Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld weiht SYNAGOGENPLATZ ein!

Mit der offiziellen Einweihung des Synagogenplatzes (ehemals Viktoriaplatz) gedachten die Mülheimerinnen und Mülheimer am 9. November dem Jahrestag der s.g. Reichspogromnacht, in der auch die Mülheimer Synogoge 1938 am Standort des heutigen Medienhauses (nahe der Alten Post) den Flammen zum Opfer fiel.

Einweihung Synagogenplatz und Gedenken an die Reichspogromnacht. Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld und Jacques Marx (Vertreter der Jüdischen Gemeinde). Schüler der GHS Bruchstraße.09.11.2009Foto: Walter Schernstein-

Hier die Gedenkrede von Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld:

"Sehr geehrter Marx,

sehr geehrte VertreterInnen aus Politik und Bürgerschaft,

lieber SchülerInnen und LehrerInnen GHS Bruchstraße, des Gymnasiums Heißen und der Gustav-Heinemann-Schule,

sehr geehrte Herren und Damen,

ich danke Ihnen sehr, dass Sie unserer Einladung zur offiziellen Einweihung des Synagogenplatzes gefolgt sind.   Teil der Einweihungsfeierlichkeiten ist die    Kranzniederlegung im Gedenken an die  Reichspogromnacht vor 71 Jahren und  zur Erinnerung an die jüdischen Opfer des Nazi-Terrors.

Es hat lange gedauert, bis  dieser Ort im Herzen unserer Stadt endlich die Namensbezeichnung erhält, die ihm gebührt. Und  ich bin sehr froh darüber, dass wir uns in vergangenen Jahr ohne große politische Diskussionen darauf verständigt haben, diesem zentralen Platz, an  dem vor dem Krieg die Mülheimer Synagoge stand, den Namen  "Synagogenplatz" zu geben. Die Zeit  dafür war gekommen. Ein gutes Zeichen. Eigentlich. Denn wenn wir uns verdeutlichen, warum wir diese Bennenung   heute durchführen, dann erinnern wir uns  an ein menschenverachtendes und abscheuliches Ereignis der Mülheimer Geschichte und unserer Vergangenheit: die Zerstörung der alten Mülheimer Synagoge am 9. November 1938.

 

Die 1909 fertiggestellte neue Stadtsparkasse und die Synagoge auf dem Viktoriaplatz (heute Synagogenplatz)-

Dass das  Unfassbare auch in unserer Stadt geschehen konnte, ist umso schwerer verstehbar, als wir in Mülheim an der Ruhr auf eine lange Tradition jüdischen Lebens blickten:

Bereits 1794 wird die erste Synagoge als zentrales Versammlungshaus der Jüdischen Gemeinde erwähnt. Die Zahl der Gemeindemitglieder stieg stetig an. Und so fasste der Vorstand der Synagogengemeinde 1901 den Beschluss, "ein der Größe der Gemeinde entsprechendes, würdiges Gotteshaus zu errichten". Nach reiflichen Überlegungen wurde ein Grundstück am Viktoriaplatz dafür ausgewählt.

Zur Grundsteinlegung 1905 hob Otto Kaiser den "Geist religiöser Duldung... nach Zeiten finsteren Hasses auch in unserer Vaterstadt Mülheim" hervor. Der junge Rabbiner sagte damals: "Auf drei Anhöhen unserer Stadt erheben sich die Gotteshäuser der drei Konfessionen. Es ist, als ob sie einander zuwinken, als ob sie einander brüderlich die Hand reichen wollten, auf daß nie wieder die Flammen des Hasses emporzüngeln, damit das Wenige, das uns trennt, fortan übersehen bleibe und damit die zahlreichen Fäden, die uns verknüpfen, zu einem starken, ewig dauernden Bunde des Friedens vereint werden."

 

Einweihung Synagogenplatz und Gedenken an die Reichspogromnacht. Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld und Jacques Marx (Vertreter der Jüdischen Gemeinde). Schüler der GHS Bruchstraße.09.11.2009Foto: Walter Schernstein

1907 war die Synagoge fertig, ein stolzer Bau inmitten der Stadt. Unter reger Beteiligung auch der Mülheimer Politik, der Industrie und der Schulen feierte die Jüdische Gemeinde die Einweihung des imposanten Gotteshauses. Der damalige Oberbürgermeister Dr. Lembke betonte, "... daß wir, wenn wir im Namen unserer Stadt sprechen, hier, unsere jüdische Ge--meinde als die unserige, als zu uns gehörig bezeichnen können".

Dieses Versprechen hielt nur 31 Jahre...

Mitte 1938 konnte der unter den Repressionen der Nationalsozialisten um mehr als die Hälfte zurückgegangene jüdische Teil der Mülheimer Bevölkerung die finanziellen Belastungen der Synagoge nicht mehr tragen. Sie verkauften das Gebäude an die Sparkasse. Und mussten dann mit ansehen, wie in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 der damalige städtische Feuerwehrmajor "auf Befehl von oben" die Synagoge in Brand setzen ließ.

Die Feuerwehr selbst durfte nur die Nachbarschaft vor Funkenflug schützen. Die wertvolle Einrichtung war in kürzester Zeit zerstört. Zurück blieb eine Ruine, die 1939 vollständig abgerissen wurde. Mit der dann folgenden Deportation der letzten Gemeindemitglieder während der NS-Terrorherrschaft gab es in Mülheim – offiziell – kein jüdisches Leben mehr.

