Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld gedenkt der Reichspogromnacht

Foto: Walter Schernstein
„Meine sehr geehrten Herren und Damen,
ein Datum mit Symbolcharakter für Deutschland führt uns heute hier zusammen: der 9. November.
Viele Menschen gerade der jüngeren Generationen verbinden mit diesem Datum vor allem die Ereignisse des Jahres 1989. Damals fiel die Berliner Mauer. Die deutsche Teilung fand endlich ihr glückliches Ende.
Trotz seiner immensen nationalen Bedeutung hat man den
9. November jedoch nicht zum neuen „Tag der Deutschen Einheit“ gemacht. Stattdessen begehen wir unseren Nationalfeiertag am 3. Oktober. Warum?
Weil der 9. November in der deutschen Geschichte nicht immer so friedvoll verlief wie im Jahr 1989 – im Gegenteil. Das wohl schrecklichste Kapitel eines 9. Novembers führt uns heute hier zusammen: der 9. November 1938, Datum der Reichspogromnacht. Eingebrannt in das kollektive Gedächtnis unseres Volkes als Synonym für Menschenverachtung, Rassenhass und Antisemitismus.
Kaum ein Datum der deutschen Geschichte ist so bedeutungsschwer wie der 9. November. Darüber hinaus ist es verbunden mit weiteren schwerwiegenden, wenn auch nicht vergleichbaren Ereignissen. Nahezu jede Epoche der jüngeren deutschen Geschichte hatte ihren 9. November.
Lassen Sie mich zurückblicken:
1848 starb am 9. November der Revolutionär Robert Blum. Kaisertreue Truppen richteten ihn nach der Niederschlagung der bürgerlichen Revolution in Wien hin.
1918 rief Philipp Scheidemann am 9. November die Republik aus. Die Ideen von 1848 schienen gesiegt zu haben.
1923 zeigte der 9. November, wie zerbrechlich die republikanische Ordnung war. Die rechtsextreme NSDAP und ihr selbsternannter Führer Adolf Hitler strebten mit einem bewaffneten Aufstand nach der Macht. Ihre politische Ideologie war radikal antisemitisch, antimarxistisch, antiliberal, antidemokratisch, antirepublikanisch, antipazifistisch, kurz: Sie stand für eine strikte Ablehnung der Weimarer Republik.
Dieser Griff nach der Macht endete 1923 vor der Münchner Feldherrnhalle noch im Gewehrfeuer der Staatsmacht. Zehn Jahre später war die NSDAP dann tatsächlich selbst zur Staatsmacht geworden.
Ihre politischen Ansichten hatte die Partei nicht verändert. Ihr wesentliches Ziel war es, Deutschland „judenfrei“ zu machen.
Die Machthaber veränderten die Definition, wer als Jude zu gelten habe. Nicht mehr die Religionszugehörigkeit war entscheidend, sondern die pseudowissenschaftlich definierte „Rassenzugehörigkeit“. Der ursprünglich christlich, also religiös, motivierte Antisemitismus wurde durch einen Rassen-Antisemitismus ersetzt.
Die zeitliche Abfolge der Entrechtung und Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung erweckt aus heutiger Sicht fast den Anschein, als habe es sich bei der nationalsozialistischen Politik um die schrittweise Abarbeitung eines „Masterplans“ gehandelt – ein Szenario zur Vertreibung und Ermordung von jüdischen MitbürgerInnen.
Bewusst geplant waren sicherlich Aktionen wie der Boykott jüdischer Geschäfte im April 1933 oder die so genannten „Nürnberger Rassengesetze“ von 1935.
Andere Ereignisse waren indes nur zum Teil von langer Hand geplant. So auch jene Geschehnisse, die den Hintergrund des 9. November 1938 bildeten.
Heute vor 65 Jahren schlugen Deutsche eine tiefe Wunde ins Herz des jüdischen Volkes – und ins Herz ihres eigenen Volkes. Es ist der Tag der Pogromnacht. Er ist neben Auschwitz zu einem Sinnbild für die barbarische, mörderische Gewalt geworden, mit der Nationalsozialisten jüdischen Menschen zunächst in Deutschland, später überall im besetzten Europa begegneten.
Was ereignete sich genau:
Die NS-Elite hatte sich 1938 – wie jedes Jahr – zum Gedenken an den Putsch-Versuch von 1923 in München versammelt. Bereits am Abend des 8. November traf dort die Nachricht ein, der deutsche Gesandte vom Rath sei in Paris an den Folgen eines Anschlags verstorben. Diesen Anschlag hatte Herschel Gryszpan, ein junger Pole jüdischen Glaubens, Tage zuvor auf den Diplomaten verübt. Er wollte damit gegen die Zwangsausweisung zahlreicher Juden nach Polen protestieren.
Gryszpan suchte durch seine Tat die Weltöffentlichkeit aufzuwecken und das Schicksal seiner Landsleute ins Gedächtnis zu rufen. Den Nazis diente der Anschlag als Vorwand für einen groß angelegten Gewaltakt.
