagern ghettoisierte und einer Arbeitspflicht unterzog. Einige Lager trugen die Bezeichnung Todeslager, wobei am bekanntesten das Lager Bogdanowka war (Textquelle: Wikipedia).

Redaktion: Prof. Herbert Kaiser/Klaus Wichmann, Mülheim an der Ruhr, im Januar 2010

 

 

 


Edgar Hauster liefert hier eine Ergänzung zum Beitrag „Mein Leben im Ghetto... “

Der Vater von Frederik Grinberg, Isak Iakob Grünberg, und mein Großvater, Elias Hauster, beide Absolventen Wiener Hochschulen, waren Kollegen im Rathaus von Czernowitz, der ehemaligen Hauptstadt der Bukowina. Dies habe ich anhand meiner Unterlagen aus dem Jahr 1936 rekonstruieren können und es steht für mich außer Frage, dass sie sich persönlich gekannt haben müssen. Beiden ist es auf die gleiche Weise gelungen, der Deportation und Vernichtung in den Lagern von Transnistrien zu entgehen. Mit einer Unabkömmlichkeitsbescheinigung des damaligen Bürgermeisters von Czernowitz, Traian Popovici, einem Rumänen, konnten sie die Kriegsjahre in der Stadt – mehr schlecht als recht und in ständiger Angst – überleben. Traian Popovici hat sich mit seiner Praxis gegen den diktatorisch regierenden Hitler-Verbündeten Ion Antonescu gestellt und damit rund 20.000 Juden vor dem wahrscheinlichen Tod gerettet. Er ist nach Kriegsende von Yad Vashem in Jerusalem als Gerechter unter den Völkern geehrt worden und im letzten Jahr wurde auf Initiative und finanziert durch unsere Gruppe von über 350 Forschern und Genealogen aus aller Welt eine Gedenktafel zu Ehren von Traian Popovici in Czernowitz angebracht.

migration-geschichte.de: Mein Leben im Ghetto...
Elias Hauster (1878-1949), mein Großvater, der als Baurat im Rathaus von Czernowitz tätig war; zur gleichen Zeit war dort auch Isak Iacob Grünberg, der Vater von Frederik Grinberg, beschäftigt und als stellvertretender Büroleiter für die Wasserwerke zuständig. Rathaus von Czernowitz vor 1919, d. h. unter österreichisch/ungarischer Regierung, und heute.

 

migration-geschichte.de: Mein Leben im Ghetto...
Traian Popovici, geehrt bei Yad Vashem, Jerusalem, als Gerechter unter den Völkern. Gedenktafel zu Ehren von Traian Popovici, angebracht in Czernowitz im Jahr 2009.

Edgar Hauster, Mülheim an der Ruhr, im Januar 2010

Weitere wichtige Informationen, die Edgar Hauster zur Verfügung stellt:

http://czernowitz.blogspot.com

http://radauti.blogspot.com

http://rohatyn.blogspot.com

http://wiesel-kommission.blogspot.com

(Wiesel-Kommission ist der gebräuchliche Name für die Internationale Kommission zur Erforschung des Holocaust in Rumänien)


Kontakt: vhs@muelheim-ruhr.de
kw@wichmann-kommunikation.de
http://www.kulturbetrieb.de
http://vhs.muelheim-ruhr.de
Das Projekt Migration & Geschichte
wird durch die Leonhard-Stinnes-
Stiftung gefördert.

Impressum
Stand: 27.01.2011

[schließen]

Fehler melden

Sie haben einen Fehler gefunden? Bitte teilen Sie ihn uns mit. Ein Redakteur wird sich umgehend darum kümmern.

Ihre Nachricht

Sicherheitscode (Was ist das?)

 

Bookmarken | Drucken | PDF-Version | RSS-Feed | Fehler melden

Transparenter Pixel