Migration · Integration · Interkulturelles Leben
Das Gesicht der Migration in Mülheim an der Ruhr zeigen

migration-geschichte.de: Migration und Entwicklung: Wie könnte man die Diasporagemeinden stärker in die Entwicklungspolitik integrieren?
Die Mülheimerin Gilberte Raymonde Driesen macht sich stark im entwicklungspolitischen Schulaustauschprogramm ENSA

Migration und Entwicklung: Wie könnte man die Diasporagemeinden stärker in die Entwicklungspolitik integrieren?

In den letzten 20 Jahren haben die Vereinten Nationen und zahlreiche andere Organisationen ein beträchtliches Interesse an dem Zusammenhang zwischen Migration und Entwicklung, nicht nur in den Einwanderungsländern, sondern auch in den Herkunftsländern gezeigt.

Fakt ist, wenn die Migration besser verwaltet würde, könnten alle beteiligten Länder davon profitieren. Einer der Vorteile der Einwanderungsländer ist, dass die Migration den Mangel an Arbeitskraft – qualifiziert oder nicht – vermindert. Demgegenüber ist der Geldtransfer einer der am meisten genannten Vorteile der Herkunftsländer.

Migration als Bewegung von Kompetenzen hat viele Vorteile. Die Abwanderung ohne Wiederkehr von Wissenschaftlern und anderen hoch qualifizierten Migrantinnen und Migranten ist jedoch ein problematisches Phänomen.

Seit Sarkozy an der Macht ist, hat Frankreich seine Migrationspolitik in eine zielgerichtete „l´immigration ciblée“ geändert und die Vereinigten Staaten von Amerika bieten ausländischen Ingenieuren kostenlose Visa an. Diese Politik scheint den afrikanischen Eliten und Forschern wie ein Glückfall, um bessere Arbeits- und Lebensbedingungen in Frankreich oder in den USA zu finden. Diese selektive Migration ist jedoch der größte Feind Afrikas, da seine besten Früchte gepflückt worden und genau dadurch die Entwicklung Afrikas erheblich behindert wird.

Mit dem Abwandern von hoch qualifiziertem Personal wie Forschern, Informatikern und Ärzten, verliert Afrika seine Substanz und seine Kompetenzen. Die Flucht der Eliten ist eine der schlimmsten Katastrophen des Kontinents und ein Profit des Westens. Einige Länder wie Haiti, Kapverdische Inseln, Gambia und Somalia haben die Hälfte ihrer Eliten durch Auswanderung verloren. 15 Prozent der Akademiker sind auf der Suche nach besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen.

Die Beweggründe und Ursachen der Auswanderung sind zahlreich: Mangel an wirksamer Politik für die Erhaltung der Eliten in ihren Heimatländer, Mangel an Finanzierung der Forschung, wirtschaftliche und politische Krisen, Kriege und Konflikte, Mangel an notwendiger Infrastruktur für Gesundheit und Bildung. Beispielhaft sei hier Benin genannt: Die Île de France (Region in Nordfrankreich) verfügt über mehr Ärzte aus Benin als Benin selbst.

Die Diasporagemeinden sind interessante und wichtige Partner der Entwicklungszusammenarbeit, nicht nur wegen ihrer Geldtransfers. Laut Weltbank überweisen Migranten jährlich 328 Mio. Dollar in die Entwicklungsländer. Aber sie fungieren auch als Brückenbauer zwischen Ländern und Kulturen. Insofern haben sie den Bezug zu ihren Herkunftsländern keineswegs verloren.

migration-geschichte.de: Migration und Entwicklung: Wie könnte man  die Diasporagemeinden stärker in die Entwicklungspolitik integrieren?Eine andere Seite der Entwicklungswirkung der Diaspora ist ihr gemeinnütziges Engagement, was quantitativ schwer zu beziffern ist. Die Diasporagemeinden aus Afrika organisieren sich oft je nach gesellschaftlicher und sozio-kultureller Herkunft und auch nach Anspruch der Einwanderungsländer. So haben in Frankreich zwei drittel der Migrantenselbstorganisationen als Ziel Solidarität und Selbsthilfe. Sie stammen meist aus demselben Dorf oder der Region.

