Migration · Integration · Interkulturelles Leben
Das Gesicht der Migration in Mülheim an der Ruhr zeigen

Migration & Geschichte: Mein Opa Keko/Familie Firat
Die Familie Firat, v.l.: Mein Onkel Binali Firat, meine Mutter Ipek Firat, meine Oma Sakine Firat, auf dem Schoß: meine Tante Hatice Cetin, mein Opa Keko Firat, auf dem Schoß: meine Tante Hanim Bektas, mein Vater Ali Firat

Mein Opa Keko

Mein Opa Keko ist die Schlüsselfigur im Leben meiner Familie gewesen! Dieser Mann, der nie das Lesen erlernt und sich ohne die deutsche Sprache 40 Jahre in Deutschland durchgekämpft hatte, beeinflusste nicht nur mein Leben, sondern auch das Leben meiner Eltern, meines Bruders, meines Onkels, meiner Tanten und natürlich ihrer Kinder auf bedeutende Weise. Wo wären wir eigentlich heute, wenn sich mein Opa zu Beginn der 70er Jahre nicht für Deutschland entschieden hätte? Diese Frage beschäftigt mich seit Jahren.

Obwohl mein Opa Keko 1972 nach Deutschland und 1974 nach Mülheim an der Ruhr kam, blieb er in seiner knapp 40jährigen Deutschland-Vergangenheit immer der ewige Gastarbeiter. Auch bis zu seinem Tod im November 2006.

Doch er war nicht immer Gastarbeiter. Geboren 1921 in Erzincan, Türkei, wuchs er als Kind einer einfachen, kinderreichen Familie auf. Recht früh verlor er seine Mutter und wuchs mit einer netten Stiefmutter und seinem Vater auf. Der Gedanke nach Deutschland auszuwandern, kam ihm früh in den Sinn. In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, waren die finanziellen Gegebenheiten nicht ausreichend, um eine Reise nach Deutschland zu finanzieren. Auf Pump kaufte er sich schließlich das Ticket, das sein und unser Leben verändern sollte.

In Deutschland angekommen, fing er zunächst in Wetzlar und Frankfurt an zu arbeiten. Nach nur einem Jahr entschied er sich seinen ältesten Sohn, meinen Vater, nach Deutschland zu holen. Kurze Zeit später reisten meine Oma, meine Mutter und mein Onkel ebenfalls nach Mülheim an der Ruhr ein. Mein Opa hat bis zu seinem Rentenalter in den Stahlwerken bei Thyssen gearbeitet. Mein Vater hingegen hatte verschiedene Arbeitgeber und landete schließlich im Stahlgewerbe, bei den Mannesmann Röhrenwerken.

Das Leben der Männer drehte sich ums Arbeiten und Geld verdienen. Das der Frauen auf den Haushalt und die Familie. Wobei meine Mutter ein wenig aus der Reihe tanzte und ebenfalls recht früh anfing zu arbeiten.

Migration & Geschichte: Mein Opa Keko/Familie Firat
Passfoto: Mein Opa Anfang der 80er Jahre. Aktuelles Foto: Mein Opa im Jahr 2005

Doch mein Opa Keko war ein glücklicher Mensch. Er hatte ein bescheidenes, aber mit reichlich Familienglück gesegnetes Leben. Er wurde geehrt und geliebt. Doch ein Leid vereinte ihn und die anderen ehemaligen Gastarbeiter: Er war gezwungen, in jungen Jahren seinem Dorf und seiner Familie den Rücken zu zukehren, um in der Fremde die Existenz seiner eigenen Familie zu sichern. Von diesem Zeitpunkt wurde sein Leben durch harte Arbeit bestimmt, wobei die Umstände hierfür mehr als verachtenswürdig waren: schwere Arbeit war das Hauptbetätigungsfeld. Gesundheitliche Beschwerden waren die unvermeidbare Folge!

