Migration · Integration · Interkulturelles Leben
Das Gesicht der Migration in Mülheim an der Ruhr zeigen

Migration & Geschichte: Neue Namen für polnische Arbeitsmigranten: Aus Majcrzak wird Mayer
Postkarte von 1915 an meinen Großvater Thomas, der damals noch Wichrowsky hieß (Abbildung: privat)

Neue Namen für polnische Arbeitsmigranten: Aus Majcrzak wird Mayer

27. Juni 1901 „Der Innenminister des Deutschen Reiches weist den Regierungspräsidenten in Münster an, bei der Eindeutschung polnischer Namen großzügig zu verfahren. Er hofft, dass „Namensänderungen der gedachten Art, welche die Verschmelzung des polnischen Elements mit dem deutschen zu fördern geeignet sind, von Seiten der Behörden jede Unterstützung und Erleichterung erfahren werden. ..“. Obwohl keine genauen Zahlen zu ermitteln sind, lassen sich für die Zeit von 1880 bis 1935 mindestens 30.000 Anträge auf Eindeutschung slawischer Namen im Ruhrgebiet nachweisen. Die deutsche Regierung ist an einer „Germanisierung“ und Integration der Zuwanderer aus Polen und Masuren interessiert.

Die Vorurteile der deutschen Bevölkerung gegen alles vermeintlich „Polnische“ veranlasst auch deutsche Zuwanderer aus den preußischen Ostprovinzen „slawisch“ klingende Namen abzulegen. Die Namensänderung soll Schwierigkeiten mit Behörden und Diskriminierung der Kinder in der Schule verhindern helfen. Nicht selten wählen Träger polnischer Namen gängige deutsche Familiennamen wie Müller, Meier oder Schulze. Da diese Namen zur Kennzeichnung wenig geeignet sind, werden die Behörden angewiesen, auf Namensänderungen anderer Art hinzuwirken. So entstehen um die Jahrhundertwende lautlich vereinfachte Familiennamen, deren slawischer Ursprung noch erkennbar ist:

Aus Majcrzak wird Mayer; Gresch statt Grzesch; Maischach statt Majchrzak; Pizolka statt Piszolka; Friedetzki statt Frydecki; Piecha statt Piechaczyk. Weit verbreitet sind Neubildungen mit den Endungen -feld oder -berg: So wird zum Beispiel Gizelski zu Giesberg und Janowski zu Janfeld.

Manche neuen Familiennamen sollen nach Angaben der Antragsteller Übersetzungen eines slawischen Namens sein: Florczak zu Floren (vom Vornamen Florian); Pawlowski zu Paulsen; Prusinowski zu Preußmann; Rybarczyk zu Reiber.“ (Quelle: Chronik des Ruhrgebiets, WAZ-Buch, Chronik-Verlag in der Hardenberg Kommunikation Verlags- und Mediengesellschaft mbH & Co. KG, Dortmund 1987)

Migration & Geschichte: Neue Namen für polnische Arbeitsmigranten: Aus Majcrzak wird Mayer
Ein Ausweis von 1917 meines Großvaters Thomas, der nach der Namensänderung Wichmann hieß (Abbildung: privat)

Aus Wichrowsky wird Wichmann

Auch meine Vorfahren väterlicherseits stammen aus Polen, aus der Gegend um Posen (heute: Poznań). Auch heute noch wohnen dort Verwandte unserer Familie. In der Zeit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert kamen meine Vorfahren hierher in das Ruhrgebiet. Mein Großvater Thomas, 1883 in Bochum geboren, hieß anfangs noch Wichrowsky. Unter Kaiser Wilhelm
nutzte auch er die Möglichkeit, seinen Familiennamen „eindeutschen“ zu lassen. Aus dem „polnischen Wichrowsky“ wurde der „deutsche Wichmann“.

Klaus Wichmann, Mülheim an der Ruhr, im August 2009


 

Migration & Geschichte: Neue Namen für polnische Arbeitsmigranten: Aus Majcrzak wird Mayer
Das Rathaus in Posen, links 1910, rechts 2005, aufwändig und detailgetreu renoviert (Bildquellen: links, Deutsches Bundesarchiv (German Federal Archive), ZLA 7 Bild-0001; rechts: Radomil, wikipedia 2009)

 

Posen (heute: Poznań)

Im westlichen Teil Polens, an der Warthe gelegen, ist Posen (heute: Poznań) die historische Hauptstadt der Provinz Großpolen und der gleichnamigen Woiwodschaft. Sie ist ein Zentrum von Industrie, Handel und Forschung und gehört zu den kulturellen Mittelpunkten des Landes. Die Universitätsstadt ist zudem größter Verkehrsknotenpunkt zwischen Berlin und Warschau. Posen ist eine der ältesten Städte in Polen. Es ist nicht geklärt, seit wann das heutige Stadtgebiet ununterbrochen besiedelt ist. Die frühesten Siedlungsspuren sind 12.000 Jahre alt. (Quelle: Wikipedia, 2009)

Nach dem deutsch-französischen Krieg (1871) erfolgt die erste Anwerbung von so genannten „Ruhrpolen“: Bergarbeiter aus Oberschlesien, polnische Landarbeiter aus Ost- und Westpreußen und Posen. Mit gezielten Anwerbeaktionen versuchen die Zechenunternehmer ihren explosionsartig gestiegenen Arbeitskräftebedarf im Ruhrbergbau zu decken. Die „Ruhrpolen“ unterscheiden sich durch die katholische Konfession und ihre Sprache von der deutschen Arbeiterschaft und bilden ein eigenständiges Arbeitermilieu in den Städten des Ruhrgebiets, wie Essen, Dortmund, Gelsenkirchen. (Quelle: Bundesministerium des Inneren, 2009)


Kontakt: vhs@muelheim-ruhr.de
kw@wichmann-kommunikation.de
http://www.kulturbetrieb.de
http://vhs.muelheim-ruhr.de
Das Projekt Migration & Geschichte
wurde durch die Leonhard-Stinnes-
Stiftung gefördert.

Impressum
Stand: 16.08.2010

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