Noch bevor der deutsche Gesandte seinen Verletzungen erlag, erhielten die SA-Verbände überall im Reich Anweisungen, sich bereit zu halten für einen Schlag gegen die jüdische Bevölkerung. Dabei legte die Staatsführung großen Wert darauf, dass die SA-Trupps in Zivilkleidung handelten. Sie sollten den Eindruck vermitteln, die geplante Aktion sei ein spontaner Ausbruch des „Volkszorns“ angesichts einer neuen „jüdischen Gräueltat“.
Die Staatsführung nutzte also die unerwartete Gelegenheit des tödlichen Anschlags auf vom Rath, um die jüdische Bevölkerung weiter einzuschüchtern. Ziel war, sie aus dem Land zu treiben. Endlich hatte auch die SA Gelegenheit, ihren lange aufgestauten Hass kanalisieren zu können.
Das Pogrom fand nicht nur am 9. November statt. Es begann in einigen Regionen bereits am späten Abend des 8. November. Noch am 11. November entlud sich an einigen Orten der angestachelte Hass an jüdischen Menschen und deren Eigentum. Die Bilanz ist bekannt: zahlreiche Tote, Sachschaden und Vernichtung von Kulturgut in bis dato kaum gekannter Höhe, zerstörte Synagogen – auch in Mülheim.
Die „Reichskristallnacht“, wie der zeitgenössische Volksmund die Vorgänge zynisch und schönfärberisch nannte, sollte den Druck auf die noch in Deutschland verbliebene jüdische Minderheit erhöhen und sie zur Auswanderung bewegen. Das Pogrom war zudem ein für alle sichtbares Zeichen für eine Verschärfung der nationalsozialistischen Judenpolitik.
Gewalt im großen Stil wurde als Mittel zur Lösung des vermeintlichen „Problems“ etabliert. Zwar hatte es auch schon vorher Gewaltakte gegen jüdische MitbürgerInnen im Deutschen Reich gegeben, in Intensität und Ausmaß suchten die Gräuel des 9. November 1938 jedoch bis dato ihresgleichen.
Zehntausende Juden wurden in den darauf folgenden Wochen in Konzentrationslager gebracht. Die meisten von ihnen wurden später freigelassen, nachdem sie sich unter Folter zur Emigration bereit erklärt hatten – bei Verzicht auf nahezu ihr gesamtes Vermögen.
Viele gingen, doch viele blieben auch. Sie hofften auf Besserung. Doch es kam schlimmer. Das Verbot der Gewerbeausübung, die Einziehung von Vermögen und die so genannte „Arisierung“ der jüdischen Betriebe ließ den größten Teil der in Deutschland verbliebenen Juden nahezu völlig verarmen. Das erschwerte die Auswanderung. Als knapp ein Jahr später mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg begann, war an eine Emigration ohnehin nicht mehr zu denken.
Mit dem Krieg trugen die Nazis Antisemitismus und Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung in die von der Wehrmacht besetzten Nachbarländer. Zugleich entwickelten die NS-Schergen immer drastischere Pläne gegen die jüdischen MitbürgerInnen auch in Deutschland.
Was am 9. November 1938 ein erstes Fanal der Unmenschlichkeit setzte, endete schließlich im Holocaust. Er bedeutete die planmäßige physische Vernichtung jener Menschen, die schon vorher sozial, ökonomisch und als Bürger und Bürgerinnen ermordet worden waren.
Dem Tod in den Vernichtungslagern ging der soziale Tod in den Heimatstädten voraus.
Vor diesem Hintergrund wird klar, warum der 9. November kein nationaler Feiertag in Deutschland sein kann. Die Bedeutung dieses Datums für die Vernichtung der europäischen jüdischen Bevölkerung ist kein Datum, das sich als Nationalfeiertag eignet.
Dennoch müssen wir die Ereignisse dieses Datums immer wieder vergegenwärtigen. Die Mauer hätte 1989 nicht fallen müssen, wenn es die Ereignisse der Jahre 1923 und vor allem 1938 nicht gegeben hätte. Eine Teilung Deutschlands hätte es ohne Nationalsozialismus und Pogromnacht wohl kaum gegeben – und damit auch keine Berliner Mauer.
Meine sehr geehrten Herren und Damen,
heute jährt sich der 9. November 1938 zum 65. Mal. Bei aller Trauer und Scham, die dieses Datum in uns Deutschen auslöst, gibt es doch für uns in Mülheim auch Hoffnung.
Zum einen ist es uns möglich, gemeinsam und in Frieden mit unseren jüdischen MitbürgerInnen auf dem jüdischen Friedhof unserer Stadt dieses Datums zu gedenken.
Zum anderen blicken wir in diesem Jahr auf 10 Jahre Freundschaft mit Kfar Saba zurück. Vor wenigen Wochen haben wir dieses Ereignis mit einer Delegation aus unserer Partnerstadt gefeiert. Die Verbindung nach Israel und das Vertrauen, das uns von dort entgegen gebracht wird, ist für uns eine Ehre.
Wir werden unser Möglichstes tun, uns dieser Ehre und unserer Verantwortung dafür, dass Barbarei in diesem Land nie wieder eine Chance hat, würdig zu erweisen“.
Kontakt
Stand: 11.11.2003













[schließen]
Bookmarken bei