Viele ältere Menschen haben durch Deutschland die finanziellen Hürden gemeistert und sich Häuser und mehr geleistet. Ihren Kindern konnten sie ein besseres Leben bieten, doch an ihnen selber lief das schöne Leben im Eiltempo vorbei. Gegenwärtig sind die meisten der ehemaligen Gastarbeiter aus der ersten Generation Rentner, doch der Genuss des wohlverdienten Ruhestandes bleibt ihnen verwehrt. Ihren Alltag bestimmen immer mehr die Besuche bei Ärzten oder Aufenthalte in Krankenhäusern. Ihrem Streben nach Glück für ihre Nachkommen mussten sie selbst gesundheitlich Tribut zollen.

Aber Unzufriedenheit kann man in den Augen dieser aufopferungswilligen und großherzigen Menschen nicht erkennen. Ihr bedingungsloses Ziel war klar: den kommenden Generationen die Weichen für ein besseres Leben zu legen. Ihre Nachkommenschaften führen nun ein europäisches Leben. Heute beherrschen sie unter anderem viele Sprachen, sind erwerbstätig in oft leitenden Positionen oder Akademiker.

Doch haben wir uns jemals bedankt? Ich kann für mich persönlich diese Frage mit einem "Ja" beantworten, denn eine Woche vor seinem Tod, dankte ich meinem Opa Keko für seinen Mut nach Deutschland zu kommen, seiner Liebe, seinem Streben nach unserem Glück und seine Herzensgüte, womit er sich zu Lebzeiten stets Freunde machte. Er war und ist für mich ein besonderer Mann. Ein Mann, der mit stoischer Ruhe und festem Charakter unerschütterlich wirkte im Bemühen seine Ziele zu erreichen. Doch er war nicht nur mein Opa, er war ein guter Freund, ein guter Mensch, den ich sehr vermisse!

Danke Opa!

Bülent Firat, Mülheim an der Ruhr, im Juni 2007/Klaus Wichmann, Juli 2008

(Bildquelle: Privat)


 

Türken in Deutschland

Etwa 2,5 Millionen türkischstämmige Menschen leben in der Bundesrepublik. Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat im Jahr 2002 untersucht, wie zufrieden sie mit ihrem Leben in Deutschland sind. Es wurden 326 Türken zu den Aspekten Lebensqualität, Zukunftserwartung und Integration befragt.

Das Fazit der Wissenschaftler fiel erfreulich aus: Die meisten Türken sind mit ihrer persönlichen Lebenssituation zufrieden. Sie blicken zuversichtlich in die Zukunft. Etwa 80 Prozent der Befragten erwarten, dass es ihre Kinder einmal weiter bringen als sie selbst. Trotzdem fühlt sich ein Großteil als Bürger zweiter Klasse. Was sagt das aus? Die türkischen Einwanderer haben sich in Deutschland etabliert. Wollten anfangs viele noch in ihre Heimat zurückgehen, haben sie sich im Laufe der Jahre in der „zweiten Heimat“ eingerichtet. Immer mehr Einwandererkinder gehen auf die Universität, gründen Firmen oder verheiraten sich mit Deutschen. Die beiden Kulturen wachsen zusammen.

Aber es gibt auch noch viel Trennendes. Ältere Türken, die seit Jahren in Deutschland leben, haben immer noch Probleme mit der Sprache. Das betrifft besonders diejenigen Frauen, die nicht berufstätig sind und kaum Kontakt mit Deutschen haben. Integrationsprobleme gibt es auch bei den Kindern in der Schule. Die Pisa-Studie hat herausgefunden, dass ausländische Kinder schlechtere Chancen auf eine gute Ausbildung haben als deutsche. Bildungsexperten sind sich einig, dass Immigranten schon im Vorschulalter besser gefördert werden müssen, damit sie später nicht ins berufliche Abseits geraten. (Quelle: Planet Wissen, WDR, SWR, BRalpha; Autorin: Andrea Oster; Redaktion: Manfred Höffken; Stand vom 07.03.2008)


Kontakt: vhs@muelheim-ruhr.de
kw@wichmann-kommunikation.de
http://www.kulturbetrieb.de
http://vhs.muelheim-ruhr.de
Das Projekt Migration & Geschichte
wurde durch die Leonhard-Stinnes-
Stiftung gefördert.

Impressum
Stand: 30.07.2010

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