Formen der Migration sind auch Flucht, Vertreibung, Deportationen und Zwangsmigration: Auch Mülheim an der Ruhr war während der Nazi-Diktatur in großem Umfang davon betroffen. Diese Verbrechen dürfen nicht in Vergessenheit geraten.
Verbrechen an Jüdischen Mitbürgerinnen und -Bürgern
Rede von Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld zum Gedenken an den 9. November 1938 am Sonntag, 9. November 2008 (Auszug): „... Zum 70. Mal jährt sich die Nacht, in der in ganz Deutschland Synagogen brannten. In der Schaufenster jüdischer Geschäfte von Angehörigen der SA und SS zertrümmert wurden. In der Wohnungen jüdischer BürgerInnen zerstört und die BewohnerInnen misshandelt wurden. Hunderte Menschen wurden ermordet oder in den Tod getrieben. Zehntausende in den folgenden Tagen in Konzentrationslagern inhaftiert, wo nochmals Hunderte ermordet wurden oder an den Haftfolgen starben. Fast alle Synagogen und viele jüdische Friedhöfe in Deutschland und Österreich wurden zerstört. Und diese vom nationalsozialistischen Regime organisierte und gelenkte Zerstörung von Leben, Eigentum und Einrichtungen der jüdischen Bevölkerung machte auch vor Mülheim an der Ruhr nicht Halt...
... Wenn ich erleben muss, dass in Mülheim rechte Parteien mit Ständen an öffentlichen Orten um Zuspruch und Mitglieder werben, dann bin ich schockiert und alarmiert. Und ich mache mir Sorgen um die Bereitschaft in unserem Land, unsere Demokratie zu schützen und wenn nötig zu verteidigen. Wir müssen uns alle von Anfang an und entschieden gegen solche Versuche stellen, unsere Gesellschaft mit rechtem Gedankengut zu unterwandern...
... Keiner darf wegsehen und weghören. Und auch vermeintlich kleine Alltagsdiskriminierungen müssen entschieden und mit Zivilcourage angegangen werden. Dazu möchte ich alle aufrufen! Das sind wir den Opfern der nationalistischen Terrorherrschaft schuldig.
Wir müssen aus unserer Geschichte lernen und Gelerntes auffrischen... Wir verneigen uns vor den Toten und gedenken der Jüdischen MitbürgerInnen, die durch das Terrorregime der Nazis ermordet wurden... “
Zwangsmigration: Stadtrundfahrt zu den ehemaligen Zwangsarbeiterlagern
Die VVN - Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten, Kreisvereinigung Mülheim an der Ruhr e. V. hat sich zur Aufgabe gestellt, das Gedenken an die Zwangsarbeiter in Mülheim an der Ruhr aufrecht zu halten.
Zwei oder drei Mal im Jahr bietet die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten, Kreisvereinigung Mülheim an der Ruhr e. V. eine Stadtrundfahrt zu den Standorten der ehemaligen Zwangsarbeiterlager aus der Zeit von 1939 bis 1945 an. Diese geführte Stadtrundfahrt beginnt in aller Regel in der Stadtmitte, sie wird mit einem Bus durchgeführt und dauert ca. 2,5 bis 3 Stunden. Die Kosten betragen pro Person 10 Euro. Anmeldungen: VVN - Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten, Kreisvereinigung Mülheim an der Ruhr e. V., Helmut Hermann, Telefon: 02 08 / 47 35 71, E-Mail: hel.hermann@arcor.de
Flüchtlinge und Vertriebene in Zahlen
Zwischen 11 und 18 Millionen Menschen sollen um das Ende des Zweiten Weltkrieges geflohen, nach Vereinbarungen zwischen der UdSSR und Polen 1945 oder nach dem Artikel 13 des Potsdamer Abkommens aus- oder umgesiedelt worden sein. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu zwei Millionen Menschen bei der Flucht umkamen. (3)
Bei der Volkszählung vom 13. September 1950 wurden in der Bundesrepublik Deutschland 7.977.000 Vertriebene gezählt. Davon stammten:
4.541.000 oder 56,9 % aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten; 1.918.000 oder 24,0 % aus der Tschechoslowakei; 650.000 oder 8,2 % aus der ehemaligen Republik Polen und der Freien Stadt Danzig; 639.000 oder 8,0 % aus Ost- und Südosteuropa; 229.000 oder 2,9 % aus westlichen Ländern oder aus Übersee. 1970 waren es 9.598.000, 1985 (vermutlich inkl. der Aussiedler) 10.750.000. (4)
3) Vgl. dazu eine der frühesten und umfassendsten Darstellungen von Theodor Schieder: Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa, Bonn 1954.
4) Alle Zahlen nach Reichling, Gerhard: Die deutschen Vertriebenen in Zahlen. Teil II: 40 Jahre Eingliederung in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 1989, S. 14.
Klaus Wichmann, im Juni 2009
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