In vielen Bereichen wie Armutsbekämpfung, Bildung, Gesundheit, Energie, Konfliktlösung) ähneln sich die Ziele der Diasporagemeinden mit denen der Entwicklungspolitik. Die Aktivitäten sind jedoch immer parallel gelaufen. Es ist jetzt an der Zeit, ohne gegenseitige Behinderungen zusammenzuarbeiten.

Wie kann man die Diasporagemeinschaften in die Arbeit integrieren?

Die Kooperation ist wohl möglich, indem sie mit gegenseitigem Austausch auf Augenhöhe beginnt. So können sie sich gegenseitig ergänzen. Das „A und O“ ist die Erleichterung der Anerkennung der Abschlüsse und Diplome der ausländischen Fachkräfte.

Eine Qualifizierung der Diaspora in Sachen Management von Projekten ist ebenfalls sehr sinnvoll. Mehr Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein seitens der Migranten könnte die Zusammenarbeit erfolgreicher machen.

Die Diasporagemeinschaften sollten die Möglichkeiten haben, an Konferenzen und Tagungen, die ihre Herkunftsländer betreffen, teilzunehmen. Nicht nur als Fachkraft, sondern auch als Ressourceperson mit interkulturellen Kompetenzen (Kulturen und Sprachen).

Die Partnerländer beziehungsweise die Regierungen der Herkunftsländer sollten das Engagement und den Weg des Migranten als Entwicklungshelfer und als wertvolle Ressource erleichtern.

Die zirkuläre Migration wäre eine Alternative, um die hoch qualifizierten Migranten, die nicht in die Heimat zurückkehren wollen, in die Entwicklungsprojekte einzubeziehen.

Gilberte Raymonde Driesen, Mülheim an der Ruhr, im Juli 2010


Die Mülheimerin Gilberte Raymonde Driesen (Germanistik-Lehramt im Senegal; Entwicklungspolitische Referentin und DaF-Lehrerin in Österreich; Mitgründerin des Vereins AfricaVision e. V. und ehemalige Mitarbeiterin der RAA) hat ihre kulturelles Wurzeln im Senegal. Sie ist Seminarleiterin beim entwicklungspolitischen Schulaustauschprogramm ENSA. Diese Institution fördert den entwicklungspolitischen Schulaustausch zwischen Deutschland und Ländern in Afrika, Asien und Lateinamerika. ENSA geht zurück auf einen Beschluss des Deutschen Bundestages im Jahr 2002, ein „Entwicklungspolitisches Jugendprogramm Solidarisches Lernen” einzurichten.

Das übergeordnete Ziel von ENSA ist es, ein wachsendes Netzwerk aus Nichtregierungsorganisationen (NRO), LehrerInnen und SchülerInnen darin zu unterstützen, sich für eine global nachhaltige Entwicklung einzusetzen. Für die verschiedenen Akteursgruppen, die im ENSA-Programm zusammenarbeiten, gibt es somit genaue Zielsetzungen, die dem ENSA-Leitbild „Lernen EINE WELT zu sehen“ entsprechen.
(Quelle: ENSA)

Migration & Geschichte: Lesen-Icon für Buchempfehlungen. Der hier veröffentlichte Beitrag wurde geschrieben für den Studientag „Migration und Entwicklung“ des VENRO – Verband Entwicklungspolitik Deutscher Nichtregierungs-Oraganisationen – am 1. Oktober 2009 in Bonn. Die gesamte Berichtsbroschüre zur Veranstaltung „Migration als Chance“ gibt es als Download (2,8 MB), (Quelle: VENRO)

Kontakt: vhs@muelheim-ruhr.de
kw@wichmann-kommunikation.de
http://www.kulturbetrieb.de
http://vhs.muelheim-ruhr.de
Das Projekt Migration & Geschichte
wurde durch die Leonhard-Stinnes-
Stiftung gefördert.

Impressum
Stand: 12.07.2011

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