Einweihung Synagogenplatz und Gedenken an die Reichspogromnacht. Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld und Jacques Marx (Vertreter der Jüdischen Gemeinde). Schüler der GHS Bruchstraße.09.11.2009Foto: Walter Schernstein

Dass die jüdische Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen heute wieder eine so große Mitgliederzahl zu verzeichnen hat, dass sie ein aktives Gemeindeleben auszeichnet, dass sie sogar einen eigenen jüdischen Kindergarten eröffnet –, sollte uns dankbar machen. Heißt das doch, dass Menschen jüdischen Glaubens Vertrauen zu Deutschland gefasst haben und sogar – besonders aus Osteuropa - die Nachfahren der Opfer ins Land der Täter zurück zu kommen wagen. Das grenzt fast an ein Wunder.

Zum 71. Mal jährt sich heute also die Nacht, in der in ganz Deutschland die Synagogen brannten... In der Schaufenster jüdischer Geschäfte von Angehörigen der SA und SS zertrümmert wurden... In der Wohnungen jüdischer BürgerInnen zerstört und die BewohnerInnen misshandelt wurden.

Hunderte Menschen wurden ermordet oder in den Tod getrieben. Zehntausende in den folgenden Tagen in Konzentrationslagern inhaftiert, wo nochmals Hunderte ermordet wurden oder an den Haftfolgen starben.

Fast alle Synagogen und viele jüdische Friedhöfe in Deutschland und Österreich wurden zerstört. Und diese vom nationalsozialistischen Regime organisierte und gelenkte Zerstörung von Leben, Eigentum und Einrichtungen der jüdischen Bevölkerung machte auch vor Mülheim an der Ruhr nicht Halt.

Dieser Akt von Barbarei und Menschenverachtung, der sich vor 70 Jahren in Deutschland und in Mülheim an der Ruhr vollzog, erfüllt uns bis heute mit Fassungslosigkeit, großer Scham und tiefer Trauer.

71 Jahre nach dem 9. November 1938 gedenken wir hier und heute deshalb der von den Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 ermordeten sechs Millionen Menschen jüdischen Glaubens.

Einweihung Synagogenplatz und Gedenken an die Reichspogromnacht. Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld und Jacques Marx (Vertreter der Jüdischen Gemeinde). Schüler der GHS Bruchstraße.09.11.2009Foto: Walter Schernstein

Uns ist dabei bewusst, dass auch unsere Stadt Ort der Ausgrenzung, Demütigung, Misshandlung, Verfolgung und Ermordung jüdischer BürgerInnen war. Und wir müssen bekennen, dass Demokratie, Zivilcourage, Humanität und Mitmenschlichkeit in unserer Stadt nicht stark genug waren, um das zu verhindern.

Das darf  nie wieder geschehen! Deshalb ist die Erinnerung an die Verbrechen, die im Namen des deutschen Volkes unter der nationalsozialistischen Herrschaft verübt wurden, eine zentrale Aufgabe, die uns unsere Geschichte auferlegt hat. Dafür müssen wir Sorge tragen.

Dass heute so viele SchülerInnen an der Veranstaltung teilnehmen, erfüllt mich mit Freude und Zuversicht, dass uns dies gelingen wird. Und ich danke all jenen, die sich durch intensive Vorbereitung und/oder aktives Handeln in diese Gedenkfeier einbringen. Das stärkt die Erinnerungskultur in unserer Stadt.

Für mich ist es unverzichtbar, dass wir anlässlich des Gedenkens an die Gräuel der Vergangenheit auch einen Blick auf die politischen Herausforderungen der Gegenwart in unserem Land und in unserer Stadt werfen.

Ich bin dankbar dafür, dass es in Mülheim keiner rechtsradikalen Partei gelungen ist, in den Rat einzuziehen. Dass deren Mitglieder aber dennoch in der Vergangenheit immer wieder versucht haben, auch in unserer Stadt mit Ständen an öffentlichen Orten um Zuspruch und Mitglieder werben, alarmiert mich. Denn dann mache ich mir Sorgen um die Bereitschaft in unserem Land, unsere Demokratie zu schützen und wenn nötig zu verteidigen.

Wir müssen uns alle von Anfang an und entschieden gegen solche Versuche stellen, unsere Gesellschaft mit rechtem Gedankengut zu unterwandern. Und wir sind alle gefordert, auch verbale Entgleisungen eindeutig zu entlarven und vehement zu ächten.

Keiner darf wegsehen und weghören. Und auch vermeintlich kleine Alltagsdiskriminierung müssen entschieden und mit Zivilcourage angegangen werden. Dazu möchte ich alle aufrufen! Das sind wir den Opfern der nationalistischen Terrorherrschaft  schuldig.

Wir müssen aus unserer Geschichte lernen und Gelerntes immer wieder erinnern, sonst sind wir, wie Hannah Arendt sinngemäß sagte, verdammt, sie zu wiederholen.

Wir verneigen uns nun vor den Toten und gedenken der Jüdischen Mitbürgerinnen, die durch das Terrorregime der Nazis ermordet wurden. 

Synagoge und Hauptpost am Viktoriaplatz (mit Blick in die Wallstraße)

Fotos 9.11.2009: Walter Schernstein

Kontakt


Stand: 05.01.2010

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