Migration · Integration · Interkulturelles Leben
Das Gesicht der Migration in Mülheim an der Ruhr zeigen

Migration und Geschichte
Bild Engel usw.

Mit den Augen eines Kindes : Deutschland, Land der Engel und der Traum von einem selbst bestimmten Leben

Die Arbeitsmigration in den 60er und 70er Jahren trennte oft Familien. Was machen die Kinder, deren Väter und Mütter im Ausland leben, um dort zu arbeiten? Welche Vorstellungen haben sie von diesem fernen unbekannten Land, in dem die Eltern sind? Eine türkischstämmige junge Frau berichtet. Zum Schutz der Identität habe ich das Interview anonym geführt. Meine Gesprächspartnerin nenne ich daher H. Zu den Gründen gibt es vielleicht später einmal einen weiteren Artikel.

Von Anfang an: H. wurde in einem kleinen Dorf mit 200 bis 300 Einwohnern Ende der 60er Jahre in der Türkei geboren. Das war eine Landgemeinde mit einer geteerten Hauptstraße, anderen kleinen Wegen, die bei Regen leider zu Morast wurden, einem kleinen Fluss, der manchmal über die Ufer trat und einem zentralen Brunnen mitten im Dorf. Es gab damals, in den 60er Jahren, schon Elektrizität aber nur selten Wasseranschlüsse in den Häusern. In der Küche war in aller Regel eine offene Feuerstelle, gekocht wurde mit Gas. Hier und da stand ein Fernseher in den Wohnungen, ab und zu war auch ein Telefon vorhanden.

Die Einwohner lebten in bescheidenen Verhältnissen, nicht arm, aber von Überfluss keine Rede. Landwirtschaft prägte den Alltag, es wurden Gemüse und Baumwolle angepflanzt und gehandelt und natürlich war man zum größten Teil Selbstversorger aus dem Hausgarten. Es gab Kühe und Hühner im Ort, ein Männer-Café und einen Krämerladen. Und eine Schule mit fünf Klassen. Alles das sehr überschaubar, man kannte sich im Dorf, fast jeder war irgendwie miteinander verwandt. "Für uns Kinder war das Leben im Dorf ein Idyll. Wir konnten überall rumtollen, am Fluss und im Schlamm spielen, es gab eine Menge Platz, die Kindheit war schön und ungezwungen", so H.

Trennung auf Jahre: "1970 ging der Vater nach Norddeutschland, um dort zu arbeiten. 1974 zog dann auch die Mutter nach Deutschland. Ich lebte nun bei der Oma in der Türkei, das war von da an meine wichtigste Bezugsperson, die ich sehr mochte – und ich ging in die Schule. Wir hatten eine Lehrerin, die mein großes Vorbild wurde. Das war eine Frau, die studiert hatte, die scheinbar selbstständig war und nicht das tat, was normal war für eine Frau in der Türkei: Haushalt führen, Kinder kriegen, häkeln, stricken, Feldarbeit machen. Schon mit sechs, sieben Jahren hatte ich den Wunsch, auch so zu werden. Ich wollte mich verweigern, nicht den Trott gehen, für den ich eigentlich bestimmt war. Und ich wollte nicht den Cousin heiraten, dem ich schon vor meiner Geburt versprochen war", erzählt H. "In der Schule trug man eine Schuluniform, da sahen wir alle gleich aus, das verwischte die Unterschiede zwischen ärmeren und reicheren Kindern. Dort war ich aber nicht lang. Schon im ersten Schuljahr wurde ich ausgeschlossen, weil ich zu klein und zart war. Aber ich war neugierig."

Wirtschafts-Wunder-Land: Deutschland, 20 Jahre nach der großen Katastrophe des Zweiten Weltkrieges war ein Land im Aufschwung, der Wiederaufbau war eigentlich noch nicht ganz abgeschlossen, es gab eine Menge zu tun. Es gab so gut wie keine Arbeitslosigkeit, eigentlich Vollbeschäftigung und jeder, der einen Arbeitsplatz suchte, hatte gleich eine ganze Reihe Stellen zur freien Auswahl. Es ging den Menschen gut, man fuhr in Urlaub auch in andere Länder, man kaufte sich ein Auto.

Was wusste ein Kind in der fernen Türkei, wie stellte es sich den Ort vor, wo Vater und Mutter lebten? "Deutschland, so meine Vorstellung, das war das Land, wo Engel wohnen und die Menschen ewig leben", erinnert sich H. "Alles dort muss schön sein und sauber."

Vater und Mutter als Fremde: 1976 reiste H. dann mit zwei Geschwistern nach Deutschland, zu Vater und Mutter, von denen sie sechs Jahre, bis auf einige Besuche in der Türkei, getrennt waren. "Und als ich dann in der großen Stadt meinen ersten Spaziergang machte, habe ich mich gleich verlaufen, fand nicht zurück zur Wohnung, hatte Angst und die Orientierung verloren in der großen Stadt. Vater und Mutter waren uns fremd und   unvertraut. Mein Bruder, der mit mir aus der Türkei gekommen war, nannte die Mutter Tante, weil die Oma in der Türkei eigentlich die war, die die Mutterrolle übernommen hatte. Meine Schwester hatte richtig Angst. Und es waren zwei weitere Kinder da, unsere Geschwister, hier in Deutschland geboren, die wir noch nie gesehen hatten."

Eigenständigkeit leben: H., gerade mal sieben Jahre alt, als älteste der Kinder, musste Verantwortung übernehmen, auf die kleineren Geschwister aufpassen, Fläschchen geben, Windeln wechseln und kleinere Arbeiten im Haushalt machen. Mit acht Jahren kam sie in Deutschland in die zweite Klasse. Sie hat sich frei gemacht, so wie sie es sich schon mit sechs, sieben Jahren in der Türkei vorgenommen hatte, dem Vorbild der Lehrerin folgend. Sie hat dann studiert, Ihren Hochschulabschluss gemacht, wurde Deutsche, hat später geheiratet, nicht den Cousin, und hat sich ihren Wunsch von Unabhängigkeit und einem selbst bestimmten Leben erfüllt.

Klaus Wichmann, im Juni 2007


Kontakt: vhs@muelheim-ruhr.de
kw@wichmann-kommunikation.de
http://www.kulturbetrieb.de
http://vhs.muelheim-ruhr.de
Das Projekt Migration & Geschichte
wurde durch die Leonhard-Stinnes-
Stiftung gefördert.

Impressum
Stand: 30.07.2010

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